• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 27. April 2017 | 09:07

     

    Gertrude Stein: Reread another

    29.05.2004

     

    Der Schlüssel neben den Handschellen

    Oskar Pastior spricht Gertrude Stein nach und übersetzt sie in Anderland.


     

    Welch ein Zufall und Glück ist es für den Rezensenten, wenn der bekannteste Satz von Gertrude Stein, in dem sie darauf pocht, dass doch eine Rose eine Rose ist, ebenfalls etwas über den hier verhandelten Text Reread Another verrät. Eine Rose ist nämlich keineswegs eine Rose, so wie eine Wiederholung keinesfalls etwa Stillstand bedeutet. Stein wollte uns mit diesem Satz vor Augen führen, wie klapprig und fehlerhaft unser Denken doch manchmal hinsichtlich der Unterscheidung von Identität und Differenz funktioniert. Wie ein Frosch, der nie auf den Millimeter genau die Länge seines vorherigen Sprunges wiederholt und der bei jedem Satz seine Glieder etwas anders koordiniert, damit er die angepeilte Stelle erreicht, so verändert sich mit jeder Wiederholung die Bedeutung des Gesagten um nur geringe Nuancen. Mit der ersten Rose assoziieren wir andere Erlebnisse, Bilder oder Erkenntnisse als bei den folgenden Wiederholungen.

    Ein Stückchen Kopfzerbrechen

    Das Stück Reread Another fordert dazu auf, die Prozedur zu wiederholen, den Text neu zur Hand zu nehmen und mit der Lektüre frisch zu beginnen. Oskar Pastior übersetzte diese locker entworfene Szenenfolge von Gertrude Stein bereits 1993 aus der Überzeugung heraus, dass mit jedem weiteren Rundflug über das Textgelände neue Details sichtbar werden, und er nannte seine literarische Karte Nochmal den Text ein anderer. Nach dem Flugversuch landet der Übersetzer mit den einfältig verspielten Worten: „Mein Kopf kann das nicht behalten wie und an was ich mich erinnern kann und wie es um mich steht und was ich machen soll. Ich habe alles im Kopf.“
    Dem Leser geht es ähnlich, von der eigenen Unfähigkeit irritiert, die Worte und Sätze nicht in größere Zusammenhänge stellen zu können. Gern würde er dort eine Handlung entdecken, wo keine zu finden ist, denn er hat sich doch so daran gewöhnt, dass die Bücher den Adressaten in der Regel an die Hand nehmen, Orientierung bieten und zeigen, wo es lang geht: Und nun dieses Stückchen Kopfzerbrechen! Doch selbst die in die experimentelle Literatur und ihre Vorläufer Eingeweihten müssen eingestehen, dass Steins Text durch die Unterschiedlichkeit der verwendeten Sprachmaterialien dem Leser in der Tat keinen Zentimeter entgegenkommt. Nicht so sehr der einzelne Satz ist es, der in sich schwer verständlich wäre, ganz im Gegenteil, denn die Sätze sind recht simpel gebaut. In der Ortung von gravitativen Zentren liegt die Schwierigkeit und gleichzeitig der Reiz, denn bei längerer Lektüre wird deutlich, dass dieses Stück sich eher durch semantische Felder als einen durchgängigen roten Faden gliedern lässt. So hält man nun nach Wortverwandtschaften Ausschau, knobelt herum, was zusammengehören könnte, zieht Verbindungen und strickt sich daraus einen eigenen Text.

