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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 28. Juni 2017 | 02:20

     

    Michael Frayn: Das Spionagespiel

    22.03.2004

     
    Kein Kinderspiel

    Schnell wird aus einem Kinderspiel Ernst. Was aber geschieht, wenn die Kinder dann gar nicht mehr wissen, in welches Spiel sie verwickelt sind? Michael Frayn zeigt dies auf subtile Weise aus zwei verschiedenen Altersperspektiven.

     

    Kleine Jungs spielen Cowboy und Indianer, Räuber und Gendarm oder in Kriegszeiten auch mal Spion gegen Spion. Wenn dann die Mutter zum Essen ruft, wird das Spiel schnell beendet. Was jedoch ist, wenn es immer weitergeht, aus Spiel Ernst und ausgerechnet die Mutter ungewollt zur Hauptakteurin wird?
    Der scheue Stephen und der draufgängerische Keith leben in einem Londoner Vorort und verbringen oftmals ihre Nachmittage gemeinsam. Um sie herum beherrscht der zweite Weltkrieg das Leben und Sterben. Daher haben ihre Spiele oft mit Krieg zu tun, etwa wenn sie ein von einer Bombe zerstörtes Haus erforschen. Das Kindsein war damals also kein Kinderspiel, alle Urängste brechen in der angespannten Zeit verstärkt durch; die allabendliche völlige Verdunkelung der Häuser, in der beliebige Schatten zu verdächtig herumschleichenden Personen werden, tut ihr Übriges. Und dann stellt auch noch Keith aus keineswegs heiterem Himmel die Behauptung auf: „Meine Mutter ist eine deutsche Spionin.“ Das sitzt. Gerade bei Stephen, der Keith immer die Führungsrolle überlässt und anstelle von eigenen Zweifeln lieber leichtgläubig den Behauptungen folgt.

    Schrecklicher Verdacht

    Wir erleben den greisen Stephen, der zurück an den Ort des Geschehens fährt, getrieben von Erinnerungen und geleitet von der Empfindlichkeit für Gerüche, die die eigene Vergangenheit mit all ihren Schauplätzen in Erinnerung ruft und die Ereignisse wieder detailliert zum Leben zu erwecken scheint. Was ist damals geschehen, was hat der kleine Stephen wirklich gewusst, was tatsächlich beobachtet und verstehen können und was nur geahnt? Michael Frayn spaltet seinen Erzähler auf in zwei Altersperspektiven und lässt so eine schwebende Erzählsituation entstehen, in der der Leser – zumeist im Verbund mit den beiden Jungen – das Geheimnis zu entschlüsseln versucht.
    Ohne Zweifel verhält sich die Mutter verdächtig. Sie unternimmt Botengänge, deren Sinn die beiden Jungen auf die Spur zu kommen versuchen. Dabei geraten sie nur stückchenweise hinter ihr Geheimnis, zumal gerade Stephen nicht zum Helden geboren ist und dazu neigt, jederzeit loszuheulen.

    Verunglückter Kunstgriff

    Leider verunglückt das Ende des Buches zu einem mehrseitigen, die vorangehende Geschichte detailliert erklärenden Epilog. Nun ist es ganz der alte Stephen, der die Leser über das Geschehen aufklärt – wenn dies tatsächlich in dieser Ausführlichkeit nötig wäre, hätte Michael Frayns Verschachtelung komplett versagt. Dem ist aber nicht so. Vielmehr sind einige der nachgereichten Erklärungen überflüssig und zerstören die zuvor gekonnt aufgebaute Atmosphäre. Darüber hinaus hätten die für das Verständnis des Romans notwendigen Informationen durchaus tragend in den vorhergehenden Kontext der Geschichte integriert werden können, auch ohne dass dann dort zu viel verraten worden wäre, so dass uns der monologische Kunstgriff hätte erspart bleiben können, denn er zieht die Leser aus dem Bann des Buches heraus wie es etwa der erklärende Text im Nachspann eines Filmes so unelegant kann. Von diesem Ende muss man aber um des sonst subtil entwickelten Romans Willen absehen.

    „Armes Kerlchen“, sagt er mit veränderter Stimme. „Aber so geht’s zu im Leben. Du lässt dich auf ein Spiel ein, du bist der tapfere, der große Held. Das Spiel geht weiter und weiter, es wird immer schrecklicher, und irgendwann hast du keine Lust mehr, weil du nicht andauernd tapfer sein kannst. Und eines Nachts passiert es dann. Du bist da oben in der Dunkelheit, fünfhundert Meilen von zu Hause entfernt, und plötzlich ist das Dunkel auch in dir. In deinem Kopf, in deinem Bauch. Du hast abgeschaltet, wie ein stotternder Motor. Du kannst nicht denken, dich nicht bewegen. Du siehst nichts, hörst nichts. Alles geht unter in diesem großen Angstschrei im Dunkeln, und der Schrei nimmt kein Ende, er kommt aus dir.“

    Olaf Selg


    Michael Frayn: Das Spionagespiel. Aus dem Englischen von Matthias Fienbork. Hanser 2004. Gebunden. 223 Seiten. 19,90 Euro. ISBN 3-446-20455-5

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