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    Montag, 24. Juli 2017 | 02:43

     

    Gottfried Benn: Das Hörwerk 1928-1956

    10.01.2005

     
    Keiner weine, wenn der Dichter spricht

    Geschwätzig war Gottfried Benn bestimmt nicht. Wer Gedichte schreibt, muss halt mit wenigen Wörtern auskommen und darf sich spachlich nicht vergeuden. Umso kostbarer sind Benns Beiträge im Rundfunk aus den Jahren 1928-1956, die nun als "Hörwerk" vorliegen.

     

    Mit der englischen Sprache hat es Gottfried Benn sicher nicht gehabt, soviel steht fest. Der Meister spricht vom amerikanischen Lyriker "Wald Weitman", von den "feifs avenuen", und überhaupt gewinnt man den Eindruck, als würden seine Fähigkeiten, was die Aussprache anbelangt, nur im Deutschen so richtig zur Geltung kommen. Ist das wichtig? Nein, denn das nun bei Zweitausendeins verlegte "Hörwerk 1928-1956" ist für alle Fans von Gottfried Benn eine wahre Fundgrube. Doch zugegeben: Das Werk wird durch neue Gedichte, Prosastücke, Aufsätze oder Reden nicht angereichert, was man bereits als Text in Anthologien, Werkausgaben, Sammelbänden zu Gesicht bekommen hat, tritt hier in ein anderes, ein verändertes Verhältnis. Aus dem Leser wird ein Hörer, der die einflussreiche Rede "Probleme der Lyrik" und die zur leichten Levitation neigende Stimme des Autors bei den Gedichten "Ein Wort", "Satzbau" oder "Wer allein ist" vernehmen kann.

    Feierlich und ernst

    Benn spricht oft feierlich und ernst - egal ob bei Diskussionen, Reden oder Gedichten. Seine Stimme klingt melodiös und getragen, man hört ihm gern und aufmerksam zu, wenn er mit Peter de Mendelssohn über den "Schriftsteller und die Emigration" diskutiert oder Teile aus seiner Autobiographie "Doppelleben" vorträgt. Bei einigen Interviews greift Benn auf Vorformuliertes zurück, ein Gespräch über die "Phase II" gleicht eher einer Lesung als einem Dialog. Anscheinend hatte Benn eine Aversion gegen spontane Antworten, das Improvisierte war ihm fremd. Warum nur?
    Den eigentlichen Reiz dieser Aufnahmen kann man aber wohl nur schwer ergründen. Dabei gehört der Autor sicherlich zu der Generation von Schriftstellern, bei denen oft gar keine Tondokumente vorhanden sind, deren Leben sich in Fotografien oder Aussagen anderer erschöpft. So kann man nun über 11 Stunden lang die Stimme Gottfried Benns auf sich wirken lassen in Aufnahmen, die teilweise so klar sind, als sei er gestern erst im Studio gewesen. Auch dadurch wird die Zeit überbrückt, die uns nun schon fast fünfzig Jahre von Benn trennt. Die Stimme wird so zum unmittelbarsten Zeugnis für die Existenz eines Schriftstellers und psychologisierend fährt man fort, diese Stimme in Einklang zu bringen zu den Texten.

    Zerfallende Werte

    Zu den Höhepunkten dieses "Hörwerks" dürfen sicherlich die Interviews und Diskussionen gezählt werden, in denen sich Benn enorm eloquent zu Fragen der Dichtung auslässt. Außerdem ist man doch überrascht, wer mit ihm wie früh bereits in Kontakt gekommen ist. In der Diskussion "Soll die Dichtung das Leben bessern?", die 1955 im NWDR ausgestrahlt wurde, ist ein Gesprächspartner Heinrich Böll. Wie kann es anders sein: Bölls Beiträge kreisen natürlich um den christlichen Dichter, seine Aufgaben und sein Verhältnis zur Wirklichkeit. Benn zeigt sich in dieser Runde als ein auffallend humorvoller Diskutant, man mag es kaum glauben, er bringt das Publikum sogar zum Lachen. Doch wer hat eigentlich behauptet, dass Benn humorlos sei?
    Er redet aus einer anderen Zeit zu uns, aus einer Zeit, der man nach Benn nur "nihilistisch" begegnen kann. Was es mit diesem Wunderwort auf sich hat, erfahren wir durch etliche Beiträge, in denen der Dichter sich diesem archimedischen Punkt seiner Literatur und Weltanschauung nähert. Benn durchpflügt die Geschichte des Abendlandes und pickt sich schließlich vom Acker der Zeitläufte, was er für seine Erkenntnis benötigt, dass sich über den Menschen langsam der Himmel zuzieht, dunkle Wolken die Erde beschatten und der Sonnenschein ein Phänomen vergangener Epochen ist. Benn beschreibt den Zerfall der Werte, doch nie anklagend, sondern nur nüchtern konstatierend. Die damalige Wirklichkeit erscheint ihm wie Kraut und Rüben, eine Welt ohne inneren Zusammenhang, die ohne den Zugriff einer ordnenden Hand, eines Schöpfers, auskommen muss. Heute würde sich wohl niemand mehr trauen, mit den Bennschen Begriffen so schonungslos zu operieren. Damals waren sie adäquater Ausdruck einer Zeit, die langsam aus den Fugen geriet.

    Thomas Combrink


    Gottfried Benn: Das Hörwerk 1928-1956.
    Lyrik, Prosa, Essays, Vorträge, Hörspiel, Interviews, Rundfunkdiskussionen.
    Herausgegeben von Robert Galitz, Kurt Kreiler und Martin Weinmann.
    Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2004.
    Gesamtspieldauer: 11 Stunden 9 Minuten.
    1 MP3-CD für 14,95 Euro (ISBN 3-86150-654-8) oder
    10 Audio CDs für 49,95 Euro (ISBN 3-86150-650-5).

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