    Der „Nachsprecher“ am Werk

    Pastior hat sich bei der Übersetzung die Schlüssel neben die Handschellen gelegt, was bedeutet, dass er recht nah am Original entlang übersetzt. Trotzdem konnte er der Versuchung nicht widerstehen, den Text nach eigenem Gusto fortzuspinnen. Aus dem Nichts taucht plötzlich ein „Höricht“ auf, eine Miniatur aus seiner poetischer Produktion. Und was will uns das sagen? Dass es sich hier wie auch schon bei den Beschäftigungen mit Petrarca oder Chlebnikov nur noch bedingt um eine Übersetzung im herkömmlichen Sinn handelt. Er hat Gertrude Stein „nachgesprochen“, wie es am Anfang seiner Übertragung heißt, und damit ist bereits vieles impliziert, was umständlich und tiefgründig in wissenschaftlichen Arbeiten erörtert werden könnte. Anders gesagt: Wer etwas nachspricht, kann sich auch versprechen, kann es falsch verstehen und auch falsch wiedergeben. Er wiederholt sich vielleicht des Öfteren, um sich des Sinnes zu vergewissern. All dieser Techniken bedient sich Pastior, und da der bei Urs Engeler erschienenen Übertragung sowohl der Originaltext als auch eine CD mit der Hörspielfassung beigefügt sind, kann sich der Leser/Hörer von den klanglichen Qualitäten des pastiorschen Vortrags überzeugen. Für die Hörspielfassung hat er es sich nicht nehmen lassen, „mit improvisierten Reprisen, aleatorischen Einschüben, Nach- und Vorwegnahmen der Textpassagen“, wie es in der Editorischen Notiz heißt, seine ursprüngliche Fassung getreu dem Titel Nochmal den Text ein anderer zu variieren. Die Szenen werden akustisch nur durch die kurzen Einschübe des Lochstreifenklaviers von Conlon Nancarrow voneinander getrennt.

    Das Kleinkindische als Spielprinzip

    Die auffälligsten Unterschiede zwischen dem ursprünglichen Text und der Metamorphose liegen in der Art des Humors und in dem Umgang mit Sprache. Bei Pastior sind dem Vokabular keine Grenzen gesetzt, das wuchert bis in die ungewöhnlichsten Wortkonstellationen wie „Drüsen laben“ oder „Gaumengruben“ aus. Gertrude Stein hatte sich weniger auf die Exklusivität der Worte und mehr auf die Alltagssprache verlassen. Die reine Klanglichkeit, die bei Pastior in solch infantilen Phrasen wie „Matsch Quatsch Lutsch. Futsch“ oder „Fatsch Matsch Mentsch“ auftritt, findet kein sprachliches Pendant bei Stein. Doch das Kleinkindische schimmert bei beiden als Spielprinzip durch. In den bei Pastior verwendeten Reimen wie „Drei vier fünf – krieg ich die Hochzeitsstrümpf“, so wie natürlich gespiegelt in der Tatsache, dass dieses Stück in einer Schule spielt, deutet sich an, wie sehr doch das etwas Unbeholfene und dennoch kreative Sprechen eines Kindes speziell für eine Literatur, deren oberstes Prinzip das Beschauen und Betasten der Sprache ist, von Interesse sein kann.

    Dabei bleibt das Buch trotzdem urkomisch, und die Differenz zwischen Pastior und Stein liegt auch wohl darin begründet, dass Reread Another eher durch die Absurdität, mit der die Worte und Sätze mit dem Finger auf sich selbst zeigen und mit sich spielen, einen grotesken Effekt erzeugt. Pastior setzt dagegen den Kalauer, der aber ostentativ als fehlgeschlagen und enthauptet präsentiert wird. Ein Humor, der sich ständig unterläuft und selbst sabotiert und durch diese Autodestruktion den Leser aufschreckt und zu der Frage antreibt, wieso wir doch geneigt sind, uns über solch triviale Dinge zu amüsieren.

    Thomas Combrink


    Gertrude Stein: Reread another. Nachgesprochen von Oskar Pastior: Nochmal den Text ein anderer. Englisch/Deutsch. Urs Engeler Editor 2004. CD mit Buch (50 Seiten). 24 Euro

    ... bis sie dann gestorben sind.

    Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

    Musik in Schwarz-Weiß

    Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

    Zwischen Karikatur und Avantgarde

    Lyonel Feininger ist eine Ikone der Klassischen Avantgarde. Er hat einen festen Platz im Lieblingsmaler-Pantheon. Doch auch solch ein Weltrangmeister ist nicht vom Himmel gefallen. Die Ausstellung ...

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter