Und doch ist das Ergebnis ein ganz anderes – und man muss leider sagen: weit unterlegenes. Denn abgesehen von verschiedenen Sprechern, die den ungekürzten Text der Übersetzung von Dieter E. Zimmer vortragen, verzichtet Lampen auf jegliche Inszenierung. Keine Rollenverteilung, keine Musik, keinerlei Geräusche. Einzig die Wechsel der Sprecher, das Alternieren von weiblichen und männlichen, jungen und älteren Stimmen zeichnen die permanent oszillierende, niemals verharrende Perspektive von Joyces Erzähler nach. Trotzdem werden böswillige Hörer in Lampens Interpretation nicht mehr erkennen wollen als ein Hörbuch mit verschiedenen Sprechern.
Und nicht ganz zu Unrecht. Eine ästhetische Begründung für seine Form der Annäherung an die Texte ist kaum nachzuvollziehen, auch wenn sie – und man meint, bei jedem Wort das schlechte Gewissen herauszulesen – im Begleitheft vom Regisseur selber mitgeliefert wird. Von der schieren Dichtheit der Erzählungen ist da die Rede, die er unangetastet lassen wollte, weil deren Rhythmus sich „selbst bei minimalen Veränderungen verschiebt.“ Bei aller Liebe zum Original – und das weiß selbstverständlich auch Ulrich Lampen –, genau diese Veränderungen sind es, die den Reiz von Hörspielbearbeitungen literarischer Vorlagen, zumal von Klassikern, ausmachen. Wären nicht die Stimmen so grandioser Sprecher wie Bibiana Beglau und Thomas Thieme, deren Erzählen im leeren Raum dann doch Dramatik entstehen lässt, von einer „Bearbeitung“ könnte tatsächlich keine Rede sein.
Bleibt die Frage, warum sich die Produktion so ängstlich an der ästhetischen Auseinandersetzung vorbeidrückt. Es scheint das alte Problem mit Joyce zu sein, das ihn zum berühmtesten ungelesenen Autor der westlichen Welt gemacht hat: Seit Erscheinen seiner Werke verbarrikadiert übergroßer Respekt den Zugang. Dabei ist Joyce zuallerest ein Saft- und Kraftschriftsteller, zotig, schmutzig, verschwitzt. Wer will, kann sein Dublin riechen. Aber es nützt ihm einfach nichts, die böse Pointe bleibt: Einer der schamlosesten Autoren überhaupt wird seit Jahrzehnten Opfer von Ehrfurcht.
Dass man anders mit ihm umgehen kann, zeigt Klaus Buhlerts Bearbeitung von Ulysses, die im Radio läuft, während dieser Text zu Ende geschrieben wird. Dem Sinn, den die Dubliner-Version von Ulrich Lampen präsentiert, fügt Buhlert Sinnlichkeit hinzu. Literaturgeschichtlich zumindest liegen beide damit richtig: Dubliner als vergleichsweise karge Vorarbeit, die sich zum formidablen Hauptwerk entwickelt. In der Musik würde man von historischer Aufführungspraxis sprechen. Dem Hyperrealisten und begabten Tenor Joyce hätte das mit Sicherheit gefallen. Wenn auch, natürlich, nicht ganz vorbehaltlos.