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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 24. Juli 2017 | 02:43

     

    Werner Fritsch: Sense. Jenseits

    21.06.2004

     
    Die tiefste Hölle brennt im Kopf

    In seinen Hörmonologen Sense und Jenseits verschafft sich Werner Fritsch Zutritt zum Verborgenen: zu den Ursprüngen von Niedertracht und Schmerz, von Hass und Verzweiflung; zu den Obsessionen, die ein Leben scheitern lassen. Wir werden zu Ohren- und Augenzeugen.

     

    Eine Szene wie aus einem Splatter-Movie: Da steht einer manisch-weltvergessen vor sich hin redend im fahlen Licht der untergehenden Sonne und dengelt seine Sense, von deren tödlich-sanft geschwungener Klinge mit jedem Streich des Wetzsteins angetrocknetes Blut abplatzt. Was sich dergestalt festsetzt als alptraumhafte Vision braucht zu ihrer Evokation aber nicht die Visualität des Films, sondern entsteht allein aus einer Eruption der Sprache.

    Sprachfeuerwerker

    Werner Fritsch ist der Feuerwerker, der diese Ausbrüche inszeniert. Auf der Klaviatur der Poesie beherrscht der in Berlin lebende Oberpfälzer alle Lagen, er ist Prosaist und Dramatiker, er filmt und schreibt Drehbücher, Hörspiele, Gedichte und Libretti, und wenn er sich zum Erzählen entschließt, dann tut er dies mit Vorliebe in der denkbar radikalsten und kompromisslosesten Form: im Monolog des vereinzelten Bewusstseins, der einer schrankenlosen Selbstdarstellung ihren Aktionsraum verschafft.

    Wie Fritsch einen solchen Raum mit der sinnstiftenden Kraft der Poesie auszufüllen versteht, die die Versöhnung mit dem Leben leistet, erleben wir im mehrfach ausgezeichneten Erstling Cherubim von 1987, dem Monolog eines Bauernknechts, der redend und erinnernd Lebensgeschichte, Jahrhundertgeschichte und Schöpfungsgeschichte ineinander fabuliert. Wie dieser Raum aber auch zum Schauplatz des Kampfes mit unbesiegbaren Gegnern werden kann, den Dämonen eines bewusstlos gelebten Lebens, kennen wir seit der Monologtirade Sense von 1992, in der der Bauer Lukas Schnurrer, genannt Luck, zum verzweifelt rabiaten Rundumschlag ansetzt gegen eine Welt, die sich in seiner Wahrnehmung auflöst in Bilder von Blut, Hass, Gewalt, Niedertracht und Schmerz. Nichts und niemand findet Erbarmen in seinem haltlosen Wüten gegen die Verhältnisse in der großen Politik und im kleinen Dorf, gegen den Sohn und die Schwiegertochter, „das läufige Luder“, gegen den ehemaligen Jägerfreund, der ihm jetzt den Hund, den Rex, erschossen haben soll, und gegen den „Dorfsprecher“, der nicht wie der Luck an der Ostfront war und in Gefangenschaft, sondern „ein wenig in Frankreich herumgelümmelt hat als Schürzenjäger im Lazarett mit Zipfeltropfen“. 1993 erhielt Fritsch für die Hörspielversion dieses vom Südwestfunk (heute Südwestrundfunk) produzierten Textes den Hörspielpreis der Kriegsblinden. Jetzt endlich liegt dieses Hörspiel gemeinsam mit einem weiteren zum Hörbuch umgearbeiteten Text Fritschs, Jenseits von 2000, als CD-Edition vor; und auch der Monolog Cherubim ist 2002 im Hörverlag erschienen.

