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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 16. August 2017 | 17:15

    Wolfdietrich Schnurre: Die Leihgabe

    20.12.2010

    Weihnachtsglück

    Weihnachten steht vor der Tür und vielleicht kann es gar nichts schaden, mitten im Konsumrausch einen Blick zurück zu werfen in die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts und darüber zu staunen, wie bescheiden damals die Wünsche waren. ANDRERA WANNER freut sich über Wolfdietrich Schnurres Leihgabe.

     

    Berlin während der 20er Jahre. Eine Stadt, geprägt von der Weltwirtschaftskrise und dem frühen Nationalsozialismus. Viele Menschen haben keine Arbeit, es reicht kaum zum Nötigsten. So geht es auch dem kleinen Bruno, der sich im Beisein seines arbeitslosen Vaters aus Rücksicht sogar einen sehnsüchtigen Blick in die weihnachtlichen Schaufensterauslagen verkneift. Das bekommt er ja alles doch nicht. Aber ein richtiger Weihnachtsbaum wäre schon schön, da sind sich Vater und Sohn einig.

     

    O Tannenbaum ...

    Allerdings ist auch so ein Baum unerschwinglich. Zumindest wenn es ein richtig schöner sein soll. »So einen murkeligen, der schon umkippt, wenn man bloß mal eine Walnuss dranhängt«, wollen sie nicht. Keinen aus der Kategorie, wo man »nachher nicht weiß, soll es ein  Handfeger oder eine Zahnbürste sein?« Sie rechnen mit runden zwei Mark für so ein Prachtstück von einem Baum. Zwei Mark, die sie nicht haben. Die sie auch nicht bekommen werden – zumal bereits das heißgeliebte Grammophon im Pfandleihhaus gelandet ist.

     

    Für Frieda, die nicht nur Vaters Freundin sondern auch Kommunistin ist, gar kein Problem: »Wieso geht ihr nicht einfach in den Grunewald einen klauen?« Die Lösung scheint auf der Hand zu liegen. Unvorstellbar für den Vater, der bei diesem Vorschlag kreidebleich wird. Stehlen? Er? Einen Weihnachtsbaum? Das wäre das Allerletzte! Dann halt doch ein Fest ohne Baum.

     

    Not macht erfinderisch

    Und dann kommt der 23. Dezember und mit ihm die Erleuchtung. »Einen Baum stehlen, das ist gemein; aber sich einen borgen, das geht.« Der Plan des Vaters ist genial: ausgerüstet mit dem Spaten des Museumswärters aus dem Naturkundemuseum, das sie oft besuchen, um sich aufzuwärmen, machen sie sich Vater und Sohn mitten in der Nacht auf den Weg in den Friedrichshain, um eine Blautanne »zu borgen«, die sie nach dem fest wieder an Ort und Stelle zurückbringen wollen. Es wird ein wundervoller Weihnachtsabend mit Baum, leckerem Essen und noch einer anderen großen Überraschung, für die Bruno sorgt.

     

    Vater-Sohn-Geschichten

    Wolfdietrich Schnurre hat  seine Kindheit und Jugend in Berlin verbracht  und seine eigenen Erlebnisse 1958 unter dem Titel Als Vaters Bart noch rot war veröffentlicht. In diesem »Roman in Geschichten« schildert er Episoden, in denen der Vater eine zentrale Rolle einnimmt, zum Helden und Vorbild des kleinen Bruno wird. Geschichten voller Wärme, die einem nahegehen. Sie wirken auch heute noch lebensnah und glaubwürdig, »weil ich mit Bruno, dem kleinen Jungen, der es erzählt, identisch bin und die Zeit und den Zeithintergrund damals aus eigener Anschauung kenne«, wie Schnurre bekannte.

     

    Und wenn es einen Illustrator gibt, der das Berlin der 20er Jahre mit all seinem Glanz und Elend in Szene zu setzen vermag, ist es Klaus Ensikat. Jedes Detail von der »Chlorodont«-Werbung auf den Doppeldeckerbussen, den Utensilien auf dem Schreibtisch des Museumsdirektors (der leider auch keine Arbeit für den Vater hat) oder dem Blick in das triste Innere des Pfandleihhauses mit den kleinen Schätzen, von denen sich ihre Besitzer trennen mussten, ist sorgfältig recherchiert und liebevoll platziert. Bilder, die Berlin und Menschen, die dort in schwierigen Situationen klar kommen müssen, lebendig werden lassen. »Meine Bilder? Ein bisschen Tinte auf Papier.« Hat sich Ensikat einmal selbst zu seiner Kunst geäußert. Und irgendwie scheint diese Bescheidenheit bestens mit der Geschichte zu harmonieren, lässt uns Ensikat eine Atmosphäre von Rechtschaffenheit spüren, die die wahren Werte des Lebens erkennen lässt.

     

    Nur zwei Tage währt das Weihnachtsglück mir der Tanne. Zwei Tage, die reichen, um glücklich zu sein, weit über Weihnachten hinaus. Der erwachsene Bruno kehrt viele Jahre später an den Ort zurück, an den sie ihren Weihnachtsbaum zurückgebracht haben. Dort  staunt er über einen Baum, »gut zwei Stock hoch«. Und Ensikat hat in das sommerliche Idyll einen kleinen goldenen Weihnachtsstern geschmuggelt …


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