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Rolf Dieter Brinkmann: Wörter Sex Schnitt

22.04.2005

„Frieden ist der Kiff der Seele“ - Rolf Dieter Brinkmann im O-Ton

Rechtzeitig zu Rolf Dieter Brinkmanns 65. Geburts- und 30. Todestag werden im April 2005 einige viel zu lang gehütete Tonbandaufnahmen endlich veröffentlicht.

 

Mit Wut, ja fast Hass in der Stimme und gehetztem Stakkatoschritt eilt ein Mann durch die Straßen. Wir hören im Gehen herausgepresste Sätze, begleitet vom raschen Aufschlagen der Schuhabsätze und den Geräuschen einer Stadt. Aufgrund seiner Äußerungen entsteht schnell der Eindruck, dass bei nahezu jedem Schritt, den dieser Mann geht, potentiell ein Tritt in den Arsch von jemandem mitschwingt – „Mich bedrängt von allen Seiten diese verdammte, verfluchte scheiß Realität!“

Der ausdrucksstarke O-Ton von Rolf Dieter Brinkmann wurde im Jahr 1973 in Köln aufgenommenen und am 26.01.1974 in einer Länge von 48:44 Minuten erstmals unter dem Titel „Die Wörter sind böse“ in der Reihe „Autorenalltag“ im Rundfunk ausgestrahlt. Der Autor bekam damals vom Sender WDR ein Aufnahmegerät zur Verfügung gestellt und konnte selbst entscheiden, was er für die vorgesehene Sendestunde aufzeichnet. Im Spätsommer 2004 wurde die lange in den Archiven ruhende Hörfunksendung offenbar urplötzlich wieder entdeckt und von mehreren Radiostationen ausgestrahlt – dies war zunächst das Bedeutendste, was von und über Rolf Dieter Brinkmann in den letzten fünf Jahren überhaupt verlautbart wurde. Doch nun zeigt sich: Die Wiederholung der Sendung war nur ein Vorgeschmack auf die Herausgabe einer ganzen Sammlung von O-Ton-Material, das Brinkmann von Oktober bis Dezember 1973 in verschiedensten Situationen aufgenommen hat. 29 Tonbänder mit 656:52 Minuten, also knapp elf Stunden, stehen im Audionachlass zur Verfügung. Etwa sechs Stunden wurden nun unter Mitarbeit von Maleen Brinkmann bei intermedium records auf fünf CDs herausgegeben. Etwas weniger als die Hälfte des Materials bleibt also nach wie vor im Verborgenen. Natürlich kann gerade durch die vorliegende Auswahl Misstrauen aufkommen. Die Herausgeber wissen das und versuchen argumentativ vorzubeugen - u.a. mit dem Verweis auf rechtliche Gründe und dem Hinweis, dass wegen einiger Wiederholungen nicht alle Aufnahmen wirklich interessant seien. Aber es bleibt der über die Jahre entstandene Eindruck bestehen: Die scheibchenweise Herausgabe von Rolf Dieter Brinkmanns Nachlass scheint eher einem an Jubiläumsdaten geknüpften Verwertungskalkül zu folgen, als dem Bedürfnis, diesen Nachlass endlich ein für allemal den Fans und der Forschung zugänglich zu machen. Diese Veröffentlichungspolitik lässt zudem den beinahe makaberen Eindruck entstehen, dass das Wegsterben von Brinkmanns Zeit- und Altersgenossen eine Voraussetzung für die vorbehaltlose Veröffentlichung ist (insbesondere seines in den 70er Jahren entstandenen Werkanteils) und sich insofern bestehende rechtliche Probleme, etwa die Verletzung von Persönlichkeitsrechten durch Brinkmanns Schimpfkanonaden, in weiteren fünf Jahren zumindest ein Stück mehr von alleine erledigt haben…

Die Verzweiflung eines Aufbegehrenden

Aber zurück zu den Aufnahmen: Ob zu Hause oder im öffentlichen Raum, offenbar gern führt Brinkmann die Attribute eines 'Mannes vom Radio' mit sich. Mit umgehängtem Tonbandgerät und Mikrofon in der Hand tritt er wie bewaffnet auf und droht in seinem Habitus manchmal selbst zum "Wichtelmännchen" zu werden, wie er die Mitarbeiter im Rundfunk bezeichnet, droht selbst als "Kontrolleur" zu erscheinen, etwas, das er anderen laut und harsch vorwirft: „Was kontrollierst du denn, du doofe Sau?“Wir hören einen schreienden, flüsternden, abspülenden, einen pinkelnden Brinkmann. Doch muss man wirklich begeistert sein, wenn man die Abwaschgeräusche der Familie Brinkmann präsentiert bekommt? Natürlich nicht. Und wenn Brinkmann stehen bleibt und uns beschreibt und hörbar macht, wie er gerade gegen einen Bretterzaun oder eine Hauswand pisst? Aus der Distanz gesehen wirkt dieser alltägliche Akt heute natürlich nur noch banal, im Zusammenspiel mit Brinkmanns verbal geäußerter Generalabneigung gegen das Leben unter den bestehenden Umständen allerdings wie ein symbolischer Akt des Anpinkelns der Gesamtverhältnisse in den frühen 70er Jahren. Gerne hätte er noch erlebt, jemanden mit diesen Aufnahmen zu provozieren. In Anlehnung an die immer wieder aufkeimende Trash-TV-Debatte wäre dies einmal bewusst kalkulierter Trash-Funk gewesen.

