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    Mittwoch, 26. Juli 2017 | 14:47

    Friedrich Schiller: Die Teilung der Erde. Illustriert von Kateryna Yerokhina (Poesie für Kinder)

    12.09.2011

    Die Klassiker und die lieben Kleinen

    »Kinder brauchen ...«, so beginnen viele schöne Sätze, die, zu Ende gesprochen, vor allem eine Personengruppe glücklich machen: die der wohlmeinenden Erwachsenen. Gleich, ob Märchen, Lebertran, Spinat oder Milchschnitte, ein scharfer Blick auf das Gebotene ist mehr als angebracht. Das gilt auch für einen weiteren Dauerbrenner unter den Dingen, die Kinder angeblich so sehr brauchen – die Klassiker der Literatur. Klassiker sind, Mark Twain hat es deutlich formuliert, die Bücher, die keiner liest. Muss man sie also den Wehrlosen in die Kehle zwingen? Muss man nicht, man kann sie neu verpackt und freundlich präsentieren. Trotzdem sollte man sich bei der Auswahl gründlich Gedanken machen. Schillers Die Teilung der Erde aus dem Verlag von Barbara Kindermann erweist sich als höchst diskussionsbedürftiger Fall. Von MAGALI HEISSLER

     

    Zeus schenkt den Menschen die Welt, jeder darf sich ein Stück davon nehmen. Sie bedienen sich eifrig, Bürger, Bauer, Edelmann, Abt und König. Nur einer verschläft, der Dichter. Da steht er nun der arme Tor. Zeus findet dann doch noch eine Lösung, wie sie sich ein Gott eben so vorstellt. Das dachte sich Friedrich Schiller aus und brachte es 1795 in Verse. »Ganz allerliebst« nannte Goethe die acht Strophen, nachdem ihn Schiller nachdrücklich ein weiteres Mal gefragt hatte, was er denn nun davon hielte.

    Für ganz allerliebst scheinen sie bis heute auch Leserinnen und Leser zu halten, ungeachtet der Zusammenhänge der Entstehungszeit und vor allem der Tatsache, dass ein Schiller sie schrieb und kein Dorfschulmeisterlein. Was hier so putzig daherkommt, ist eine recht sonderbare Mischung aus Kritik an herrschenden Zuständen, einem Dichter-Ideal, das der Autor in den Jahren zuvor selbst mitgeprägt hat. Und einer Überhöhung des Künstlerdaseins, das gerade heutzutage nicht mehr zu vertreten ist.

     

    Die Welt aus den Augen eines Dichters

    Sieht man sich den Inhalt dieser auf den ersten Blick harmlosen Geschichte genauer an, stutzt man bald. Die Menschen, von Zeus aufgefordert, wirken unangenehm gierig. Nur Materielles scheint sie zu interessieren, Waren und Geld, die Früchte des Bodens und der Wälder. Nichts wird hervorgebracht, alles ist schon da und muss nur geerntet werden. Diese Haltung, sich einfach zu bedienen, steht in einem auffälligen Gegensatz zu Zeus’ Aufforderung, sich alles brüderlich zu teilen. Im Text wird es nur dahingehend ausgelegt, dass sich die einzelnen Stände nicht ins Gehege kommen.

    Dem, der zu spät kommt, bleibt angesichts der bereits erfolgten allseitigen Besetzung nur das Immaterielle. Zeus gesteht es ihm zu. Der Himmel steht dem Dichter von Stund an offen.

    Möchte man an diesem Gedicht etwas bewundern, so steht an erster Stelle wohl die nahezu perfekte Ausführung. Wieder einmal kann man über die scheinbare Leichtigkeit, mit der Schiller mit Jamben umgeht, nur staunen. Man kann sich an den klingenden Kadenzen erfreuen und an der Harmonie, mit der Metrum, Rhythmus und Reim derart zusammengefügt sind, dass das Ganze bis heute ein Text ist, den man vortragen kann, ohne ins Pompöse oder Antiquiert-Lächerliche abzugleiten. Eben die schiere Handwerkskunst aber widerspricht schon der Charakterisierung des Dichters im Lied. Ein derart verträumtes Kerlchen, das sein Ohr an der Harmonie des Himmels hat und kein Auge für Irdisches, wird die Feder, wenn überhaupt, kaum so zielsicher ansetzen.

    Ein Stückchen Gesellschaftskritik steckt überdies in nicht wenigen Strophen. Dieses Gedicht heutzutage als flammende Erklärung eines literarischen Ideals zu sehen, reduziert ein recht komplexes und durchaus widersprüchliches Stückchen Literatur auf eine sentimentale und leider nicht auszurottende Vorstellung von der angeblich hehren Aufgabe von Schriftstellerinnen und Schriftstellerin im Leben. Die Teilung der Welt ist sicher kein Gedicht für Kinder.

     

    Rosarot überhaucht

    Die Illustrationen von Katerina Yerokhina spiegeln die Brüche des Texts tatsächlich wider, aber sie tun es seltsam unreflektiert. Die Welt und die Menschen sind detailverliebt gezeichnet, märchenhaft-lieblich, nur Abt und Mönch ein wenig karikaturenhaft verzerrt. Es ist eine anmutige Spielzeuglandschaft, selbst dort, wo der Tod herrscht, in den Wäldern bei der Jagd. Die Morgenröte, die traditionelle Metapher für das Thema ›Entstehung der Welt‹, herrscht auf vielen Bildseiten. Ein Teil der Handlung spielt in den rosaroten Wolken des morgendlichen Himmels, andere Seiten sind rosig überhaucht. Wie die Vorstellungen von Idealen eben.

    Der Dichter selbst ist eine hagere Gestalt – was Wunder - in einem blauen Hemdchen. Die Feder in seiner Rechten trägt ihn über Feld und Flur, kaum berühren seine Sandalen den Boden. Er ist nicht von dieser Welt. Dass seine Züge denen Schillers angeglichen sind, verleiht dem Entwurf weniger Bedeutung, als vielmehr einen Hauch edler bildungsbürgerlicher Patina, die ihre eigene Komik hat.

    Überraschend ist die Darstellung des Zeus. Alles lebt in dieser Geschichte, einzig der Gott, der erschafft, ist aus Stein. Uralter, fleckiger, moosbewachsener, von Rissen durchzogener Marmor bildet die Gottesgestalt, deren Nähe dem Dichter geschenkt wird. Schlimmer noch: Der Himmel, der ihm laut den Verszeilen offensteht, ist ein halb zerstörter Tempelbezirk. Absicht oder unfreiwillige Ironie? Es lässt sich nicht entscheiden.

    Leichter entscheiden lässt sich, für wen dieses durchaus schön gemachte großformatige Buch nicht gedacht ist. Nämlich für all die, die die Welt mit wachen Augen betrachten und Ideale, gleich aus welcher Zeit, als etwas Menschengemachtes und nicht Überzeitliches verstehen.

     

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