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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 27. April 2017 | 09:07

     

    Friedrich Dürrenmatt: Der Verdacht

    17.05.2004

     
    Ritter, Tod und Teufel

    „Ein Verdacht ist schwer zu ertränken und taucht leicht auf.“ In Friedrich Dürrenmatts düsterem Krimi ringt der schwerkranke Kommissär Bärlach mit dem eigenen Leben und mit einem ehemaligen KZ-Arzt um die letzten Dinge.

     

    Ginge man völlig unvoreingenommen an diesen Roman aus den 50er-Jahren heran, müsste man meinen, dieses Buch sei von Joanne K. Kafka geschrieben worden. Allein das Inventar der Personen: ein Riese namens Gulliver, ein zwergenhaftes Mischwesen, halb Mörder, halb Unschuld, die jüdische, morphiumabhängige Geliebte des KZ-Henkers, eine Krankenschwester, die sich als Prophetin gebärdet. Und inmitten dieser Wunderwelt ein Schweizer Kommissär, selbst der Durchschnitt, in dem sich all diese Extreme schneiden, dessen bürgerliches Gewissen zur Schaubühne eines losgelassenen Höllenheeres wird.

    Durch Zufall wächst in ihm und seinem Arzt, Dr. Hungertobel, der Verdacht heran, dass sich hinter dem Chef der Zürcher Edel-Klinik Dr. Emmenberger der einstige KZ-Arzt Dr. Nehle versteckt. Dieser operierte im KZ Stutthof Gefangene ohne Narkose. Wer diese Operation überlebte, erhielt die Chance wenigstens in ein anderes, weniger grausames KZ zu gelangen. Bärlach geht diesem Verdacht nach und lässt sich unter falschem Namen in die Klinik des vermeintlichen Massenmörders einweisen. Bald darauf kommt es zum psychologischen Zweikampf zwischen dem siechen Alten und dem großen Nihilisten.

    Geburtshelfer der Höllenbrut

    Die scheinbare Dramatik des Plots muss, allein schon weil der Kriminalist Bärlach ans Bett gefesselt ist, im Innerweltlichen ausbrechen. Etwas zu gründlich und behäbig geht die Erzählung da voran, man wird dem behäbigen Denkprozess des Polizisten geradezu ausgeliefert. Überraschungen kommen nur spärlich, dafür aber mit Kraft. Dürrenmatt will nicht atemlos unterhalten, er will vielmehr untergründig aushöhlen, aufdecken wie leer, wie glaubenslos die Menschheit geworden ist. Bärlach erscheint hierbei vielleicht als dröger, betulicher Plauderer - und das Ganze hat wirklich oft den Charme eines Altherrenstücks, eines philosophischen Miss-Marple-Pendants – doch geht es in der Enge all der Klinikzimmer, im Schein einer Lampe, im Kreis so ruhigen Lichts immer auch um das Größte. Zug um Zug öffnen sich plötzlich die gewaltigen Horizonte zwischen Höllenkreis und Paradies. So tut sich auch der Folterkeller überraschen hinter der Wand des Sterbezimmers auf.

    Sinnsuchersumpf

    Doch das permanent Appellative - bei Dürrenmatt schießt alles ins Weltall hinauf und hinaus - hat eine schwache Seite: die Figuren beginnen sich zu ähneln, allesamt sind sie Philosophen, die weite Reden und große Monologe halten inmitten einer engen Winkelschweiz. Das Schaurige bekommt einen Sich und wird alsbald komisch statt absurd. Zudem sprechen alle Figuren eine sehr ähnliche, pathetisch-hochfahrende Sprache und neigen zur Länge und Ausführlichkeit. Die Sache selbst ist ungeheuerlich, die Darstellung jedoch oft schwerfällig.

    Natürlich arbeitet hier Dürrenmatt bewusst gegen die Stilmittel des Kriminalromans, hat er sich doch aus rein finanziellen Gründen für dieses Genre entschieden. So ist eine gewisse Hassliebe, ein Verfremdungswunsch und ein Verfremdungswille durchaus zu verstehen. Nicht umsonst trägt sein letzter Krimi den Untertitel: Requiem auf den Kriminalroman.

    Die Konzeption

    Die Konzeption dieser Produktion, nicht Hörspiel, nicht Lesung, klingt unbeholfen. Es wird in verteilten Rollen gesprochen, was dazu führt, dass der Erzähler „sagte er“, „stellte er fest“, „gab er zurück“ usf. in die Dialoge einflicht, ihnen hierdurch aber ihre Lebendigkeit raubt, da der Hörer die Stimme ja längst identifiziert hat. Es entsteht ein unangenehmes Stakkato.

    Noch schlimmer wird es bei Gedanken. Sind sie nun vom Erzähler oder von der Figur selbst zu sprechen? Doch geradezu hanebüchen wird es, wenn direkte und indirekte Rede wechseln und keiner mehr weiß, wer nun diese Passagen zu sprechen hat. Eine sanfte Textbearbeitung mit klaren Regieentscheidungen hätte hier wohlgetan.

    Die Stimmen stimmen!

    Zugegeben: Wenn man Franz Mattner alias Bärlach zum ersten Mal hört, d.h. die erste von insgesamt vier CDs auf dem langen 300-Minuten-Weg eingeschoben hat, beschleicht einen klamme Furcht vor der Drögheit des Kommenden. Man hört einen Großpapa speichelnd salbadern. Doch seltsam, Bärlachs Art gewinnt inmitten all der phantastischen Ungeheuer und ihren Ungeheuerlichkeiten immer mehr an mildem Reiz. Sein Sprech- und Denktempo mögen schwerfällig wirken, aber es wird zu einer Eigenart, die dem ganzen Spiel zu einer ruhigen Mitte verhilft. Und in der entscheidenden Szene steigert er seine Attitüde sogar noch: durch vollkommenes Schweigen.

    Franziskus Abgottspon als Erzähler ist erste Wahl, er beherrscht die figurale Anverwandlung und das Thronen darüber, er wetzt die Kerben, die ihm eine kantige Konzeption schlug, souverän aus. Doch geradezu überragend - nicht nur durch seine absonderliche Rolle als Jude Gulliver - ist Ingold Wildenauer. Riesenhaft überragt er die Szenerie, der Zerfetzte, zum Überstehen Geborene. Verschlingt Unmengen Wodka zur Betäubung seiner Seele, um zu vergessen, dass seinem Körper - damals im KZ Stutthof - keine Betäubung zukam.

    Negativ in Erscheinung tritt einzig Isabel Menke als Dr. Marlok, zu tot und leer dahergehaucht wirkt ihr Spiel.

    Christoph Pollmann


    Friedrich Dürrenmatt: Der Verdacht. Kriminalroman.
    Erschienen bei: steinbach sprechende bücher.
    Lesung mit verteilten Rollen. Sprecher: Franziskus Abgottspon, Franz Mattner, Daniel Reinhard u.a. 4 CDs, Laufzeit ca. 300 min. 31 Euro. ISBN 3-88698-524-5

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