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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 27. Mai 2017 | 12:01

     

    Jacobs, Opitz, Politycki: Frauen. Na ja. Schwierig

    06.06.2005

    Lyrik. Tja. Hörenswert.

    Welchem Mann ging der Gedanke, dass Frauen schwierig sind, nicht schon einmal durch den Kopf und kam ihm beizeiten über die Lippen? Zu diesem ewigen Thema bietet der Verlag Hoffmann und Campe Lyrik live, produziert und gelesen von Steffen Jacobs, Hellmuth Opitz und Matthias Politycki.

     

    Vielleicht haben Sie diesen Artikel zur Lektüre gewählt, weil sich die Überschrift und Ihre Lebenserfahrungen in bemerkenswerter Deckungsgleichheit befinden? Eventuell hoffen Sie auch, sich vom Gegenteil zu überzeugen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf? In diesem Fall sind Sie wahrscheinlich weiblich oder unverbesserlicher Frauenversteher. Ist gar das Zusammenleben von Mann und Frau letztlich nicht mehr als eine Symbiose, also ein Zusammenleben ungleicher Lebewesen zu gegenseitigem Nutzen? Lesen Sie weiter, um zu erfahren, wie ernst dies alles gemeint ist.

    Vor dem Programm die kleine Programmatik...

    Drei Lyriker der kurzweiligen Art haben sich zusammengefunden, „um der grassierenden Stubenhocker-Lyrik etwas Prägnantes entgegenzusetzen. Nämlich zündende, mitreißende, aufregende Verse, kurz: Gute Gedichte. Sonst nichts.“ heißt es im Booklet. Ein Satz, den ich nicht unwidersprochen hinnehmen kann, auch wenn es etwas vom eigentlichen Thema fortführt: Der Ausschließlichkeitsanspruch, mit dem er die Autoren eines ganzen Genres zu langweilenden Statisten degradiert, die nicht in der Lage sind, ihr Publikum zu fesseln, empfinde ich als gedankenlos. Er stimmt mich nachdenklich und deckt sich nicht mit meinen persönlichen Erfahrungen. Vielleicht scheuen die Urheber dieses Satzes lediglich den Aufwand, sich außerhalb von Feuilleton und renommierten Verlagen nach lebendigen, originären und originellen lyrischen Stimmen umzusehen? In diesem Fall würde sich der Eindruck wohl alleine auf die Würdigung der vergoldeten Oberfläche des Literaturbetriebs stützen, statt die zeitgenössische Lyrik in ihrer gesamten Tiefe und Ausdehnung ausloten zu wollen. Alles in allem ist die Einschätzung meiner Ansicht nach nicht berechtigt und zielt daran vorbei, dem breiten, facettenreichen Spektrum aktuellen lyrischen Schaffens die benötigte Aufmerksamkeit zu verschaffen.

    … und nun die Vorbereitung

    Dessen ungeachtet ist natürlich herzlich wenig dagegen einzuwenden, Gedichte zu verfassen, „die Hörern und Lesern im wahrsten Sinne des Wortes einleuchten“ weil sie genügend Bodenhaftung bewahren und in das lyrische Gehäuse hereinbitten, statt Fenster und Türen hermetisch zu versiegeln und das Gedicht so zu einer Verschlusssache für Eingeweihte zu machen. Texte, die anspringen und haften bleiben und nichts von ihrer poetischen Standfestigkeit verlieren, auch wenn sie sich gelegentlich auf schlüpfrigem Parkett bewegen. Solche Gedichte schreiben Steffen Jacobs, Hellmuth Opitz und Matthias Politycki, die sich auch in ihren Gedichtbänden, aus denen „Frauen. Na ja. Schwierig.“ einen überaus unterhaltsamen Querschnitt präsentiert, häufig mit dem Themenkreis Mann, Frau, dem Drumherum und dem Dazwischen beschäftigen. Ihre Lyrik ist Ausdruck und Folge der sensitiven Wahrnehmung der weiblichen Magie und ihrem pfeilgeraden Weg in die männliche Sensorik. Gedichte, die ihre Sache gut machen, sobald sie zur Sache kommen: modern, originell, quirlig, witzig, (selbst)ironisch, bissig, anekdotisch, kurzweilig, lebendig und – zum Teil auch dank Reim – ungemein einprägsam.

