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Freitag, 24. März 2017 | 11:16

 

Peter Märthesheimer

27.01.2005

Eine Farce – wie grotesk!
Kaum eine Familiengeschichte wie die der Krupps ist - von der Reichsgründung bis zum Ende des zweiten Weltkriegs - so eng mit der deutschen verknüpft. Was Rang und Namen hat, trifft sich in der Villa Hügel, dem Repräsentationsbau der Bürgerlichkeit. Für den Autor Märthesheimer wird dieser Ort zur Bühne bizarrer Dialoge um den Aufstieg Deutschlands, den Untergang der Republik und die heilsamen Essenzen von Pferdeäpfeln.

 

„Deutsche Geschichte im kunstvollen Zeitraffer“ schrieb der Tagesspiegel. Um es aber vorweg zu sagen: Mitlachen kann man höchstens eine halbe Stunde, eine weitere verschmunzelt man, dann wird es einem jedoch zu kindisch. Kaiser Wilhelm als mathematischer Idiot, Bismarck als ewig duldsamer Berater, Krupp als kranker Pedant und eingeschworener Pferdeapfelschnüffler, Hitler als aufdringlicher Störenfried und verhinderter Kunstturner, Alfried Krupp als höriger Homo, Marx als stammelndes Gespenst, Hindenburg als Übervater der Debilen, Ebert als Sozischwächling – allzu bekannte Abziehbilder, derer sich Märthesheimer hier bedient. Und die grotesken Anreicherungen mancher Figuren rettet diesen Umstand einfach nicht. Auf die Verquickung von Politik und Wirtschaft eine Farce zu begründen, bietet sich natürlich an, nur – es bleibt erkenntnisfrei, ein Taschenspielhörspiel. Für wen also wurde Krupp geschrieben? In Schulen kaum dienlich bleiben also nur Leute, die sich noch an Späßen über preußischen Militarismus, das Kaisertum sein anmaßendes Weltmachtbestreben erfreuen können. Auch grotesk angelegte Szenen greifen nicht weit: Hitler erschlägt Rosa Luxemburg in der Villa Hügel, worauf Bertha Krupp nur die Blutflecken im Teppich moniert. Die SA hat sich gefälligst die Stiefel zu säubern, wenn sie das Haus betritt - und Marx? Seine Stimme spricht immer wieder aus der Ferne zu Krupp: „Ein Gespenst geht um in Europa.“ Mehr nicht.

Gute Sprecher retten dünnes Stück

Komisch wird es einzig, wenn die Spiellust der Sprecher sich großräumig Bahn bricht. Dann übersieht man auch die augenscheinlichsten Schwächen des Textes gerne. Ulrich Noethen als Krupps Sekretär ist stimmlich herausragend, alle anderen machen aus der fadenscheinigen Textvorlage das Beste, sogar Felix von Manteuffel gelingt es, den durchaus blöden Part Kaiser Wilhelms, erträglich und mitunter gar witzig zu interpretieren.
Überhaupt ist die Inszenierung, die Dramaturgie, wenn auch zu lang, gelungen. Über zweieinhalb Stunden Dialoge, die sich stets nach gleichem Muster entspinnen, ist einfach zu viel des Drögen. Vor allem da die puppenhaft geschnitzten Charaktere keinerlei innere Entwicklung aufweisen - und das bei einem Zeitrahmen von beinahe achtzig Jahren! Natürlich will eine Farce, als die das Hörspiel Krupp ausgewiesen ist, kein funkelndes Psychologisieren sein, sondern schroff typisierend. Die immer wiedergekäuten Zusammenhänge von Wirtschaft und Krieg allerdings sind da wahrhaft keine hinter-dem-Ofen-hervorlockende Neuigkeit.

Märthesheimer, der letztes Jahr verstorben ist, hat es leider nicht verstanden mit Krupp subtilere Fragen aufzuwerfen, neue Facetten dieser Dynastie aufscheinen zu lassen oder gar adäquat mit dem Mittel der Farce umzugehen. Sie gerät ihm hier nur zu einer erstaunlich platten Satire.

Christoph Pollmann


Peter Märthesheimer: Krupp oder die Erfindung des bürgerlichen Zeitalters
Hörspiel mit Udo Schenk, Ulrich Noethen u.v.a.
2 CDs, Laufzeit: 154 min.
Produktion: WDR
Erschienen bei: DER AUDIO VERLAG

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