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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 26. Juni 2017 | 10:51

     

    Ray Bradbury: Leviathan 99

    08.09.2005

    Die Donnerwolke Gottes

    Im Charme der 60er zwar, doch aufgrund tiefschwarzer Romantik fernab aller patrouillierender ORION-Raumschiffe präsentiert sich das Hörspiel Leviathan 99 - eine Moby-Dick-Adaption von Ray Bradbury, produziert im Jahr der Mondlandung und in der pocket-Reihe neu herausgebracht von Der Audio Verlag.

     

    Ismael ist der Name des Wanderers, des Gottsuchers, des Propheten. Wir schreiben 2099, das Jahr der Mars-Pioniere, die Menschheit hat sich aufgemacht den Weltraum zu bevölkern. Ein Dasein zwischen Morgestern und Mittertag. Gemeinsam mit dem Telepathen Quell heuert der junge Ismael bei der Cetus 7 an, einem gewaltigen Raumschiff, welches von einem blinden Kapitän geführt wird. „Gott stieß ihn ins Dunkle durch den Anblick des Ewigen. Er blinzelte nur einmal - das war der Komet Leviathan!“ Von nun an sinnt der geblendete Kapitän auf Rache und will den Kometen endlich zerstören: „Jetzt reibe ich mir die Knochen, um mich neu zu entflammen!“

    Großes Weltraumtheater

    Schon früh bemerkt man den großen Bogen, den Bradbury in seiner Moby-Dick-Geschichte spannen will. So bedeutet Cetus Meerungeheuer, wahlweise auch Wal, und der Kapitän, übrigens ein Albino, sitzt also wie der biblische Jonas in dessen Bauch ein. Oft genug schießt Bradbury mit seinen Ambitionen über das Ziel und findet überhaupt kein Maß für eine endlos ausgewalzte Schwarz-Weiß-Metaphorik. Aber im unendlichen All ist eben viel Raum für große Worte... Der manchmal etwas tranige Tonfall, der sich so sehr ums Klassisch-Sein bemüht, wird dann stellenweise aber wider selbstironisch unterlaufen durch solche Sätze wie: „Du siehst unsere Tradition ist genauso reich an romantischem Unsinn wie eure.“ Überhaupt prägen viele Theaterelemente das Hörspiel. Nicht nur was die sprachliche Ebene angeht, sondern auch durch Techniken wie den telepathischen Monolog Quells - eine moderne Variante der Mauerschau. Der Held Ismael bricht trotz aller Warnungen auf – mit dem großem Illusions- und Traumgepäck eines Sonnenstürmers. Die Mannschaft der Cetus besteht aus launisch grotesken Missgriffen der Natur, beinahe wie eine bunte Gebrüder-Grimm-Schar: Zwerge, Gnome, Titanen und Kindmänner. Doch was Ismael erwartet sind zunächst keine Abenteuer, sondern einzig die endlosen Öden des Weltraums, in denen etliche Roboter scheppern, wie in einem verstaubten vollautomatischen Paradies, irgendwo zwischen Houxley und Aristoteles: „Ist Gott tot? Früher musste ich lachen, wenn ich diese Frage hörte. Er schläft nur, bis ihr Dummschwätzer den Mund haltet. Denn Gott sucht in eurer Suche sich selbst!“ – so werden in Zukunft die Prediger sprechen, und der Weltraum wird zum ewigen Dom. Alles im Text ist religiös-auratisch aufgeladen, und die fortschrittliche Wissenschaft offenbart sich einzig in lächerlichem Krimskrams: Elektronengehirne, Flüssignahrung, künstliche Naturkreisläufe im Raumschiff, magnetische Stiefel, flüsternde Grabsteine mit Märchenparkgesäusel auf dem Friedhof der Astronauten, Abtaster, Mikrofilm, sogar Blindenschrift für den Kapitän, der eine elektrische Radarbrille aufhat.Ziel der Reise ist ein Planet im Schwan, feucht und grün wie die Erde. 10 Jahre wird man mit Lichtgeschwindigkeit unterwegs sein. (Kurios übrigens, wenn im Text von Düsenantrieb die Rede ist.)
    Erster Höhepunkt im Äther wird eine Begegnung mit der Vergangenheit in Form einer Rundfunkwolke aus dem Jahr 1939: Hitlerdisko mit Westernsongs! Die verlorenen Kinder der Zeit, Geisterstädte, Geisterstimmen. Jetzt wissen wir es: Die Cetus befindet sich auf einer Jenseitsreise – und der Hades ist das All, ein umgreifendes Jenseits.Als die Besatzung meutert, lässt sich Quell in Todesahnung von einem Metallwerker seine Todesrüstung schmieden: ein Sarg aus dunklem Metall. Schließlich wirft ein Sturm das Schiff in eine andere Zeit und die Cetus muss wie in der Saragossasee lange in einer Raumflaute dümpeln - ein klassisches retardierendes Moment, vor dem wahren Höhepunkt. Schon bricht ein Zeitsturm los, und der Koment erscheint: „Da, da! Der weiße heilige Schrecken – Leviathan!“ Mit Raketenbooten macht sich der Kapitän auf die Jagd. Und auch das nahende Ende lehnt sich dicht an die Romanvorlage: Kapitän und Komet werden schließlich eins, verdammt zur ewigen unheiligen Prozession im All... Ismael kann sich als einziger retten. Das fliegende Grab des Freundes ist ihm dabei zum Rettungsfloß geworden.

    Ein noch unentdeckter Klassiker?

    Die Idee einer „modernen“ Moby-Dick-Story ist nicht ganz zufällig, schließlich war es Bradbury selbst, der 1956 zusammen mit John Huston das Drehbuch zum berühmten Film mit Gregory Peck in der Rolle des Kapitän Ahab verfasste. Allzu oft wird man aber das Gefühl nicht los, ein wenig mehr Abstand und nicht diese ewig gesuchte Nähe zum Original, hätte dem Text gut getan. Dennoch bleibt Leviathan ´99 durchaus ein morbides Vergnügen und wird sicherlich viele Hörer begeistern können. Und das auch, weil die 36 Jahre alte Produktion des Hessischen Rundfunks zeitlos charmant ist. Es ist durchaus vorstellbar, dass Leviathan 99 eine ähnliche Welle der Begeisterung auslösen könnte wie andere Weltraumepen, auch wenn es hierzu wahrscheinlich einer aufwendigen Verfilmung bedürfte. Dieser Umstand ist dem Hörspielfreund allerdings einerlei. Er erfreut sich nach anderthalb Stunden Hörkino an so nostalgischen Sprecherworten wie: „Wir brachten: ein Stereo-Hörspiel von Ray Bradbury. Es wirkten mit: Wolfgang Büttner, Jürgen Goslar...“

    Christoph Pollmann


    Ray Bradbury: Leviathan 99
    SciFi-Hörspiel1 CD, Laufzeit: 80 min.Produktion: Hessischer RundfunkErschienen bei: D>A

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