    Der ersten ungefähren Überlegung das widerspenstig Feminine, das eigentlich Unfassbare zu fassen und in einer Lyrik-Leseperformance zumindest annäherungsweise zu bändigen, folgten anderthalb Jahre der Vorbereitung, in denen die Dichter an Textauswahl, Ablauf und Moderation feilten. Die Premiere fand schließlich am 9.März 2004 im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg statt. 350 Zuhörer waren laut Beiheft von der „funkensprühenden Poesie des Dichter-Trios“ begeistert, und die Lesung avancierte zur wahrscheinlich bestbesuchten Lyrikveranstaltung der Hansestadt in den vergangenen zehn Jahren. Nach der Premiere wurde das Programm weiter verfeinert und auch in anderen deutschen Städten vor zunächst interessiertem und später auch begeistertem Publikum zu Gehör gebracht. „Männer können Gedichte verfassen und trotzdem echte Kerle sein!“ fasste die „Süddeutsche Zeitung“ unter dem Eindruck zusammen, dass man einen ganzen Abend lang Poesie hören und trotzdem als glücklicher Mensch nach Hause gehen könne (Anm.: gerade dann!). So lag es nahe, dass das poetische Programm neun Monate nach der Premiere als Hörbuch aufgezeichnet wurde. Um die lyrischen Vibrationen der Lesung authentisch wiederzugeben erfolgte am 1. und 2. Dezember 2004 ein Live-Mitschnitt in der Prinzenbar in St.Pauli. Die CD ist nun bei Hoffmann und Campe erschienen und seit Ende Februar für 17,95 EUR im Buchhandel erhältlich.

    Liebesgeschichten in Versen

    Die Begeisterung des Publikums ist berechtigt! Sie überträgt sich und fesselt den Hörer auch als Konserve. Jacobs, Opitz und Politycki haben ein packendes Programm zusammengestellt, das auch in seinen Details gefällt. Hilfreich ist hierbei, dass alle drei ihre Verse überzeugend und nachhal(l)tig vortragen. Besonders Jacobs und Politycki beeindrucken durch Klangfarbe, Aussprache und ausgeprägte Modulationsfähigkeit ihrer Stimmen in Verbindung mit einer Vortragskunst, die ausgebildeten Sprechern nicht nachsteht und in dieser Professionalität nur von wenigen Autoren beherrscht wird.Das lyrische Programm des Abends ist in zehn Abschnitte untergliedert, die Überschriften tragen wie „Abstecher ins Mannesinnere“, „Brüste, die stramm stehen und ››Hallo‹‹ sagen, wenn man sie mustert“, „Der Blick auf’s Detail“ oder „Denk dran, wenn das Telefon nicht klingelt – ich bin’s!“, die auf der CD aber nicht immer als Einzelabschnitte wahrgenommen werden, weil sie sich zum Teil in (gelungenen) Ein- und Überleitungen auflösen. Wer nun hinter solch unverblümten An- und Aussagen pornographische Inhalte vermutet, liegt falsch. Natürlich geht es in den Gedichten häufig auch um Körperlichkeit. Dies auf einem Niveau und mit einem Vokabular, das nur in einem Fall (Muschi, Möse, Sack, Schwanz, Pimmel) verbal entgleitet, was aber nicht sauer aufstößt, weil das betreffende Gedicht („Angebot freundlicher Übernahme“) als Ganzes nicht unpoetisch ist und zudem von Steffen Jacobs hervorragend interpretiert wird. Für den Hörgenuss gelten etwas andere Gesetze als für das lyrische Leseerlebnis, und ein beeindruckender Vortrag vermag zuweilen über sprachliche oder inhaltliche Schwächen hinwegtrösten, die das Auge anders beurteilt. Der Klappentext des Tonträgers verspricht „eine Liebesgeschichte in Versen“ was ungenau ist, weil es nicht um die Entwicklung einer konkreten Liebesbeziehung geht. Wohl aber werden in den Gedichten kleine Geschichten erzählt. Die drei Lyriker jedenfalls haben sich einiges einfallen lassen, um die Zuhörer in ihren Bann zu ziehen. Dass die Bemühungen nicht vergeblich waren, bemerken Langgeschaltete spätestens nach dem Applaus und den Ovationen des Schlussmedleys, einem „Outro“ - Gedicht aus 42 Zeilen, das aus je einer Zeile aller vorgetragenen Gedichte in der Reihung der Programmabfolge montiert ist. Aber auch zuvor wird durch Szenenapplaus und das entspannte Lachen des (auch weiblichen) Publikums immer wieder hörbar, dass Jacobs, Opitz und Politycki mit ihren Versen den Nerv treffen. Die Veröffentlichung als Live-Mitschnitt macht das Projekt zu einem animierenden Hörerlebnis. Stellvertretend für die vielen spritzigen Verse der CD an dieser Stelle ein Gedicht von Hellmuth Opitz, das den Geist und die Leichtigkeit der gesamten Veranstaltung in sich trägt:

