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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 23. April 2017 | 19:49

    Olga Kuvikina: Briefe von Insekten

    17.01.2011

    Parallelgesellschaften

    Wespen, Marienkäfer, Erdlaufkäfer, Spinnen, Raupen, wir alle kennen diese Wesen. Beliebt sie sind deswegen aber keineswegs. Sie sind so fremdartig, dass sich nicht wenige Menschen fragen, warum es dieses seltsam aussehende Getier mit Flügeln, Fühlern und den vielen Beinen überhaupt geben muss. Die russische Biologin Olga Kuvikina lässt in "Briefe von Insekten" die Fremden selbst zu Wort kommen. MAGALI HEISSLER wurde bestens informiert und witzig unterhalten.

     

    Mit seinen 61 Seiten ist dieses Sachbuch für Kinder ab ungefähr acht Jahren eher schlank, sein Format (25 auf 30 cm), der überaus stabile Einband und das glänzende Bilddruckpapier, die ihm ein Gesamtgewicht von fast 800g geben, machen es jedoch zu einer imposanten Sache. Man sollte diese Zeichen im Kopf behalten, wenn man das Buch, auf einer festen Unterlage vor sich ruhend, aufschlägt. Schon mit Spiegel und fliegendem Vorsatzblatt taumelt man kopfüber in eine bunte, skurril-verrückte Welt. Die Ausgangsidee scheint scherzhaft, der Erzählton ist voll Witz und Ironie.

     

    Fünfundzwanzig Angehörige des Stammes Gliederfüßer - der Buchtitel ist etwas zu eng gefaßt, es werden nicht nur Insekten vorgestellt - wenden sich in Briefen an die Autorin, wie man sich üblicherweise an die Kummerkastentante einer Zeitschrift wendet. Die Kummerkastentante antwortet und kommentiert. Sie tut es leichtfüßig und elegant, augenzwinkernd und überaus ehrlich. Das ist schon eine Kunst an sich. Kuvikina gelingt es aber noch dazu, eine beträchtliche Menge solider Information über die jeweiligen Fragesteller und Fragestellerinnen zu übermitteln. Das Gewicht des äußeren Erscheinungsbilds findet sich im Inhalt durchaus wieder.

     

    Kompendium aus schräger Perspektive

    Jeder Brief wird aus einer ganz unerwarteten Perspektive heraus abgefasst. Eine Libelle beklagt, dass sie und ihre Freundinnen sich überhaupt nicht an ihre Jugend erinnern können und wird daraufhin über das Larvenstadium aufgeklärt, ein Bombardierkäfer beschwert sich, dass Forscher ihn unablässig dazu zwingen, auf Spinnen und Frösche zu schießen, ein Schabenmännchen hat einen Minderwertigkeitskomplex entwickelt, weil Menschen es häßlich nennen. Skorpione klagen über die Schwere des Mutter-Daseins, ein Marienkäferweibchen fühlt sich von ihrem Mann eingeengt, eine sterbende Mücke möchte Näheres übers Vampir-Dasein wissen und ein Hundertfüßler-Weibchen wagt es sogar, der Autorin einen Rat zu geben, was zu einem Abschnitt über Parthogenese führt.

     

    Dem Alter der kindlichen Zielgruppe immer angemessen ist die Mischung aus deutschsprachigen Bezeichnungen für die Tiere mit ihren fachspezifischen lateinischen Namen sowie den wichtigsten wissenschaftlichen Ausdrücken, wie z.B. Parthogenese, aber auch mit Begriffen wie Embryo, Imago oder »Rückfall-Kannibale« (was die Feuerwanze nicht ist!).

     

    Kuvikinas Ziel ist es, die Neugier auf das Fremde anzuregen. Das gelingt ihr sowohl mit fachwissenschaftlichen Erklärungen als auch mit einem vorgeblich einfachen und meist lustigen Plaudern über kulturgeschichtliche Meinungen zu den Gliederfüßern oder eigenen spannenden Erlebnissen mit ihrer geliebten Spezies. Und mit ihrem ausführlichen, sehr persönlichen Vorwort.

     

    Wunder über Wunder

    Eben die Liebe zu dem, was die Autorin nicht müde wird, als ein echtes Wunder der Natur zu preisen, ist es, was dieses Buch über den Vorwurf hinaushebt, die vorgestellten Tiere zu vermenschlichen oder gar zu verniedlichen. Die bunten Zeichnungen betonen den witzigen und auch scherzhaften Ansatz, zeichnerisch nachgeahmte Schwarz-Weiß-Fotografien jedes einzelnen Tiers die Ernsthaftigkeit. Ein Labyrinth-Spiel auf der letzten Seite schließt das Ganze ab. Eine rundum gelungene Mischung.

     

    Ein Wort noch zur Übersetzung: sie ist ausgezeichnet gelungen, bis auf ein Problem. Es ist immer wieder vom »Bäuchlein« der Gliederfüßer die Rede. Das bringt einen falschen Kleinkinder-Ton in den ansonsten anspruchsvollen deutschen Text. Mit einem Verweis auf die Eigenheit der russischen Ausgangssprache, die in anderen Fällen als das Deutsche zu Verkleinerungsformen neigt, läßt sich das für die jungen Leserinnen und Leser aber leicht aus der Welt schaffen.


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