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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 23. August 2017 | 10:10

    John Newman: Anni

    25.04.2011

    Das Gleichgewicht wiederfinden

    Eine Familie ist ein Kosmos. Verschwindet ein Bestandteil, gerät die kleine Welt aus den Fugen. Die übrigen Einzelteile schweben hilflos umher. Es braucht viel Zeit und Anstrengung, ehe die Einzelteile ihre geordnete Bahn wiedergefunden haben und miteinander einen neuen Kosmos bilden können. John Newman erzählt in seinem Erstlingsroman Anni eine solche Geschichte. Von MAGALI HEISSLER

     

    »Montag – 149 Tage, seit Mami tot ist«, so beginnt Anni, die Ich-Erzählerin. Sie macht keine Umschweife; nicht, wenn sie uns ihre Familie vorstellt und nicht, wenn sie von ihren Gefühlen spricht. Anni ist die Jüngste, nach Sally und Conor, beide schon im Teenageralter. Ihre Mutter starb bei einem Verkehrsunfall. Die Hauptsorge für die drei Kinder sollte der Vater tragen, aber er hat sich von dem Schock noch nicht erholt. Er ist mit Mühe in der Lage, den Kindern abends Pizza in den Ofen zu schieben. Glücklicherweise gibt es drei Tanten und die Großeltern. Allerdings kümmert sich jede von ihnen anders um die Kinder. Anni setzt auf Anpassung. Verwöhntwerden am Montag, Disziplin am Dienstag, Freizügigkeit mittwochs. Gutes Essen oder angebrannte Pizza, es herrscht eben Durcheinander. Die Nachbarn schenken Bonbons aus Mitleid und die Lehrerin sieht aus dem gleichen Grund darüber hinweg, wenn die Hausaufgaben nur halb oder gar nicht gemacht wurden. Man könnte sich geradezu daran gewöhnen. Im Grund jedoch will Anni sich nicht daran gewöhnen. Sie möchte wieder ein geordnetes Familienleben. Das geht nicht ohne einen Neubeginn und dafür müssen sich alle Familienmitglieder anstrengen, so weh es auch tut.

     

    Pfeifen im dunklen Wald

    Beim Erzählen hält sich Newman strikt an Annis Sicht auf die Dinge. So manches, was sie berichtet, versteht sie nicht. Aber sie spürt, wenn etwas nicht stimmt, selbst wenn ihre eigene Trauer um die Mutter das stärkste Gefühl in ihr ist. Sie spürt, dass ihre ältere Schwester Dummheiten macht, auch wenn sie nicht gleich durchschaut, was Sally anstellt. Sie spürt, dass Conor Grund dazu hat, die halbe Nacht auf sein Schlagzeug einzudreschen. Sie hasst den Lärm, aber sie unterdrückt ihre Abneigung aus Rücksicht auf den vage wahrgenommenen Schmerz des Bruders. Ebenso nimmt sie Rücksicht auf den Vater, obwohl sie sein Versagen zunehmend irritiert. Anni selbst ist nicht frei von Schuld, trotz des großen Unglücks ist sie nichts anderes als eine normale Neunjährige; vorwitzig und neugierig, munter und liebebedürftig und das alles eben manchmal im Übermaß. Die größte Trauer kann Streit unter Geschwistern nicht verhindern und auch nicht Probleme in der Schule. Anni ist ein beeindruckend tapferes Kind. Ihre Entschlossenheit aber, das Leben zu meistern, wie es eben kommt, ist mehr ein Pfeifen im dunklen Wald, in dem sie beinahe verlorengeht.

     

    Der Mut, Fehler zu machen, ist der Mut zu leben

    Die Geschichte einer von Trauer gelähmten Familie ist alles andere als neu, aber Newman erzählt sie aus einem besonderen Blickwinkel, eben Annis altersbedingt begrenztem Blick auf die Welt. Hinter den lebhaft geschilderten und mit altersgerechtem Slapstick ausgestatteten Episoden aus Annis Alltags verbirgt sich eine sehr genau erfasste und sensibel wiedergegebene Beschreibung eines harten Überlebenskampfs einer Gruppe von Kindern und Erwachsenen. Jedes Individuum hat seinen Platz, aber ebenso wichtig ist sein Platz als Teil der Gruppe. Nehmen und Geben müssen ins Gleichgewicht gebracht werden, nachgeben und auf dem eigenen Recht beharren, verstehen und verstanden werden.

    Das sind große Themen, die hier mit bestechend leichter Hand abgehandelt werden, ohne dass sie auch nur einmal kleingemacht werden würden. Die Figur der kleinen Anni ist so geschickt angelegt, dass auch ein sehr junges Publikum angeregt wird, mit - und weiterzudenken und so auch selbst kleinere Rätsel in der Geschichte zu lösen, auf die der Autor im Buch keine Antwort gibt, weil sie für seine Figuren keine Rätsel, sondern eine Selbstverständlichkeit von der Art sind, dass man sie nicht zu erwähnen braucht. Dieses Beharren auf der Souveränität einer Romanfigur ist selten geworden in der Kinder -und Jugendliteratur, man kann es gar nicht genug loben.

     

    Auch wenn Anni im Mittelpunkt steht, ist Newmans Roman eine Geschichte über eine Personengruppe, eine Familie. Das erforderliche Sozialverhalten wird in dieser Gruppe gelernt, muss sich dort bewähren und wird von dort nach außen getragen. Störungen und die daraus resultierenden Konflikte fallen auf alle zurück und nur die Gemeinschaft kann die Störung beseitigen. Am Ende, ein Jahr später, Anni hat längst aufgehört, die Tage seit dem Tod der Mutter zu zählen, steht ein neues Glück. Auch das ist erlaubt – vor allem, wenn man sich so bemüht hat, wie Anni und ihre Familie.

     

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