    VierMinutenMai

    Als habe jemand eine Brausetablettein den Abend geworfen, so sprudelnd
    war die Luft. Angeprickelt vom Weintrugst du dein Kleid auf wie eine Speise,
    aufgetischt zur Herrenvergiftung. Kaumhatten sie davon gekostet, die Götter
    Gatten in ihren verkehrsberuhigten Ehen,
    riss es ihre Köpfe herum und ihre Blickestürzten wie Lemminge in diesen Ausschnitt
    vom Mai. Wie er nachglühte im Leuchtender Rapsfelder, in deinem Frühsommerkleid
    und dem Neid, der dahinter und darüberherzog mit Trippelschritten. Ein sanfter
    Südwestwind fasste alles noch einmal
    für uns zusammen: den Raps, dein Kleid,den Neid.
    Die reinste Gelbverschwendung.

    Frauen. Hm. Wunderbar.

    Natürlich können (und wollen) auch Jacobs, Opitz und Politycki in ihren Texten keine finalen Antworten geben. Ihre Gedichte sind reizvolle, gelegentlich hintergründige Hommagen an das stets präsente Verlangen nach der weiblichen Gunst und dem Bestreben dieser fügsam und möglichst lustvoll zu erliegen. Letztlich kommt es nicht völlig überraschend, wenn der Titel des Schlussmedleys („Frauen. Hm. Wunderbar.“) zu einem versöhnlichen Fazit findet, welches aufzeigt, dass wir Männer trotz aller Vorsicht an irgendeinem Punkt unserer Existenz nicht umhin können, den Verführungskünsten der Venusfallen nachzugeben. Zu gerne naschen wir von ihrem Nektar und hoffen dabei, an Exemplare zu geraten, die uns nicht verzehren, wenn wir uns, betört vom süßen Duft, zutraulich auf sie eingelassen haben. Auch Jacobs, Opitz und Politycki sind augenscheinlich immer wieder einigen Exemplaren in den sorgsam ausgelegten Leim geraten. Davon und darüber berichten ihre Gedichte mit Esprit, Humor und Wortwitz.

    Wenn Sie bisher der Auffassung waren, Lyriklesungen seien ungeschmeidig, wird „Frauen. Na ja. Schwierig.“ Sie in Erstaunen versetzen und um die Erfahrung bereichern, Gedichte zu hören, die großes Vergnügen bereiten können. Und vielleicht werden Sie nach dem Abstreifen der Kopfhörer konstatieren: Frauen sind ein Gedicht … oder zumindest die Gedichte wert, die Jacobs, Opitz und Politycki dank ihnen verfassten.

    Andreas Noga


    Steffen Jacobs, Hellmuth Opitz, Matthias Politycki: Frauen. Na ja. Schwierig.
    Lyrik live
    Audio CD
    Erschienen bei: Hoffmann und Campe, 2005
    Preis: 17,95 EUR
    ISBN 3-455-30389-7

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