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Liliana Bodoc: Der afrikanische Spiegel

29.08.2011

Geschichten von der Freiheit

Ein kleiner Spiegel aus Ebenholz, Ende des 18. Jahrhunderts geschnitzt, geht auf die Reise von Afrika nach Argentinien, Chile, Spanien und wieder zurück. Er reist mit Kindern und Erwachsenen, Frauen, Männern, Sklavinnen und Soldaten. Er zeigt sie und ihr Leben und vor allem das, was ihnen am wichtigsten ist: Freiheit. Liliana Bodoc hat mit ihrem Kinderbuch Der afrikanische Spiegel ein wahres Märchen über ein wichtiges Gut geschrieben. MAGALI HEISSLER hat sich verzaubern lassen.

 

Eine Dreijährige aus Afrika wird 1779 von Menschenhändler nach Argentinien verkauft. Ihr einziger Besitz ist ein kleiner Spiegel. Er begleitet sie beim Heranwachsen, verlässt sie, um in die Hand ihrer Tochter überzugehen. Jede der beiden erlebt auf der Suche nach Freiheit etwas Besonderes mit dem Spiegelchen – und so ergeht es auch den nachfolgenden Besitzern. Ein unglücklicher Lehrjunge in der Provinz Valencia fast vierzig Jahre später findet durch ihn sein Glück, ein Indio-Soldat im Unabhängigkeitskrieg Argentiniens und Chiles gegen Spanien den Tod. Am Ende wächst aus einer totgeglaubten Freundschaft neues Leben. Der Spiegel ist Verursacher und Zeuge zugleich, er spricht nicht, aber bringt die, die ihn sehen und wiedererkennen zu Sprechen und zum Handeln.

 

Fäden spinnen

Die argentinische Schriftstellerin Liliana Bodoc erzählt ihre Geschichte sparsam, aber voller Farben und mit genügend Raum für die Fantasie ihrer Leserinnen und Leser. Ihre Sprache ist rhythmisch, musikalisch. Und sie erzählt nicht linear. Sie spinnt die Fäden von fünf Geschichten, über drei Kontinente, mit Menschen unterschiedlichster Kulturen. Sie alle sind Gefangene in den Gegebenheiten ihrer Zeit, als Sklavin, als nahezu rechtlose Ehefrau der gehobenen Gesellschaft, als unwillige Untertanen eines Königs, als Lehrling oder auch ihrer eigenen Ängste. Sie haben ihre Träume, aber nicht die Freiheit, sie zu verwirklichen. Diese Freiheit aber suchen sie. Das sind überraschend große Themen für ein Kinderbuch. Überraschend und ebenso bedeutend ist es, dass Bodoc die eine und den anderen auch scheitern lässt. Freiheit hat einen hohen Preis, aber die Autorin lässt keine Zweifel daran aufkommen, dass es wert ist, ihn zu bezahlen.

 

Facetten der Freiheit

Die Facetten der Freiheit werden gezeigt, sie sind wie Bilder im Spiegel, manchmal klar, manchmal verzerrt, manchmal schön, manchmal hässlich und grausam. Die Geschichte springt von Facette zu Facette, von Bild zu Bild. Erst am Ende ergibt sich das große Bild, die Gesamtschau auf die Zusammenhänge. 1822 verlassen wir die Menschen, deren Schicksal der Spiegel gezeigt hat. Die Reise des Spiegels ist damit aber wohl nicht zu Ende.

Diese realistische und zugleich wunderlich märchenhafte Geschichte befriedigt keine vorgegebenen Erwartungen, sie dient überhaupt nicht der Bedürfnisbefriedigung. Im Gegenteil tut sie das, was als Aufgabe gerade von Kinderbüchern ein wenig ins Hintertreffen geraten ist: sie appelliert an die Neugier, fordert Aufmerksamkeit für Ungewohntes und Ungewöhnliches. Sie verlangt die Bereitschaft für einen anderen Blick und gewährt beim Lesen eben diesen. Damit macht auch die Geschichte vom Freisein, deren Zeuge der kleine afrikanische Spiegel aus Ebenholz ist, am Ende auf ihre Art frei.

 

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