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Michael Crichton: Welt in Angst

28.11.2005

Die Entfesselung der Wissenschaften
Die These, die Michael Crichton in seinem neuestem Roman „Welt in Angst“ aufstellt, ist so einfach wie bösartig: Gesellschaften sind am besten zu regieren, indem man ihre Ängste schürt. Sind fassbare Ängste nicht vorhanden, so schaffe man kurzerhand ein gefahrdrohendes Feindbild. Und welcher Feind ist unberechenbarer und unangreifbarer als die Urmächte der Natur?

 

Jonathan Marshall, ein englischer Physik-Doktorand, der im Labor für Wellenmechanik der französischen Marine in Paris beschäftigt ist, lernt in einem Bistro die exotische Schönheit Marissa kennen. Sie zeigt sich sehr interessiert an seiner Arbeit, und so erklärt Jonathan ihr anhand eines Experimentes Entstehung und Wirkung eines Tsunamis. Am frühen Morgen wird er in ihrer Wohnung Opfer eines Überfalls, doch Marissa rettet ihn – vorläufig.Danach geht es quer über den gesamten Globus: von Paris geht die Route nach Malaysia, dann weiter nach London, Tokio, Kanada und endet schließlich in Island. Tatsächlich: Fast jeder Track der CDs spielt an einem anderen Ort, ohne dass man dabei allerdings den Überblick verliert. Dies ist zum Großteil ein Verdienst des Sprechers Johannes Steck, der jedem der Protagonisten - auch den weiblichen - eine unverwechselbare, nuancierte Stimme verleiht. Harmonisch passt sich seine Stimme der jeweiligen Romansituation an. Allein durch winzige Änderungen in der Vortragsgeschwindigkeit dehnt er perfekt den Spannungsbogen und spannt den Hörer wieder und wieder genussreich auf die Folterbank, indem er Pausen gerade an solchen Textstellen einfügt, an denen der Hörer auf Erlösung wartet. Man spürt geradezu, dass es Johannes Steck eine diebische Freude bereitet hat, durch diese kleinen, gekonnten Einlagen das Hörbuch zu einem fingernagelgefährdenden Genuss zu machen. Um zu verhindern, dass dem Hörer die Orientierung bei den ständig wechselnden Schauplätzen verloren geht, ertönt zu Beginn des betreffenden Tracks ein akustisches Signal. Darüber hinaus wird noch der Schauplatz der folgenden Sequenz eingesprochen. Einfach, effektiv und notwendig. Die vorgenommenen Textstraffungen machen sich übrigens zu keiner Zeit negativ bemerkbar. Leider konnte uns aber das allzu konventionelle Booklet nicht überzeugen.

Beste Unterhaltung mit Hintergrund

In „Welt in Angst“ will eine renommierte Umweltorganisation bewusst vier Umweltkatastrophen just zu dem Zeitpunkt ihres Kongresses mit dem Thema „Globale Erwärmung“ auslösen, um ihre Theorien in der Praxis zu beweisen. Dies soll dazu führen, dass alle Kritiker zum Schweigen gebracht, die Gesellschaft geängstigt und den Umweltorganisationen Geld zufließt. Doch dieser Thriller bietet noch mehr, denn er ist mit Anspielungen nur so gespickt: Century City ist ein Stadtteil von Los Angeles, der im Verlauf des Plots eine wichtige Rolle einnimmt. Aber „Century City“ ist auch der Titel einer mittlerweile eingestellten amerikanischen TV-Serie. Diese spielt im Jahre 2035 und handelt von virtuellen Rechtsfällen wie z.B. den Schadenersatzansprüchen eines Klons gegen seinen Schöpfer. Interessantes Detail am Rande: Produzent dieser TV-Serie ist Paul Attanasie, Produzent des Science-Fiction-Thrillers "Sphere", gedreht nach einer Vorlage von Michael Crichton. Und Pauls Bruder Michael wiederum war der Produzent der von Crichton kreierten Erfolgsserie "Emergency Room" mit George Clooney. Crichton weiß also, was er tut, wenn er über Verflechtungen privater und geschäftlicher Interessen als Erfolgsrezept schreibt. Ein weiteres Beispiel: In Culver-City ist die Gruppe von Rechtsanwälten untergebracht, die sich um die hypothetische „Vanutu-Klage“ kümmern. Culver City ist in Wirklichkeit die Heimat von „Sony Pictures Studios“ und deren Tochtergesellschaften „Columbia Pictures“ und „TriStar Pictures“. Wir befinden uns also inmitten der amerikanischern Traumfabrik. Und gerade hier werden dem Hörer am Ende Fakten präsentiert, die eine globale Erwärmung ausschließen. Eine fiktive Klage einer erfundenen Rechtsanwaltskanzlei im Namen einer nichtexistenten Umweltorganisation zum Schutz einer fiktionalen Inselgruppe – das muss einfach ironisch sein!

Vom Monstermacher zum Philosophen?

War Crichton bisher weniger für seine gesellschaftskritischen Anmerkungen bekannt als dafür, den Lesern vor Augen zu führen, was passiert, wenn Wissenschaftler das theoretisch Machbare umsetzen, ohne sich Gedanken über die Konsequenzen zu machen (wie z.B. in seinem vorherigen Roman „Beute“, in dem sich Nanopartikel anders verhielten, als die Forscher planten) so hat er in „Welt in Angst“ ein ganz anderes Thema aufgegriffen, ein staatspolitisches. Crichton vertritt die Meinung, dass Politiker, Massenmedien und Großkonzerne ganz bewusst Ängste in der Bevölkerung schürten, „da ein Staat am Besten durch Angst steuerbar ist“. In den USA löste der Roman zahlreiche Proteste von Umweltorganisationen aus und die Thematik wurde auch in den öffentlichen Medien kontrovers diskutiert, ohne allerdings auf die versteckten ironischen Anspielungen einzugehen und ohne zu berücksichtigen, dass es sich hier nicht um gesellschaftskritische Theorien sondern um einen brillant geschriebenen, glänzend recherchierten und unfassbar spannenden Thriller handelt. Hörer, was willst du mehr!

Wolfgang Haan


Michael Crichton: Welt in Angst
Gekürzte Lesung
Sprecher: Johannes Steck
6 CDs, Laufzeit: 480 min.
Erschienen bei: Audiobuch
ISBN 3899641558
Preis: 29,90 ¤

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