Der zwölfjährige Rob wohnt noch nicht lange mit seinem Vater im Kentucky Star, einem Motel in Florida. Nach dem Tod seiner Mutter haben sie sich dorthin geflüchtet, beide leer und traurig und unfähig, über ihre Trauer zu sprechen. Die gelbe Neonröhre in Form einer Sternschnuppe über dem Motel weckt in Rob vage Hoffnungen, dass sich etwas ändern könnte. Sein Leben ist nämlich ziemlich trostlos. An der neuen Schule fühlt er sich unwohl und wird ständig gehänselt, nicht zuletzt wegen eines Ausschlags an seinen Beinen. Aber plötzlich scheint das alles unwichtig, denn Rob hat ein Geheimnis. Im Wald hinter dem Kentucky Star hat er einen Tiger in einem Käfig entdeckt. Ein unglaublicher Fund, von dem er niemandem erzählen kann. Aber der Zufall will es, dass genau an diesem Tag auch ein neues Mädchen im Schulbus auftaucht.
Es fing an zu regnen. Sixtine stand vor ihm und schaute weiter. Sie schaute das Motel an und dann hin zu dem blinkenden Kentucky Star-Schild, dann sah sie wieder zurück zu ihm, als ob sie versuchte zwei und zwei zusammenzuzählen.
Der Regen ließ ihr Haar zu dünnen Strähnen werden, die am Kopf klebten. Ihr Kleid wurde nass. Rob sah ihr schmales, verkniffenes Gesicht, ihre blutenden Knöchel und dunklen Augen und fühlte, dass in ihm drin sich etwas öffnete. ...
Er holte tief Luft. Dann öffnete er den Mund und ließ die Wörter herausfallen. "Ich weiß, wo es einen Tiger gibt."
Sixtine stand im Nieselregen und sah ihn an. Ihre schwarzen Augen glühten.
Sie sagte nicht: "Ein echter?"
Sie sagte nicht: "Spinnst du?"
Sie sagte nicht: "Du bist ein alter Lügner."
Sie sagte nur ein einziges Wort: "Wo?"
Und Rob wusste, dass er sich der richtigen Person anvertraut hatte.
Ein verzweifelter Junge trifft auf ein unglückliches Mädchen, das ihren Namen von der Sixtinischen Kapelle hat, eine Erinnerung an glückliche Tage, als ihre Eltern sich noch liebten, sich auf ein gemeinsames Kind freuten und der Gedanke daran, dass der Vater die Familie irgendwann wegen einer anderen Frau verlassen könnte, total abwegig war. Zwei wie Feuer und Wasser fassen vorsichtig Vertrauen zueinander. Und als Sixtine fordert, den Tiger freizulassen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis Rob zu diesem unglaublichen Schritt bereit ist.
Verlust und Trauer war auch schon das Thema in Kate Di Camillos erfolgreichen ersten Kinderbuch, Winn Dixie. Auch dort hat ein Tier, ein streunender Hund, eine entscheidende Rolle gespielt. Vielleicht nicht mit der gleichen Leichtigkeit und mit weniger Passagen, in denen man befreit auflacht, wagt sie auch in Kentucky Star eine ergreifende Geschichte über Gefühle und Erinnerungen, auf die jeder Mensch sich einlassen muss, wenn er mit dem Leben zurechtkommen will. Auch Rob muss es lernen, seinen Koffer mit den verbotenen Gedanken zu öffnen. Ein Tiger und ein außergewöhnliches Mädchen helfen ihm dabei.
Andrea Wanner
Kate Di Camillo: Kentucky Star.
Dressler 2002. Gebunden. 144 Seiten.
Ab 10 Jahren. 9,90 ¤.
ISBN: 3-7915-2792-4