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Kempowskli/Adler: Der Krieg geht zu Ende

09.06.2005

„Ein Mädchen und ein Gläschen Wein…“
In dem neunstündigen Hörtext „Der Krieg geht zu Ende“ lesen mehr als 200 Sprecher und Sprecherinnen aus Zeugnissen und Dokumenten der letzten Monate des Zweiten Weltkriegs. Walter Kempowski hat dieses Material gesammelt; der Hörspielregisseur Walter Adler hat es zu einer „Chronik für Stimmen“ arrangiert, einem akustischen Monument des Krieges in den letzten Tagen der Nazi-Herrschaft.

 

Frühjahr 1945. Der Krieg geht zu Ende: Die einen glauben unerschütterlich an den „Endsieg“ und den baldigen Einsatz der neuen Wunderwaffe, die anderen hoffen auf ein schnelles Vorrücken der Alliierten. Eine Frau beginnt ihr „Tagebuch für einen Toten“, ein imaginäres Zwiegespräch mit dem gefallenen Ehemann. Ein 17jähriger verfasst an der Front einen Brief an seinen Führer und bittet um Auskunft, warum die Jungen, die wie die älteren Soldaten das Vaterland verteidigen, nicht auch „in den Film“ dürften. Die Logistik der Konzentrationslager wird akribisch verzeichnet: Belegstärke, Hinrichtungen, Transporte, Totenlisten, Anzahl der Krematorien und deren Kapazitäten. Teile Dresdens verglühen im Feuersturm des alliierten Flächenbombardements, in der Ostsee sinken Flüchtlingsschiffe, ertrinken Kinder vor den Augen ihrer Mütter im eisigen Wasser. In den KZs werden chemische Kampfstoffe an Häftlingen erprobt, Kinder für pseudo-medizinische Versuche missbraucht. Gleichzeitig wird mit der Räumung der Lager begonnen: Massenerschießungen, Todesmärsche, Gemetzel der SS unter den revoltierenden Häftlingen im KZ Buchenwald. Daneben ziviler Kriegsalltag: Lumpensammlungen, Versorgungsengpässe, Zwangseinquartierungen, Plünderungen und vereinzelte Rest-Idyllen mit Platon-Lektüre, Kaffee, Kuchen und Singnachmittagen – trotzig aufrecht erhaltene Normalität im Chaos der letzten Kriegswochen: „Donnerstag ist der Tag, an dem ich gründlich putze.“

Anschauungskraft des Belanglosen

Wer es nicht selbst erlebt hat, kann den Horror des Zweiten Weltkriegs und des „Tausendjährigen Reiches“ nicht ermessen, kann nicht wissen, wie es „wirklich“ war. Aber man kann sich den Zeugnissen aussetzen, welche die Einzelschicksale dokumentieren, und die anschaulich machen, wie sich die einen arrangiert haben mit der Barbarei, die anderen begeistert mitgemacht haben und die dritten ihre wehrlosen Opfer wurden. Walter Kempowski und seinem Sinn für die Anschauungskraft des scheinbar Belanglosen ist es zu danken, dass eine Fülle schriftlicher Aufzeichnungen der Zeugen von Kriegs- und Nachkriegszeit erhalten geblieben ist. In seinem mittlerweile 7000 Positionen umfassenden Archiv hat er unpublizierte Tagebücher, Briefe, autobiographische und biographische Notizen gesammelt und aus diesem Material, aus den schriftlichen Zeugnissen der Zeitgenossen die unlängst abgeschlossene, zehnbändige Weltkriegscollage „Das Echolot“ arrangiert. In seinem letzten Band, „Abgesang ’45“, kommen die Zeugen der allerletzten Kriegstage zwischen 20. April und 9. Mai 1945 zu Wort.
Doch schon lange vor Erscheinen dieses beschließenden Bandes im Februar 2005 war aus den Dokumenten zu Krieg und Naziherrschaft der Hörtext „Der Krieg geht zu Ende“ zu den Monaten Januar bis Anfang Mai 1945 hervorgegangen.Wie die schriftliche Zitatmontage folgt auch die akustische dem Gebot der Ausführlichkeit. Auf nicht weniger als sieben CDs, in diesem Frühjahr im Münchner Hörverlag als Relaunch erschienen, lesen mehr als 200 Sprecher und Sprecherinnen, darunter so bekannte und renommierte Schauspieler wie Ben Becker, Rolf Boysen, Traugott Buhre, Ignaz Kirchner, Ulrich Mühe oder Otto Sander, die Notate von 250 überwiegend unbekannten Chronisten und Chronistinnen des Zweiten Weltkriegs. Kempowski selbst hat das Material für diese knapp 550 Minuten lange Stimmensammlung ausgewählt: Auszüge aus Tagebüchern, Briefe aus dem Feld und aus der Gefangenschaft, Flugblätter der Roten Armee, Durchhalteparolen und Propagandaschriften der Nazis, Auszüge aus Briefen Heinrich Himmlers und aus den privaten Aufzeichnungen von Winston Churchills Sekretär, Notizen von Frauen und Kindern zum täglichen Kampf ums Überleben, zur Routine und zum Schrecken des Kriegs hinter den Frontlinien, Berichte von Soldaten über die Bestialität des Kampfes – Dokumente, die durch gespenstische Nüchternheit wie auch glühenden Fanatismus und heillose Verhetztheit erschrecken.

