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    Donnerstag, 25. Mai 2017 | 18:23

    James Joyce: Dubliner

    16.06.2012

    Angst und Begehren

    Joyces Dublin stinkt, aber Ulrich Lampen hält sich die Nase zu

     

    „Nichts anderes hätte ich erwartet“, würde James Joyce wohl die Tatsache kommentieren, dass ein öffentlich-rechtlicher deutscher Radiosender (SWR2) am heutigen 16. Juni einen ganzen Sendetag räumt, um in 22 Stunden eine Hörspielfassung seines Romans Ulysses zu bringen, die zudem mit so gut wie allen Schauspielern besetzt ist, die im deutschsprachigen Theater Rang und Klang haben; und würde hinzufügen: „Ein bisschen spät.“ Von MATHIAS TRETTER

     

    Der Überpate der literarischen Moderne war mit einem gottgleichen Selbstbewusstsein ausgestattet, das am erstaunlichsten dadurch wirkt, dass es im Nachhinein gerechtfertigt scheint. Dabei hatte zu seinen Lebzeiten weniges dazu Anlass gegeben. Allein das mehrjährige Gezerre um die Publikation seines Erstlings, des Erzählbands Dubliner, für den sich Joyce in zermürbenden Briefwechseln mit gleich zwei Verlegern herumschlagen musste, immer vor dem Hintergrund der notorisch prekären Finanzen seiner Familie, hätte kleinere Egos ein für allemal das Handtuch werfen lassen.

     

    Joyce dagegen ließ sich davon nur die Stimmung verhageln, niemals aber seine Ästhetik. Er konnte Dubliner gar nicht fallen lassen, weil er von Anfang an wusste, dass es nicht bloß ein Vorspiel seines kommenden Werks darstellte, sondern tatsächlich untrennbar mit ihm verbunden war.

     

    Denn mit Dubliner eröffnet Joyce den Raum, den all sein späteres Schreiben füllen wird. Er entwirft sein Dublin, seinen omnipräsenten mythischen Erzählort, dessen drei Dimensionen durch die drei großen irischen Ismen definiert werden: Katholizismus, Nationalismus und Alkoholismus. Innerhalb dieses Koordinatensystems verortet Joyce alle Themenkomplexe seines Werkes. Und auch diese reduzieren sich letztlich auf nicht mehr als drei: Verrat (mal an der Freundschaft, mal als Ehebruch), materielle Existenz (körperlich wie ökonomisch) und (häusliche) Gewalt. Jenseits aller stilistischen Innovation seiner Texte ist es Joyce größte Leistung, auf dieser begrenzten Folie eine literarische Ausdeutung des menschlichen Seins geschaffen zu haben, die bis heute ihresgleichen sucht. In der Tiefe der Banalität wie in der Banalität der Tiefe nimmt es weiterhin keiner mit ihm auf.

     

    Und in Dubliner ist dies alles schon vorhanden. Es war also nur konsequent, den 22 Stunden Ulysses, die zum heutigen Bloomsday im Rundfunk zu hören und als alsbald auf CD zu kaufen sind, eine Hörspielbearbeitung von Joyces Debütband voranzustellen. Dabei zeichnet allerdings nicht der SWR, sondern der Bayerische Rundfunk verantwortlich. Ulrich Lampen, durch seine grandiosen Bearbeitungen von Thomas Manns Zauberberg, Celines Reise ans Ende der Nacht und Prousts Combray ebenfalls als sensibler Interpret der klassischen Moderne ausgewiesen, führt Regie, die Besetzungsliste ist ähnlich beeindruckend wie bei Ulysses.

     

    Und doch ist das Ergebnis ein ganz anderes – und man muss leider sagen: weit unterlegenes.  Denn abgesehen von verschiedenen Sprechern, die den ungekürzten Text der Übersetzung von Dieter E. Zimmer vortragen, verzichtet Lampen auf jegliche Inszenierung. Keine Rollenverteilung, keine Musik, keinerlei Geräusche. Einzig die Wechsel der Sprecher, das Alternieren von weiblichen und männlichen, jungen und älteren Stimmen zeichnen die permanent oszillierende, niemals verharrende Perspektive von Joyces Erzähler nach. Trotzdem werden böswillige Hörer in Lampens Interpretation nicht mehr erkennen wollen als ein Hörbuch mit verschiedenen Sprechern.

     

    Und nicht ganz zu Unrecht. Eine ästhetische Begründung für seine Form der Annäherung an die Texte ist kaum nachzuvollziehen, auch wenn sie – und man meint, bei jedem Wort das schlechte Gewissen herauszulesen – im Begleitheft vom Regisseur selber mitgeliefert wird. Von der schieren Dichtheit der Erzählungen ist da die Rede, die er unangetastet lassen wollte, weil deren Rhythmus sich „selbst bei minimalen Veränderungen verschiebt.“ Bei aller Liebe zum Original – und das weiß selbstverständlich auch Ulrich Lampen –, genau diese Veränderungen sind es, die den Reiz von Hörspielbearbeitungen literarischer Vorlagen, zumal von Klassikern, ausmachen. Wären nicht die Stimmen so grandioser Sprecher wie Bibiana Beglau und Thomas Thieme, deren Erzählen im leeren Raum dann doch Dramatik entstehen lässt, von einer „Bearbeitung“ könnte tatsächlich keine Rede sein.

     

    Bleibt die Frage, warum sich die Produktion so ängstlich an der ästhetischen Auseinandersetzung vorbeidrückt. Es scheint das alte Problem mit Joyce zu sein, das ihn zum berühmtesten ungelesenen Autor der westlichen Welt gemacht hat: Seit Erscheinen seiner Werke verbarrikadiert übergroßer Respekt den Zugang. Dabei ist Joyce zuallerest ein Saft- und Kraftschriftsteller, zotig, schmutzig, verschwitzt. Wer will, kann sein Dublin riechen. Aber es nützt ihm einfach nichts, die böse Pointe bleibt: Einer der schamlosesten Autoren überhaupt wird seit Jahrzehnten Opfer von Ehrfurcht.

     

    Dass man anders mit ihm umgehen kann, zeigt Klaus Buhlerts Bearbeitung von Ulysses, die im Radio läuft, während dieser Text zu Ende geschrieben wird. Dem Sinn, den die Dubliner-Version von Ulrich Lampen präsentiert, fügt Buhlert Sinnlichkeit hinzu. Literaturgeschichtlich zumindest liegen beide damit richtig: Dubliner als vergleichsweise karge Vorarbeit, die sich zum formidablen Hauptwerk entwickelt. In der Musik würde man von historischer Aufführungspraxis sprechen. Dem Hyperrealisten und begabten Tenor Joyce hätte das mit Sicherheit gefallen. Wenn auch, natürlich, nicht ganz vorbehaltlos.

     

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