    Basso continuo der Wut und des Weltekels

    Zurück zur eingangs beschriebenen Horrorszene: Der 1998 verstorbene Schauspieler Hans Brenner ist es, der den sich mit der Sensenklinge schärfenden Bildern der Heillosigkeit eine packende akustische Dimension hinzufügt. Mit rauer, in Duktus und Intonation leicht bayerisch gefärbter Stimme, die die kaum verhaltene Wut Schnurrers beschwört, besonders auch dann, wenn er sich – scheinbar – versöhnlich gibt, strukturiert Brenner den ununterbrochenen Monolog, verdeutlicht seinen pulsierenden, drängenden Rhythmus, der im nicht interpungierten Text angelegt, aber eben nicht augenscheinlich ist. Was schon die halblaute Lektüre und erst recht Brenners zwingende Verlebendigung sinnfällig macht, ist die Musikalität dieses Textes, die ihn geradezu prädestiniert für eine Realisation als Hörbuch, ihn dabei aber weitgehend unverändert lässt. Norbert Schaeffers Regie unterstützt den Schnurrer Lukas, der des Milchkontingents wegen auf die Schweinemast umgestellt hat – „tu mir nur noch Säu auf den Hof das sind die reinsten Geldscheißer“ –, in seiner rauschhaften Hingabe an die eigene ohnmächtige Sprachmächtigkeit. Unterbrechen lässt er sich darin von nichts und niemanden. Wenn er spricht, ist für alle anderen „Sendepause ist Sense Aus Amen“. Nicht das durchdringend panische Kreischen eines Schweins in Erwartung des Bolzens aus dem Schlachtschussapparat, nicht die disharmonisch spröden Musikfetzen Peter Zwetkoffs, die das Regiekonzept der Textvorlage hinzufügt, können Luck bremsen. Allenfalls fällt er sich selbst ins Wort, und in diesen Momenten ist der basso continuo der Wut und des Weltekels plötzlich kontrapunktiert von Trümmern traumatischer Erinnerung, die den Ursprung von Hass und Selbsthass kenntlich machen. Von Kriegsgräuel ist die Rede – „und draußen haben sie grad jüdische Polacken Wasserpolacken wie wir gesagt haben gehängt“ –, von Gefangenschaft und KZ, aber dieses Wissen verheißt keinem Erlösung: Nicht Schnurrer, dessen im Wortsinn bewusst-loser Redestrom keinen Gedanken zulässt an Schuld und Verstrickung, und schon gar nicht den Zuhörern, denen die assoziative Gedrängtheit des Monologs keinen Raum lässt für Distanz und reflexive Fluchtbewegungen. Denn was die Monologform in bestechender Weise leistet, ist die Beschwörung eines unauflöslichen Paktes zwischen Luck und seinem Publikum. Ihre suggestive Macht ist so weit reichend, dass wir uns den Unsäglichkeiten und Abwegigkeiten eines sich auskotzenden Bewusstseins gerade nicht entziehen, sondern uns einem assoziativ mäandernden Sprachfluss überlassen, der uns bisweilen sogar eine humoristische Atempause lässt im tödlichen Ernst gestauter Aggression: „Alles geht alles tanzt seit dem Krieg nach dem Amerikaner seiner Pfeifen Ihr redet dem Amerikaner nach dem Sinn ohne Hirn Füttert der Amerikaner seine Säu durch Computer füttern wir in fünf Jahren unsere Säu auch mit Computer Aber wenn ich je meine Säu fütter auf Computer mir kommen nur japanische in den Stall kein amerikanischer können ihren Scheißdreck den Russen jetzt andrehen.“

    Es ist nicht zuletzt Hans Brenners virtuoser Umgang mit dieser trotzgepanzerten Stimme und seine Meisterschaft, den drängenden Ton des Textes immer neu zu modulieren, die jene manchmal beinahe zu erleidende Faszination daran garantieren bis hin zu einer letzten, alptraumhaft obszönen Vision, aus der es nur deshalb ein glückliches Entrinnen gibt, weil ihr der Text selbst ein Ende setzt. „So treu sind Hunde Aus Amen.“ So sei es.