Endlosschleife von Schuld und Leid

Der Kölner Autor und Hörspielregisseur Walter Adler hat dieses Material zu einer „Chronik für Stimmen“ zusammengestellt, einem Hörtext, der bereits 1995, gemeinschaftlich produziert vom Hessischen, Bayerischen, Norddeutschen und Südwestrundfunk, im Radio ausgestrahlt wurde. Zu hören sind mit Ausnahme weniger bekannter Persönlichkeiten aus Politik und Kultur die vielen unbekannten und bei keiner anderen Gelegenheit vernehmbaren Zeugen der Ereignisse zwischen Jahresbeginn und der Kapitulation am 8./9. Mai 1945: die Soldaten und Zivilisten, Täter und Opfer, Toten und Überlebenden, genau jene, deren Berichte und Erinnerungen auch im „Echolot“ nachzulesen sind.
Und dennoch ist der Hörtext mehr als eine schlichte Verdoppelung des Bekannten im anderen Medium. Er ist auch mehr als eine auszugsweise Lesung aus dem knapp achttausend Seiten umfassenden schriftlichen Text, denn er gewinnt seine ganz eigene Form und Ästhetik aus einer grundlegenden methodischen Differenz zur Zitatmontage in Buchform.Im „Echolot“ nennt Kempowski die vielen Einzelnen, von denen wir lesen, beim Namen, nennt mit Geburts- und Sterbejahr die wichtigsten Lebensdaten, verdeutlicht den Kontext der Aufzeichnungen, indem er den Ort der Niederschrift angibt. Das Einzelschicksal gewinnt so an Profil und hebt sich heraus aus der gesichtslosen Masse der Zeitzeugen – Erinnerungsstiftung und Schöpfungsakt in einem. Kempowski selbst ist sich der Bedeutung seines Tuns durchaus bewusst. In „Culpa“, dem Tagebuch zur Entstehung des „Echolot“, notiert er am 24. April 1992: „Ein Einsender aus Rostock hat sein Manuskript zurückgefordert […]. Der gute Mann hat keine Ahnung, dass das Echolot die einzige Chance war, den Aufzeichnungen seines Vaters ein Forum zu schaffen, d.h., ihn unsterblich zu machen.“

In Walter Adlers Hörtext sinken die Zeugen der Zerstörung und des Untergangs zurück in die Anonymität. Zwar lassen sich Einzelne identifizieren – Hitlers Leibarzt Theodor Morell etwa und die Auschwitz-Chronistin Danuta Czech am Inhalt ihrer Aufzeichnungen, oder Heinrich Himmler, Martin Bormann und einige Unbekannte an mitgelesenen Briefunterschriften –, die überwiegende Mehrzahl derer, die wir hören, bleibt aber namenlos, ist im eigentlichen Wortsinn nur als Stimme präsent. Eine erzählt von den Vergewaltigungen der Rotarmisten, ein anderer vom geifernden Hass der Dorfbewohner beim Anblick vorüberziehender KZ-Häftlinge, aber es bleibt beim anonymen Bericht. Der Hörtext verzichtet auf eine Kommentatorenstimme, die Lebensdaten ergänzen und Angaben zu den einzelnen Personen machen würde. Deren individuelles Schicksal verliert sich in der Zeitlosigkeit eines Stimmenstroms, dessen Ende sich nicht denken lässt. Denn wo im „Echolot“ der Zeitpunkt der jeweiligen Äußerung und damit die noch verbleibenden Tage bis zum Kriegsende immer klar ersichtlich sind, gerät die Datierung der Stimmen im Hörtext trotz gelegentlicher Nennung des Datums ganz in den Hintergrund: Stimme reiht sich an Stimme, und die gut neunstündige Rede suggeriert den Eindruck einer Endlosschleife von Leid und Schuld. Der Hörtext ist eine Litanei der Verdammten. Am schaurigsten klingt sie in jenen Passagen, in denen dem Schrecken des Kriegsalltags Momente von geradezu grotesker Behaglichkeit abgetrotzt werden: „Ein Mädchen und ein Gläschen Wein kurieren alle Not, und wenn du nicht mehr küsst und trinkst, dann bist du morgen tot.“ Rundherum in diesem Frühjahr ’45: Leichenberge, zerstörte Städte, Menschen auf der Flucht.