„Big Brother“ Brinkmann?

Im Kontrast zu seinem wortreichen Aufbegehren und den Tonexperimenten mit Menschen und Geräuschen stehen die wohl liebevollsten Zeugnisse, die bisher von Brinkmann bekannt sind. Es sind einige kurze Passagen, einige Momente der Zärtlichkeit, von der Brinkmann so oft als mangelndem Gut spricht, mit seiner Frau Maleen und mit seinem behinderten Sohn Robert. Und dann wieder wird man Ohrenzeuge von Maleens Unmut, kann man sich doch lebhaft vorstellen, wie er seiner Frau mit der wochenlangen Präsenz des Aufnahmegerätes auf die Nerven gegangen ist. Er fordert auch von ihr Äußerungen ein, möchte, dass sie etwas beiträgt, obwohl sie offensichtlich andere Sorgen hat und sich um den Haushalt oder den behinderten Sohn kümmern muss. In einigen Passagen steigert Brinkmann sich ihr gegenüber dermaßen in seine Forderung nach Genauigkeit in ihren Aussagen, dass dies heute fast nur noch skurril wirkt.Welches Tonbandmaterial schon in die Hörfunksendung "Die Wörter sind böse" übernommen wurde, ist leider in dem sehr ausführlichen CD-Booklet nicht vermerkt. Dabei wäre eine Gegenüberstellung interessant gewesen: Verglichen mit der jetzt vorliegenden umfangreichen Abfolge der O-Töne ist die Sendung dramaturgisch durchkomponierter und wirkt insgesamt als wohl ausdruckstärkstes Hörereignis, das es von Brinkmann gibt. Und doch: wenn in diesen Tagen endlich, quasi als 'Director's Cut'-Version, auch der Lyrikband "Westwärts 1&2" in der ursprünglich von Brinkmann geplanten Form erscheint, um 26 Gedichte und die ca. 75-seitige (!) Langversion seines „Unkontrollierten Nachworts zu meinen Gedichten“ erweitert, so bilden die Tonbandaufnahmen den passenden, mehr als nur begleitenden Brinkmann-spezifischen 'Soundtrack' zu seinen großartigen Gedichten. Die Tonbandaufnahmen geben einen intensiven Einblick in ihre Entstehung Ende 1973.

Wenn die Kunst kreißt...

Die gesammelten autobiografischen Aufnahmen, die mit der letzten Aufnahme von Brinkmanns Auftritt beim internationalen Lyrikertreffen in Cambridge 1975, kurz vor seinem tödlichen Autounfall, ergänzt werden, bilden insgesamt ein einmaliges, intensives und durchaus soghaftes Hörereignis: Brinkmann kombiniert, wurschtelt und wütet, schneidet cut-up-ähnlich Geräusche und Musik etwa von Soft Machine oder The Doors zwischen seine verbalen Ausbrüche; will dann aber doch etwas anderes – „Am Liebsten höre ich Stille“ – er verstellt sich und seine Stimme, will dann wieder authentisch sein, weiß, dass dies nicht wirklich gelingen kann, will genau beschreiben, seine gegenwärtige Situation wiedergeben und sieht auch hier nur das Scheitern – „Kein Wort stimmt doch mit dem überein, was tatsächlich passiert“ – erinnert sich an seine Vergangenheit, der Schrecken der Kindheitserinnerungen wird wieder lebendig und wird zum allgegenwärtigen „Schrecken in Deutschland“ stilisiert, er will an der Literatur festhalten, fragt sich aber, wie und wozu – "Mit Literatur ist nicht weiterzukommen" –, widerspricht sich selbst, sagt „Ich hab´ damit nichts mehr zu tun“ – und genau das Gegenteil ist in dem Moment, in dem er das ausspricht, der Fall, er äußert „Ich bin kein Dichter“, konstatiert „Ich bin Publikum“ – und dabei ist er der genaue Beobachter, der sensibel registriert, was mit ihm und um ihn herum geschieht. Letztendlich wird beim Anhören dieser 360 Minuten O-Ton spürbar: Rolf Dieter Brinkmann hat eines genau nicht gefunden – seinen Frieden. Mit nichts und niemandem.

Olaf Selg




Rolf Dieter Brinkmann: "Wörter Sex Schnitt."
intermedium rec. 023 Preis: 49,90 ¤
ISBN 3-934847-47-1



"The Last o­ne"
intermedium rec. 022
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Beide Veröffentlichungen im Paket: 59,90 ¤
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