Ausgerechnet er, den die Eltern Maximilian, der Größte, taufen ließen ist mit seinen 15 Jahren und knapp einem Meter fünfzig einfach winzig. Klar, kann man sich sagen, dass es auf andere Dinge ankommt, aber Max, der unter drei Klassenkameraden echt zu leiden hat, tut sich schwer damit. In der Pause auf dem Schulhof als Ball missbraucht zu werden, ständig die Angriffe und Schikanen von Marian, Benno und Schnecke zu fürchten, macht ihn fertig. Er flüchtet sich immer häufiger in Tagträume. Sein schönster Traum sieht ihn und Kim, das koreanische Mädchen aus der Parallelklasse, als Paar. Er schafft es tatsächlich, über seinen eigenen Schatten zu springen und Kim um ein Treffen zu bitten. Die schönste Zeit seines Lebens beginnt, aber die drei fiesen Typen drohen im auch dieses Glück kaputtzumachen.
Natürlich traute ich dem Frieden nicht.
Und natürlich war ich die ganze Zeit angespannt und konnte mich nur mit Mühe auf den Unterricht konzentrieren.
Aber sie ließen mich wirklich in Ruhe, alle drei.
Außer dass Benno sich mal wieder selbst übertraf mit einem Gedicht, das er vermutlich in der Pause nach Englisch auf die Innenseite der Tafel gekritzelt hat:
Der duseliege Kleine
pisst sich an die Beine
reicht nicht bis ans Pissuar
weil zu hoch das wahr
Das bekamen wir zu lesen, als Frau Stober in der nächsten Stunde die Tafel aufklappte. Ich weiß nicht, ob sie Bennos Schrift erkannt hat. Sie drehte sich zu uns um, zog die Augenbrauen hoch und sagte nur ziemlich ironisch: "Wenn ich so schlecht in Rechtschreibung wäre wie dieser Möchtegern-Dichter, würde ich mich hüten, was an die Tafel zu schmieren."
Einen Moment war es still, dann wieherte die Klasse los. Benno muss kapiert haben, dass sie nicht über mich sondern über ihn lachten, das konnte man ihm ansehen. Er wurde knallrot und biss sich auf die Lippen:
Ich hab meine Schadenfreude, glaub ich, ganz gut versteckt. Aber ich habe sie gründlich genossen.
Trotzdem fühlt Max sich nie wirklich sicher. Und es kommt zu einer Konfrontation, bei der er endgültig ausrastet. Inge Meyer-Dietrich schildert, wie es ist, wenn man nicht der Norm entspricht. Nur: was ist die Norm? Kim ist Halbkoreanerin und klein, die Eltern von Max sind klein, Julius, ein Freund und Gartenbauer ist ein Riese. Keiner ist wie der andere. Was Max lernen muss, ist zu sich selbst zu stehen. Seine Eltern sind ihm da keine große Hilfe, sie haben selbst jahrelang ihre Probleme nur verdrängt statt darüber geredet. Aber Kim zwingt Max, sich mit den Dingen wirklich auseinanderzusetzen. Und ein Stückchen gelingt ihm das am Ende sogar. Ein paar Beatlessongs zur Untermalung (Max muss für die Schule ein Referat über die Beatles schreiben), ein paar Witze über Zwerge - und Riesen: alles in allem ist He, Kleiner! ein ermunterndes Buch, wie man seinen Platz im Leben sucht und findet.
Andrea Wanner
Inge Meyer-Dietrich: He, Kleiner!Ravensburger 2003. Gebunden. 216 Seiten.
Ab 13 Jahren. 12,95 Euro.
ISBN: 3-473-35241-1