Babylonisches Gemurmel

Im Interview, abgedruckt im mehrteiligen, die CD-Edition begleitenden Booklet, bezeichnet Walter Kempowski den Hörtext als eine Art buddhistisches Gebet, „nicht, um für sich etwas zu haben, sondern um etwas zu ‚bannen’.“ Damit schließt er an jene Metaphorik an, die sich die Kritik und er selbst zu eigen gemacht haben, um die Gestaltungsabsicht des Autors und die Ästhetik des Textes zu beschreiben: Ein „Chor der vielen Stimmen“ wird „Das Echolot“ gerne genannt, ein „vielstimmiges Konzert“, ein „Stimmengewirr“, ein „Panakustikon“, welches das „Gemurmel“, „Gewisper“ und „Geschrei“ der vielen Ungehörten hörbar mache, ein „babylonisches Gemurmel der Epoche, aber zugleich ein kunstvoll geknüpfter Stimmenteppich“. Im viel wörtlicheren Sinn als das schriftliche „Echolot“ könnte der akustische Text „Der Krieg geht zu Ende“ der Bildhaftigkeit dieser Redeweise gerecht werden. Aber dazu hätte Walter Adler das Risiko eines mutigeren Regiekonzeptes auf sich nehmen müssen und es nicht bei der Addition der einzelnen Äußerungen belassen dürfen. Das „babylonische Gemurmel“, der „Stimmenteppich“ wäre vielleicht zu verwirklichen gewesen, hätte Adler Überblendungen und Überlagerungen nicht nur auf die wenigen Passagen beschränkt, in denen deutsche Synchronsprecher gemeinsam mit englischen und russischen O-Tönen zu hören sind. Mag sein, dass eine Gleichzeitigkeit des Gesprochenen an einzelnen Stellen auf Kosten der Hörbarkeit gegangen wäre. Doch auf die ursprüngliche Intention Kempowskis, notiert in „Culpa“ am 31.5.1991, wäre ein anhaltendes Ineinander und Übereinander der Stimmen eine spannungsreiche Antwort gewesen: „Man müsste, wenn alles fertig ist, die ganze Geschichte durch einen Reißwolf jagen, der nach ständig wechselnden Prinzipien die einzelnen Sätze austauschen würde. Das Ganze wäre dann zwar unlesbar, käme dem jedoch, was ich beabsichtige, näher.“ Wie konnte es nur geschehen? Wie konnte dieser Krieg geführt, all diese Verbrechen begangen werden? Das sind die Fragen, die Walter Kempowski umtreiben, die ihn sein gesamtes Schriftstellerleben hindurch beschäftigen. Die Antwort darauf verweigert auch der Hörtext „Der Krieg geht zu Ende“. Aber er stellt die Fragen neu. Und er stellt sie mit jener beklemmenden Dringlichkeit, die geboten ist, um einer ebenso kaltschnäuzigen wie weitsichtigen Überzeugung zu begegnen, mit der die „Chronik für Stimmen“ am 1. Januar 1945 einsetzt: „Wenn der Krieg aus ist, dann ist alles sicher schnell wieder vergessen.“

Doris Plöschberger


Walter Kempowski / Walter Adler: Der Krieg geht zu Ende
Chronik für Stimmen – Januar bis Mai 1945
Erscheinen bei: der hörverlag 2005
7 CD, Laufzeit: ca. 540 Minuten Preis: 39,95 ¤
ISBN: 3-89584-111-0

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