    Brachialbeichte als Höllenfahrt

    Der Schnurrer Luck taucht, wenn auch nur ganz am Rande, auch im zweiten Monolog dieser CD-Edition wieder auf, in Werner Fritschs Höllenfahrt Jenseits, als Buch 2000 erschienen, als Hörspiel 1999 ebenfalls vom Südwestrundfunk und wieder unter Norbert Schaeffers zurückhaltender, ganz im Dienst des Textes stehender Regie produziert. Dem Zwang zu reden muss diesmal aber ein anderer nachgeben. Wolfram „Sexmachine“ Sinn (im Buch wird er dann Kühn heißen) ist es, der anhebt zu einer Schreckenslitanei des Todes und der Verderbnis, und die Umstände, die diese Suada anstoßen sind in Jenseits bedrohlicher und bizarrer noch, als sie es in Sense waren: Dort ist es nur Hundeblut, das spritzt, und mag Lukas Schnurrers Blick auf die Welt auch verdunkelt sein, so doch nicht von Blut. Wenn Josef Bierbichler aber der Brachialbeichte des verhinderten Malers Wolfram Sinn eine mal zurückhaltend resignative, mal trotzig aufbegehrende Stimme gibt, dann bleibt bis zuletzt fraglich, woher sie eigentlich tönt. Aus dem Jenseits vielleicht schon, denn Wolfram Sinn hat den Lauf einer Pistole am Kopf, einer „Nullacht von der Wehrmacht“. Und ob das trockene Klicken, das den Monolog einleitet, auf ein leeres Magazin hindeutet, oder ob es nur die letzte Wahrnehmung des Bewusstseins ist, bevor die Schädeldecke birst, vermag auch Wolfram selbst nicht mehr zu entscheiden: „Druck ab Druck ab Druck ab schießt mir durch den Kopf Und der Schuß kommt nicht kommt nicht kommt nicht Wenn ich den Schuß nicht gehört hab bin ich ja bereits tot im Jenseits Und Schwarz Filmriß total.“ Nein, nicht total. Der Film startet neu in „Sexmachine“ Sinns Kopf, und er wird zur Phantasmagorie jenes Höllensturzes, den Wolfram so gerne über den Dornbacher Altar gemalt hätte. Daraus ist nichts geworden. Metzger musste er werden statt Kirchenmaler, aber die Bilder der Heillosigkeit und Verdammnis kann er nicht loswerden, sie finden ihre Projektionsfläche eben im eigenen Kopf. Im Augenblick des Todes oder jedenfalls in seiner Erwartung schießen sie zusammen zu einem Triptychon von Schmerz, Verzweiflung und Todessehnsucht – rot grundiert vom Blut seiner ermordeten Frau Cora, „tot im elektrischen Bett vom Zuhälter Klostermeyer wo immer noch auf und ab wippen tut samt der Cora in ihrem Blut ohne Brüst“.

    Sprachmusik in der Privathölle

    Gepflastert ist diese Privathölle mit den Obsessionen eines gescheiterten Lebens: mit Drogendelirien und Sexorgien, dem Hass auf den Kunstmaler Johannes „Kann-Nix“ Kopf, der „nur so wie ein Maler tut“, aber Tausend Mark bekommt „für die Leinwand vollkacken“, die Hassliebe auf „eine Mutter wie keine Mutter war meine Mutter“, der Liebe zu Cora, die er braucht „auf immer und ewig auf Leben und Tod“, und der besinnungslosen Hingabe an die thailändische Transsexuelle Marylin – „So kann das kein Weib“.

    Um keine falschen Erwartungen aufkommen zu lassen: Bei aller wüsten Obszönität der Bilder – Werner Fritsch befriedigt mit keiner Zeile seines Monologs etwaige voyeuristische Bedürfnisse nach Gewalt und Sex; er schielt mitnichten auf einen fragwürdigen Effekt abstruser Lüsternheit und nackter Brutalität. Dem steht das Vermögen des Poeten entgegen, sich eine Sprache abzuverlangen, die das unwiderrufliche Scheitern an sich selbst in Bilder des namenlosen Schreckens übersetzt, in denen wir unseren Platz nicht finden, weil sie sich einer Angleichung an Bekanntes, an schon Gesehenes und Gehörtes, entziehen. Nicht die Bilder sind es, sondern diese Bilder aufgehoben in Fritschs unendlich nuancenreicher, so spröden wie pathetischen, so derben wie sinnlichen Sprachmusik, die Wolfram „Sexmachine“ Sinns Vorstellungen vom adäquaten Erzählen seines Lebens einlösen: „So tät das reinhauen Direkt Dynamit Der Kracher schlechthin Ein Gotteshammer pur Wenn wer nur so reel wär im Kopf und alles real aufschreiben tät wie er wie es ist.“ Dass dieses Wagnis gelingt in Fritschs radikalem Bekenntnis zu einer Sprache jenseits eingeschliffener Wort- und Satzfügungen, kann „Sexmachine“ Sinn zum Trost werden. Zum einzigen Trost aber auch, denn gnadenloser als das Diesseits gibt sich noch das Jenseits: Der ihm da die Pistole gegen den Schädel drückt, und dem er Rechenschaft ablegt vom Leben als Höllenfahrt ist vielleicht gar nicht der Erzfeind Klostermeyer, sondern womöglich der Leibhaftige selbst, und der ist bei Werner Fritsch niemals bocksfüßig, hat in diesem Fall aber eine Hitler-Visage. Am Ende druckt er ab: „Und Schuß und Schwarz auf ewig ich.“

    Doris Plöschberger


    Werner Fritsch: Sense. Jenseits. Mit Hans Brenner und Josef Bierbichler.
    München: Der Hörverlag 2004.
    2 CD, Laufzeit ca. 76 Min. u. ca. 77 Min.
    ISBN: 3-89940-033-X

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