• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 23. Juli 2017 | 04:48

     

    Bastian Sick: Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod

    03.04.2005

    Germanisches – Allzugermanisches

    Die Zwiebelfischkolumnen von Spiegel-Redakteur Bastian Sick haben sich mittlerweile etliche hunderttausendmal verkauft. Er selbst bleibt gelassen, sagt, es sei schlicht das rechte Buch zum rechten Zeitpunkt gewesen - ein Zeitpunkt der deutschen Sprache mal wieder ordentlich den verstopften Enddarm auszublasen...

     

    Sprachhüter mit Humor. Linguist, nicht Polizist. Sprachpapst von Dudens Gnaden... Sick bleibt gelassen. Das Publikum dagegen reagiert verzückt-panisch. Wie sonst ist es zu erklären, dass eine Sammlung sprachkritischer Kolumnen zu einem Bestsellerereignis wird? Rechtschreibung, Stil, Grammatik – wen juckts? Wie´s scheint das ganze bundesdeutsche Fell! Und tatsächlich: fernab aller akademischen Korinthenzählerei, weist Bastian Sick gar so etwas wie eine Großperspektive auf, einen Überblick über das Tal des deutschen Jammers, wenn er uns allesamt geißelt, uns Sprechende, zudem an Stellen, die so empfindlich sind, denn wir waren ja so stolz darauf...

    Stolz waren wir beispielsweise auf die Unart, ausländische Worte auch ausländisch auszusprechen. Verlacht von uns der engstirnige Franzos mit seiner puritanischen Überwachungsakademie und seiner Unfähigkeit, andere Sprachmelodien als die eigene zu erlernen. Was ihm in den Mund gerät, gerät ihm romanisch! Sieh nur herüber zu uns, du keltischer Bauer, wie man in Deutschland das Zünglein zu schwingen versteht! Wenn hier einer wagt, Expresso zu sagen, dann fliegt er – aus der Volksgemeinschaft! Espresso heißt das, Espresso, kapiert! Dabei wäre Expresso nur eine völlig zulässige Angleichung eines italienischen Wortes an die deutsche Phonetik.Bastian Sick hält uns gerade in solchen Momenten wohltuend-schmerzhaft den blanken Spiegel und nicht den Zerrspiegel vor. Denn das einzige, was hier unter einer Zerrung leidet, scheint unser Zungenmuskel zu sein. Gehorcht fremden Grammatiken meist lieber als seiner eigenen...

    Die Wechselfälle des Worts

    Es geht bei Sick stets um das Ganze. Manches mal allerdings auch nur um ein lockeres Schräubchen im Uhrwerk unserer Muttersprache. Amüsant bleibt er dabei stets, denn er gibt seinen Hörern und Lesern vorab ein Versprechen. Eines, wie es nur der heutigen Mode geschuldet sein kann: bloß nie langweilen! Kann´s das wirklich sein? Ewige Scheu vor der Langenweile? Wann wird es endlich Mode, den Rezipienten möglichst extensiv zum Gähnen zu bringen! Weit kann es nicht mehr sein... Das Faktische scheuen zugunsten eines Kalauers? Leider tritt auch Sick manches Mal in diese klebrige Falle. Seine Entschuldigung: Als Schlussredakteur (das sind die, die als bessere Korrektoren eingesetzt werden, aber dennoch das Wort „Redakteur“ im Titel führen dürfen) habe er oft und lange gegen Marotten seiner schreibenden Kollegen zu kämpfen gehabt. Um diese kollegial austreiben zu können, habe er dann nette Geschichten verfasst, sonst hätten seine Besserungsvorschläge niemals ein lesendes Auge gefunden, nicht mal in seiner eigenen Redaktion. Es lebe die Pädagogik des Infotainment...

    Spaß essen Form auf!

    Nun, Bastian Sick ist, wie er selbst weiß, kein Neuentdecker. Sprachkritiken, ja Sprachsauberkeitsübungen, begleiten eine jede Sprache wie der sprichwörtlich zerrende Köter am Hosenaufschlag. Es wird immer jemanden geben, der sich stemmt - sei´s gegen Anglizismen, gegen den Verfall des Genitiv, gegen Unbewusstheit im Gebrauch der eigenen Sprache. Alles richtig, alles ewig falsch! Notwendig? Überflüssig? Was wir tun, ist, wir erstaunen. Wir erstaunen über Entfremdungserscheinungen in der eigenen Sprache. Aber was ist eine Sprache anderes als eine teils wachsende, teils verfallende Stadt? Evolutionär eben, kaum revolutionär. Dennoch, es lohnt sich ein Blick in die Vorfahrenreihe des jetzt so gefeierten Autors zu werfen. Man beginne beispielsweise mit Opitz, arbeite sich durch die barocken Sprachgesellschaften und lande irgendwann im 20. Jahrhundert bei Ludwig Reiners. (Sehr zu empfehlen!) Ungemein faszinierend arbeitet dieser Autor an einer natürlich wirkenden Stilistik des Deutschen. Aber auch Süskind (nicht der parfümierte!) und in neuester Zeit Wolf Schneider sind nicht ganz zu vergessen. Kurz: Es war mal wieder Zeit für ein solches Buch. Anregend sind die obengenannten Autoren bei weitem mehr als Sick. Zudem mengt sich ins rein vergnügliche Schmunzeln auch mal ein echtes Grübeln. Mit Rudolf Kowalski als Sprecher hat der Verlag einen guten Griff getan. Er vermag es leichterdings den linguistischen Kolumnen alles Zeigefingerhafte zu nehmen und diese Lektionen in Sachen Deutsch zu anregenden kleinen Erzählungen auszugestalten, in denen er sein ganzes schauspielerisches Können zeigt. (Er übernimmt in einigen Passagen bis zu fünf Figuren gleichzeitig.) Seine goudareife Stimme vermag dabei eine Atmosphäre zu schaffen, in der wir bereitwillig ein paar Deutschstunden für Erwachsene erdulden wollen.

    Christoph Pollmann


    Bastian Sick. Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod
    Ein Wegweiser durch den Irrgarten der deutschen Sprache
    Sprecher: Rudolf Kowalski
    2 CDs mit Booklet, Laufzeit: 153 min.
    Produktion: DAV

    ... bis sie dann gestorben sind.

    Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

    Musik in Schwarz-Weiß

    Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

    Zwischen Karikatur und Avantgarde

    Lyonel Feininger ist eine Ikone der Klassischen Avantgarde. Er hat einen festen Platz im Lieblingsmaler-Pantheon. Doch auch solch ein Weltrangmeister ist nicht vom Himmel gefallen. Die Ausstellung ...

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter