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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 26. Juni 2017 | 10:55

    Gerhard Polt: Opus Magnum

    26.05.2012

    Opus magnum gaudium maximum est

    Da werden zur Feier des Tages schon mal die verstaubten Lateinkenntnisse herausgekramt: Schließlich feierte Gerhard Polt, der profunde Connaisseur des alten Römischen Reiches, Anfang Mai seinen 70. Geburtstag. Selbstverständlich wurde mit Ehrungen aller Arten nicht gegeizt. Der Schweizer Kein & Aber Verlag hat ihm etwas ganz Großes gewidmet: Das Opus Magnum, die gesammelte auditive Werkschau von Gerhard Polt ist dort auf insgesamt 9 CDs erschienen. MIRJAM STUTZMANN hat sich diese achteinhalb Stunden gegönnt

     

    Da musste er nun wochenlang im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses stehen, obwohl er das nach eigenem Bekunden eigentlich überhaupt nicht mag. Es hagelte Buchveröffentlichungen, Interviews, Fernsehbeiträge, eine Biographie und eine Ausstellung im Münchner Literaturhaus mit dem bezeichnendem Titel Braucht’s des?!


    Gerhard Polt wird in erster Linie als bayerisches Urviech gesehen, aber noch dazu ist er Kabarettist, Philosoph, Schauspieler und Poet. Bayerisch ist zwar seine Herkunft und die Sprache, die er (aber nur unter anderem) spricht. Was er aber damit sagt, geht über sämtliche Tellerränder hinaus und hat damit einen viel universelleren Anspruch.

     

    Das Poltsche Universum auf CD gepresst

    Die 9 CDs, die der Kein & Aber Verlag nun herausgebracht hat, decken Polts über 30–jährige Schaffensphase ab. Die letzte CD Apokalypsen erschien 2008, die erste 1977. Von D’Anni hat gsagt, Leberkäs Hawaii, i.A. Deutelmoser, Der Standort Deutschland, Und wer zahlt’s?, Attacke auf Geistesmensch, Eine menschliche Sau ist alles dabei.

     

    Die erste CD namens Der Erwin I beginnt mit dem Stück Willi. Eine klassische Polt-Geschichte: Zwei Wirtshäusler, die sich einige Zeit nicht gesehen haben, treffen sich in der Gaststube. Der eine grantig und wortkarg, der andere aufdringlich, ignorant und einen rechten Schmarrn daherredend. Im Prinzip ist es nicht mehr als diese kurze Begegnung und genau in dieser Schilderung von Belanglosigkeiten entfaltet Polt sein großes Können. Wie er den Leuten auf’s Maul schaut und sie entlarvt ohne zu verurteilen, ganz egal was für eine »menschliche Sau« er gerade abbildet.

     

    Nacherzählen lassen sich Polts großartige Alltagsbeobachtungen ohnehin schlecht. Es fehlt der Polt’sche Vortrag. Scheinbar sinnlose Begebenheiten sprechen Bände über menschliches Verhalten. Sei es die Blödheit der anderen oder die eigene Hirnlosigkeit.

     

    Man braucht nur ein paar Namen nennen und das Polt’sche Figurenuniversum erscheint vor dem geistigen Auge. Unter den Kundigen genügt ein Wort und man weiß, woher der Wind pfeift: Mai Ling, die Asiatin aus dem Katalog, Heinz Rüdiger, der dickliche Sohn im Urlaub aus dem Film Man spricht deutsh (1988), Frau Waguscheid vom Amt, Herr Deutelmoser, ebenso vom Amt, Herr Prabang, der Bangladeschi, der die Großspülmaschine ersetzen darf, die gescheite Anni oder dem Weber Max – nicht zu verwechseln mit dem Max Weber. Es ist ein eigenes Universum an Polt-Figuren entstanden, die einem im Alltag immer wieder begegnen, weil es diese Leute gibt, wir solche Leute kennen und manchmal auch selbst sind.

     

    Ja, wo isser denn? - da isser ja

    Entladen tut sich das Ganze im Lachen, man kann gar nicht anders. Lachen über andere oder über sich selbst; über wen genau das lässt sich bei Polt oft gar nicht so leicht beantworten. Das Erstaunliche am Polt-Publikum ist beispielsweise, dass man das Gefühl hat, auch diejenigen, die parodiert werden, sitzen im Publikum und amüsieren sich dabei prächtig. Das ist eine Glanzleistung, die ihm so schnell kein anderer Kabarettist nachmacht. 

     

    Polts Erzählungen leben von seiner Sprache, Stimme und Intonierung und in diese Kunst kann man bei der umfangreichen CD-Sammlung abtauchen. Ob er Frauen oder Männer, Bayern, Preußen oder Russen spricht, es wirkt trotz aller Überzogenheit sogar noch irgendwie authentisch. Seine fundierte Sprachkenntnis im Schwedischen, Russischen oder Italienischen sind beeindruckend.

     

    Aber auch die Jugendjahre, die er im allerheiligsten bayerischen Wallfahrtsort Altötting verbracht hat, haben sichtlich Spuren hinterlassen. Er schafft es in stoischer Ruhe weltmännisch zu erklären, von jetzt auf gleich fluchend und scheppernd bayerisch in Rage zu geraten, gleichzeitig mit Engelsgeduld dem Publikum eindringlich die unglaubwürdigsten Standpunkte begreiflich zu machen und dann wieder einen Haufen Nonsens (wie bei der leidigen Nikolausi–Osterhasi–Debatte) zu erzählen.

     

    Imposant sind auch seine Fernsehauftritte, wo er durch minimale Mimik und Gestik die Zuschauer zum Brüllen bringt. Legendär ist sein Auftritt bei der Verleihung des Deutschen Kleinkunstpreises 1980: Auf kritische Äußerungen über den damaligen CSU Innenminister Friedrich Zimmermann (genannt „Old Schwurhand“) sollte er verzichten und trieb bei eben jener Verleihung des Deutschen Kleinkunstpreises dieses Schweigegebot ad absurdum, weil er zehn Minuten lang, also über die komplette Länge seines Auftritts, gar nichts von Bedeutung sagte, außer wieviel Zeit bereits vergangen sei und andere Plattitüden. Seinen Durchbruch hatte Polt auch beim Fernsehen. In den 70er Jahren brillierte er zusammen mit Gisela Schneeberger in der ARD-Fernsehserie Fast wia im richtigen Leben.

     

    Polts Stil hat sich über die Jahre kaum verändert, es sind immer dieselben Themen: versteckte und offensichtliche Ausländerfeindlichkeit vom deutschen Durchschnittsbürger, zur Schau gestellte Unwissenheit und Arroganz der Deutschen, die große Politik kommentiert aus dem Blickwinkel des Möchtegern–»Großkopferten« und immer wieder die alltäglichen belanglosen und abendfüllenden Gespräche über die Welt und das Nichts.

     

    Wer dieser Polt im wahren Leben ist, das wollten schon viele herausfinden und zu seinem 70. Geburtstag haben sich wieder zahlreiche Autoren die Mühe gemacht, den auf brummbärigen Grantler abonnierten Polt bei sich zuhause am Schliersee zu besuchen und festzustellen, dass er im richtigen Leben ein ruhiger Zeitgenosse ist, der eigentlich gern Bootsverleiher geworden wäre. Sind wir froh, dass er einen anderen Beruf gewählt hat.

     



     

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