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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 27. Mai 2017 | 11:56

     

    John Griesemer: Rausch (Das Hörspiel)

    17.11.2005

    Mit Dampf und Stahl ins Schmökereckchen!
    Ein Berg von einem Buch! (Cosmopolitan) Eine mächtige Abenteuer- und Liebesgeschichte! (Die Welt) Erhellt von erzählerischem Feuer! (Focus) Ein Riesenpanorama von Wissenschaft, Sex, Erfolg, Tragödie und Katastrophe! (Stern) Was sein Titel verspricht: ein Rausch! (Elke Heidenreich) Und so weiter im journalistischen Wald der Ausrufezeichen... Selten war sich die Kritik so beunruhigend einig.

     

    Selten auch der Leser: „Rausch“ - fünf Monate auf der Bestsellerliste! War hier ein Genie am Werk, imstande ein anstandslos gutes Werk zu verfassen? Lassen wir John Griesemer, den Autor, einmal selbst zu Wort kommen: „Wenn mir jemand gesagt hätte: Setz dich hin und schreibe große Literatur – das hätte ich niemals geschafft. Alles, was ich konnte und wollte, war, eine gute Geschichte zusammenzubringen. Es war wirklich eine sehr bodenständige Arbeit.“ Bescheiden ist er, das macht sich gut. Doch nicht nur das: Bei seinen Lesungen betont er, er sei aus New Hampshire, und fügt hinzu: „New Hampshire voted for Kerry.“ Politisch korrekt ist er also auch, das macht sich hierzulande besonders gut. Aber damit nicht genug: „Unterhaltsam, spannend, interessant und unheimlich sollte mein Buch werden, das war mir ganz wichtig.“Bettelt hier etwa jemand um Anerkennung? Oder muss so ein genügsamer, politisch korrekter und den Zeitgeschmack bedienender Autor nicht einfach belohnt werden, noch dazu wenn er ein Thema anpackt, welches das gute, das alte 19. Jahrhundert mit dem uns eigentlich so fremden 21. verknüpft. Warum fremd? Weil viel zu schwierig! In einer Zeit, in der wir ein unfassliches Arsenal an Apparaten wie selbstverständlich nutzen, ohne uns ihrer Historie, noch ihrer Funktionsweise überhaupt bewusst zu sein, bietet sich das 19. Jahrhundert in seiner rauschhaften Technikversessenheit geradezu als doppelter Zerrspiegel an, welcher die Fratze des Jetzt zu einem einigermaßen ansehnlichen Gesicht entzerrt. Hier darf sogar der PISA-Laie wieder einmal Naturwissenschaft begreifen. Denn seien wir ehrlich: Wir bedienen uns heutzutage einer Technik, die unserem Wissen - welches kaum über das Mechanikverständnis des 19. Jahrhundert hinausgeht - mehr als nur schmeichelt, verhöhnt sie uns doch längst. Daher vermutlich unsere ungebrochene Liebe zu den rührseligen Idyllen in Spitzenhemdchen und Gehrock. Denn wie klar und wunderbar sind uns noch Dampf und Stahl, Zylinder und Zylinderhut, Nuttchen und Herr, Teegebäck und Tülle. Darin sich zu verlieren, welche Lust, oh Leser, welch kuschelige Schmökersicherheit. Willkommen denn im kostümierten Utopia!

    Dramaturgischer Strang oder dünne Wäscheleine?

    Die „Great Eastern“, das größte Dampfschiff der Welt, läuft 1858 vom Stapel. Versehentlich auf den Namen „Leviathan“ getauft, beginnt eine Serie von Unglücksfällen. Ein Unstern scheint diesen Meeresgiganten zu begleiten, der seiner Zeit wohl allzu weit voraus ist. Oder ist das Schiff nur tragisches Symbol einer längst untergegangenen Welt? Schließlich findet es aber doch noch seine Bestimmung: Es verkabelt Amerika und Europa miteinander. Die Globalisierung kann beginnen! Dramaturgisch gesehen ist dieses sich allmählich ausspannende Kabel zwischen den Kontinenten das Zurrseil, welches alle Ereignisse zusammenhält, denn alleine besehen wird daraus nur ein leeres Netz, das keine sechs Stunden (!) Hörspiel tragen kann. Also muss noch ordentlich was rein: Personen, Persönlichkeiten, historische Ereignisse, randständige Storys. Leider wird bei Griesemer aus dem erwünschten vollen Fischernetz allzu oft eine lange Wäscheleine, voller Unterhosen und Socken. Der erste Jogger darf auftreten, Marx überlebt nur knapp den Stapellauf, ein Mann tritt eine Reise über den Atlantik an, seine Frau parallel dazu eine ins Reich der Toten, überhaupt wird der Erzähleintopf doch zu sehr mit Esoterikblümchen garniert.

    Koppelmanns Leimgang

    Signal & Noise - so der Originaltitel des Romans - also eine Botschaft äußerster Dichte und Funktionalität gegenüber völlig sinnentleerten Geräuschen. Diesem Doppeltitel, dem die Philosophie des Buches innewohnt, wollte auch der erfahrene Regisseur Leonhard Koppelmann in seinem Hörspiel entsprechen. Doch leider geht er dem Ganzen monumental auf den Leim. Das Hörspiel wird zur Kakophonie ganz großer Vorhabung. Wo bleibt Ihre wohltuende Nüchternheit, das wir aus Léo Malets „Das Leben ist zum Kotzen“ kennen, Herr Koppelmann? Warum so völlig klangtrunken hier? Die Musik, vielerlei Themen umfassend, treu instrumentiert, noch keine wahrnehmbaren Synthesizer, nur Ziehharmonika, nur Streicher, nur Blechbläser, nur Klavier in bebender, sich permanent aufladender Rhythmik, Crescendo, Crescendo... Doch beinahe unbesonnen stapeln sich hier die Tonspuren zu einem großen Haufen bunter Scherben, die die eigentliche Geschichte nur verschütten. Parallelhandlungen auf Teufel komm raus führen einfach nicht zum erwünschten Ziel. Anstrengung statt „Rausch“, „Tonschutt“ statt „Musikarchitektur“ stellt sich beim Hören ein.Schade, dabei hätte es so schön sein können, auf der Welle des literarischen Erfolgs in den sicheren Hafen der deutschen Ohrmuscheln zu schippern. Was uns bleibt? Dampf, jede Menge dicker Dampf. Und das bei so viel Prominenz! Ulrich Noethen, Maria Schrader, Anna Thalbach, Udo Schenk, Walter Renneisen, Ralf Wolter, Christian Redl, Matthias Habich, Bernhard Schütz. Der große Klang der Namen verliert sich auch hier nur in ein totes Rauschen...

    Christoph Pollmann


    John Griesemer: Rausch
    Hörspiel mit Ulrich Noethen, Matthias Habich, Maria Schrader u.v.a.
    5 CDs, Laufzeit: 352 min.
    Produktion: Südwestrundfunk
    Erschienen bei: Der Audio Verlag
    ISBN 3-89813-393-1
    Preis: 24,95 ¤

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