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    Montag, 29. Mai 2017 | 22:44

    Sylvia Heinlein: Mittwochtage oder ,,Nichts wie weg!" sagt Tante Hulda

    31.01.2011

    Tante Hulda an die Macht!

    Wer ist hier eigentlich verrückt, fragt man sich nach der Lektüre des neuen, federleichten Kinderbuches von Sylvia Heinlein, die mit Tante Hulda eine der liebenswertesten Außenseiterinnen der Kinderliteratur schuf. Und die hat zum Glück Nichte Sara an ihrer Seite. Von BEATE MAINKA

     

    So bekloppt ist Tante Hulda nämlich gar nicht. Gut, sie wohnt in einer Wohngemeinschaft mit anderen geistig behinderten Menschen, aber einige von denen können nicht einmal sprechen. Tante Hulda kann alleine Zug fahren und einkaufen und ihr Zimmer ist wunderschön dekoriert, alles in Rosa. Nur manchmal, da fängt sie an zu zittern und dann braucht sie ganz schnell eine Pille, sonst ist sie völlig durcheinander. Aber das alles weiß Nichte Sara längst, denn sie besucht ihre Tante jeden Mittwochnachmittag. Dann kommt sie endlich mal raus aus der durchgestylten Wohnung, wo ihr Vater irgendwelche Computergeschäfte am Telefon tätigt, während ihre Mutter, Tante Huldas Schwester, von früh bis spät bei ihrer Modezeitschrift arbeitet. So weit, so gut, bis Tante Hulda eines Tages ihr Zimmer verwüstet, weil sie sauer ist und das ruft Saras Mutter auf den Plan. Sie möchte ihre Schwester aufs Land verfrachten, da hat sie weniger Ablenkung. Allerdings hat sie nicht damit gerechnet, dass ihre brave, folgsame Tochter den Zwergenaufstand proben wird und gemeinsam mit Tante Hulda ausreißt. Beinahe wäre das schiefgegangen, aber da sind dann der Punker Ratte und der obdachlose Klaus, die sich als Helfer in der Not beweisen. Und Saras Mutter kriegt ganz schön was zu denken.

     

    Wer ist hier eigentlich verrückt?

    Angesichts der Turbulenzen, die die Entscheidung von Saras Mutter auslöst, Tante Hulda aus der Reichweite ihrer Tochter zu entfernen, kann man als Leser schon ins Grübeln kommen. Denn zu diesem Zeitpunkt hat man die offenherzige, grundehrliche und fast immer gutgelaunte Hulda längst ins Herz geschlossen und verstanden, dass sie für Sara ein absoluter Glücksfall ist. Denn Sara ist in ihrem Leben nicht wirklich glücklich, mit ihren stets anderweitig beschäftigten Eltern und insbesondere mit ihrer sehr dominanten Mutter, die immer alles bestimmen will und ganz genau weiß, was für ihre Tochter das Beste ist. Dass die aber gar nicht Tennisspielen möchte, und schon gar nicht am Mittwochnachmittag, lässt die Mutter nicht gelten, und dass das Casting für ein Modefoto-Shooting auf Mallorca Sara nicht die Bohne interessiert, ist für sie unvorstellbar. Doch als es um Tante Hulda geht, beginnt Sara erst zaghaft und zunehmend selbstsicherer für ihre Überzeugung zu kämpfen. Und wird dabei von der zumeist fremdbestimmten Hulda moralisch unterstützt, denn die will auch überhaupt nicht aufs Land. Schließlich fühlt sie sich wohl in der Stadt, kommt mit vielen Leuten ins Gespräch und hat keinerlei Berührungsängste, etwa wenn sie die Punker am Hauptbahnhof ausfragt, wie man sich mit so einer Stachelfrisur zum Schlafen legt.

     

    Genau in dieser Szene offenbart sich beispielhaft die Stärke von Heinleins Erzählung, denn sie lässt uns bei aller Komik, die Szenen wie diese beinhalten, innehalten und hinterfragt Vorurteile. Das wird durch die witzigen Illustrationen der unvergleichlichen Anke Kuhl noch verstärkt. Da die Geschichte konsequent Saras kindliche Perspektive einnimmt, ist sie auch für Kinder nachvollziehbar, denn mit Huldas mitunter bodenloser Naivität können sie sich wunderbar identifizieren. Und erfahren, dass ein vorbehaltloser Umgang mit seinen Mitmenschen manch überraschendes Ergebnis zutage fördern kann, auch wenn diese am Rande unserer Gesellschaft leben. Von daher hat Tante Hulda durchaus Vorbildfunktion, nicht nur für Kinder.   


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