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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 25. Mai 2017 | 20:06

    Verena Stössinger: Die Reise zu den Kugelinseln

    13.09.2010

    Heimlich-unheimliche Kinderwelt

    Unbekannte Gegenden warten nur darauf, erforscht zu werden. Oder etwa nicht? Jonna muss erleben, wie es sich anfühlt, wenn vor Ort das Unerwartete herrscht und jede Beschäftigung mit den Rätseln der Gegend Gefahr bringt. Von MAGALI HEISSLER

     

    Arbeitsurlaub für die Tante, zehn Tage Abenteuer-Ferien für Jonna, das war der Plan. Abenteuer mit Frühstück, Abendessen und Dusche, selbstverständlich. Aber auf einer der seltsamen grauen Kugelinseln mitten im grauen Meer angekommen, sieht die Sache plötzlich ganz anders aus. Es gibt keine der gewohnten Annehmlichkeiten des modernen Lebens, es gibt nicht einmal einen Briefkasten. Der Himmel ist meist wolkenverhangen, das Wetter regnerisch und kühl, die Menschen sprechen eine unverständliche Sprache, das Essen ist mehr als seltsam. Die Schokolade aus dem Duty-Free-Shop wird nicht lange vorhalten. Schlimmer noch ist die Langeweile für Jonna, den Enthusiasmus ihrer Tante kann sie gar nicht teilen. Aber es ist ja auch die Tante, die mit einer sensationellen Reportage über die unbekannte Insel berühmt werden will. Jonna hätte lieber Spielgefährten. Als sie jedoch Kinder trifft, muss sie feststellen, dass sie sich mit ihnen kaum verständigen kann. Mit ihnen ist sie fast so allein, wie ohne sie.

     

    Auch dass sich Jonna darauf konzentriert, ihrerseits Entdeckerin zu werden, hilft ihr nicht weiter. Ihre Tante hört nicht auf sie, wenn Kinderaugen tatsächlich genauer hinsehen, gilt das, was Kinder sagen, nicht. Doch auch die Tante ist hilflos gegenüber den seltsamen Schafen, die auf dem Gipfel der Insel leben und sich gegen die Neuankömmlinge immer gewaltsamer zu Wehr setzen. Als die Tante krank wird und das Boot, dass sie beide wieder abholen soll, ausbleibt, heckt Jonna einen Plan zu ihrer Rettung aus. Er misslingt und das Verhältnis zwischen Jonna und ihrer Tante scheint der neuen Belastung nicht gewachsen zu sein. Die Rettung kommt am Ende, eine heimliche Sehnsucht Jonnas erfüllt sich. Eine Lösung allerdings birgt sie nicht. Die Insel und die Geschehnisse dort sind am Ende fast ebenso geheimnisvoll wie am Anfang.

     

    Wanderungen zwischen Wirklichkeit, Traum und Albtraum

    Stössingers Kinderbuch erzählt eine seltsame Geschichte. Was vor sich geht, erschließt sich nur den Leserinnen und Lesern, die beiden Hauptpersonen, Jonna und Tante Ursula, verstehen es bis zum Ende nicht. Man folgt den beiden durch eine sehr fremde Welt, die auch fremd bleibt. Es ist nicht einmal sicher, ob die beiden die Entstehungsgeschichte der Insel kennen, die zusammen mit elf weiteren Felsenkugeln in diesem grauen windigen Meer schwimmt. Diese Geschichte ist für sich genommen schon ein wunderbares Märchen, es ist der eigentlichen Handlung vorangestellt. Was Jonna und ihre Tante erleben, schwankt zunächst zwischen Scherz und Ernst, z.B., wenn die Ansprüche an die üblichen Standards des Pauschaltourismus laut werden oder die beiden sich bemühen, in herrischem Touristenenglisch bei den völlig desinteressierten Inselbewohnern Gehör zu finden.

     

    Parallel dazu wird die Geschichte der Schafe erzählt. Tatsächlich tobt ein heimlicher. unerbittlicher Krieg auf der Insel. Es ist Sache der Leserinnen und Leser ihn zu ergründen, ebenso wie es ihre Aufgabe ist, die Sprache der Schafe zu entschlüsseln. Die Autorin gibt nichts vor. Es ist ein anspruchsvolles Buch für anspruchsvolle Kinder, die gerne puzzeln.

     

    Im Verlauf der Handlung wird die Geschichte düsterer, das Unbehagen wächst beim Lesen, die bedrohliche Atmosphäre schwingt einem förmlich aus den Zeilen entgegen. Die Zeichnungen von Hannes Binder unterstützen die düstere Atmosphäre geradezu unheimlich gut. Mehr und mehr hat man den Eindruck, an der Seite Jonnas durch ein albtraumartiges Labyrinth zu spazieren, das kein Ende zu haben scheint.

     

    Es ist eine Geschichte darüber, dass man nicht selten das, was man vor Augen hat, am wenigsten sieht, über die Täuschungen, denen sich Erwachsene hingeben und über die Klarsicht von Kindern, die allerdings nur ihnen nützt. Es ist eine Geschichte über die Schwierigkeiten von Kommunikation. Menschen, klein oder erwachsen, ebenso wie die Schafe müssen sich mit Bruchstücken zufriedengeben, jeder deutet und alle deuten falsch. Trotz seiner komischen Momente - und sie lassen sie einen zuweilen laut auflachen - ist es eben diese Erkenntnis, die dem Buch letztlich etwas Beängstigendes gibt. Das wird auch mit dem schönen und nicht nur für Kinder beruhigenden Schluss nicht ganz aus der Welt geschafft. Und das ist das Beste an diesem seltsamen guten Buch. Es ist ehrlich. In letzter Konsequenz bleibt das Leben nämlich wirklich ein Rätsel.


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