Anne Sexton: Ich bin wie ein lebender Stein
03.05.2004
Auf Entzug vom Tod
Anne Sexton ist das Trauma hinter der Technicolorleinwand - eine Anti-Doris-Day. „Ich bin wie ein lebender Stein“ heißt das akustische Portrait aus Briefen und Gedichten, welches sich ihrem katastrophischen Durchschnittsleben zu nähern sucht.
Auf der High-School hat Anne nur Jungens im Kopf, brennt mit einem schließlich durch, heiratet den und bekommt seine Kinder. Kleine Milchmäuse, für die sie weiße Soße kocht.Ist sie das, die Keimzelle des Feminismus, die Rebellion gegen das ewig-pausbäckige Hausmütterlein mit strammen Hinterschinken? Man erinnere sich: Doris Day streckte einerseits ihren Hintern in die Kamera, schielte aber auch gerne mal, wenn sie ein Lied trällern und sich des amerikanischen Lebens freuen durfte.
Die Hölle ein Schaumbad
Allzu deutlich spürt man heute das Unreife dieser Heile-Welt-Filme aus den Sixties, und allzu oft wird ihnen das harmlose Siegel „charmant“ verliehen. Dabei ist die polierte Sexualität dieser Propaganda in höchstem Maße beunruhigend. Hier steht die babylonische Hure in der vollelektrischen Küche und bedient den Stabmixer. Anne Sexton ging daran beinahe zugrunde, und der Selbstmord wurde zum ständigen Gast in ihrer hell-erleuchteten Hölle. Die Therapie hieß Entzug vom Tod. Und Amerika selbst hat sie ja therapiert, mit Preisen überhäuft, mit Ehrendoktortiteln, Gastdozenturen und sie gar zur ordentlichen Professorin erhoben. So behandelt eine Erfolgsgesellschaft ihre kranke Brut! Ein D-Day-Märchen...
Doch all die Anerkennung verkleistert letztlich nur die Wirklichkeit: die Hysterikerin Anne S. an der Schwelle zum Tod wurde zu Tode geehrt. Ihr ganzes Werk scheint rückblickend ein gesplitterter Familienroman, dem Kampf mit und um family-values. Dabei war der Vorwurf der Kritik fast immer derselbe: Narzissmus, peinliche Entblößung, ein unerträglicher Kakao aus Kunst und Leben. Sexton ging es vielmehr um eine Abwendung einer durch T.S. Eliot tradierten Kunstauffassung, dass Lyrik stets ästhetisch transformiert, eine mittelbare Verschleierung unmittelbarer Erfahrungen zu sein habe. Sie verkürzte radikal die Distanz zwischen sich und ihren Gedichten, rein um sie erfahrbarer - als etwa die Eliots - zu machen.
Melkerin am Unbewussten
Körperlichkeit und Religion: darin ist Anne Sexton eine moderne Mechthild von Magdeburg. Man denkt an Herz-Jesu-Bildnisse: offener, empfangender Brustraum, drin lodert ein Herz. Ist ihr lyrisches Bekennen etwa sublimiertes Beten? Als Meditationen kaschierte Anrufungen des großen Ordners mit chaotischem Talent? So wird Gott, der ihr zeitlebens ein starker Mann-Gott blieb, in einem Gedicht zum schummelnden Pokerspieler.Anne Sexton bleibt dennoch die Bekennende. Sie scheint bis heute den Ton weiblicher Literatur zu bestimmen, selbst wenn Surrealismus, Mythologie und Religion später die Oberhand gewinnen. The Awful Rowing toward God heißt ihre letzte, beinahe im Rohzustand belassene Arbeit. Awful bedeutet ehrfürchtig, doch auch - was sonst - schrecklich.
Corinna Harfouch war als Sprecherin eine ausgezeichnete Wahl. Hier ist sie, die mittlerweile so häufig durch die Republik flimmert, als große Könnerin wiederzuentdecken. Ja, in den krass changierenden, doch immer treffenden Kompositionen Vlatko Kucans aalt sich ihre Stimme mit einer solch grausamen Genüsslichkeit, dass eine Überblendung beider Frauenstimmen als Schlusspunkt der Produktion ganz und gar natürlich wirkt. Da übertrifft Corinnas Blues „Her Kind“ - in raubeinigstem Germanenenglisch - sogar die echte Sexton.
Christoph Pollmann
Anne Sexton: Ich bin wie ein lebender Stein. Ein akustisches Portrait mit Corinna Harfouch und Stephan Benson. Erschienen bei: steinbach sprechende bücher. 1 CD, Laufzeit 73 min. Regie: Wolfgang Stockmann. Musik: Vlatko Kucan. ISBN 3-88698-916-x. Preis: 18 EUR.