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Sonntag, 26. März 2017 | 16:50

Frida Nilsson: Ich, Gorilla und der Affenstern

08.07.2010

,,Als ich neun Jahre alt war, wurde ich von einem Gorilla adoptiert."

Jedes Auftauchen eines Autos bedeutet für die 51 Kinder aus dem Waisenhaus Rainfarn die Hoffnung mitgenommen zu werden in ein anderes, besseres Leben. Für Jonna mit den ewig ungewaschenen Händen wird das wohl immer ein Wunschtraum bleiben. Aber bereits der erste, verblüffende Satz dieser Geschichte verrät, das ihr ein anderes Schicksal beschieden ist. Von ANDREA WANNER

 

Die Katze ist aus dem Sack, ehe wir überhaupt die Gelegenheit haben, uns zu wundern. Das Staunen beginnt jetzt. Die Beschreibung einer Einrichtung für elternlose Kinder mit nahezu militärischem Drill und einem Hang zur keimfreien Sauberkeit macht den Auftakt. Und ein Mädchen mit schmutzigen Findern und blonden Zöpfen sticht sofort ins Auge: Jonna. Was das weitere Schicksal von Jonna besiegelt, ist ein Brief der Stadtverwaltung, die ihren Kontrollbesuch ankündigt. Und was Gerd, die von der Last der jahrelangen Verantwortung längst zermürbten Leiterin angeht, weiß sie, dass dieser Besuch ein Problem werden wird. Denn statt der erlaubten 50 Kinder sind 51 Schützlinge in Rainfarn untergebracht.

 

Problemlösungen

Nur so lässt sich erklären, dass Gerd ohne weitere Bedenken die neunjährige Jonna zur Adoption freigibt. Die Adoptivmutter prescht in einem uralten, rostigen Volvo auf den Platz vor dem Waisenhaus und entpuppt sich beim Aussteigen als riesige Äffin: eine Gorilla in Leggins und Turnschuhen (und ohne Oberteil). Jonna packt der blanke Horror – nicht zuletzt deshalb, weil ihr ein Junge versichert, einziger Grund für die Adoption wäre der, dass Frischfleisch zu teuer sei. Das verängstigte Mädchen verlässt Rainfarn in der festen Überzeugung, von der Gorilla verspeist zu werden.

 

Gerd, die Heimleiterin, hat also eine Sorge weniger. Bei Jonna, die eine unruhige Nacht in der Hängematte auf dem Schrottplatz, dem neuen gemeinsamen Wohnsitz verbringt, zeigt sich erst am nächsten Tag, dass niemand die Absicht hat, sie zu fressen. Im Gegenteil. Ihre neue Adoptivmutter zeigt sich von einer durchaus sympathischen Seite. Ganz allmählich gelingt eine Annäherung. Vorsichtig und durch den langen Aufenthalt im Waisenhaus der Welt und den Menschen gegenüber misstrauisch geworden fasst Jonna Vertrauen, geht auf die kleinen Gesten der Gorilla ein. Sie wachsen einander ans Herz. So sehr, dass eine drohende Trennung für beide unvorstellbar ist. Aber plötzlich besinnen sich die Aufsichtsbehörden auf ihre Aufgabe.

 

Heldinnen!

Frida Nilsson gelingen mit Jonna und Gorilla zwei unvergessliche Heldinnen. Das allmähliche Auftauen eines verschüchterten Mädchens wird überzeugend geschildert. Da ist zum Beispiel die Sache mit dem Fahrrad. Eigentlich ist es Schrott, aber dennoch so gut erhalten, dass Jonna darauf Radfahren lernen könnte. Sie schlägt das überraschende Geschenk aus, nur um es kurze Zeit später zu bereuen. Schließlich gehört ihr das rote Fahrrad doch „Nicht dass ich darauf fahren will, dachte ich“ und lehnt zunächst nur im Zimmer an der Wand. Natürlich lernt sie fahren –umsorgt und gestützt von ihrer neuen Adoptivmutter, die die Verantwortung für den ersten Sturz auf sich nimmt und Jonna mit Pflaster versorgt. Winzige Momentaufnahmen halten dieses Sich-Kennenlernen fest. Jonna wird selbstbewusster und sieht auch die Affenfrau aus neuen, unvoreingenommenen Augen. Und die genießt es, von dem Mädchen in der Rolle akzeptiert zu werden, die sie sich vorgestellt hat. Gorilla ist eine Powerfrau, die bei allem, was sie tut, ganz sie selbst ist. Die vor kleinen Gaunereien nicht zurückschreckt und zusammen mit Jonna schon bald ein unschlagbares Team bildet. Zwei, die sich ergänzen. Zwei, die sehr viel mehr gemeinsam haben, als Jonna ahnt. Denn diese Gemeinsamkeit bleibt Gorillas Geheimnis.

 

Waisenkinder

Erzählt wird von Jonna und das geschieht so direkt und überzeugend, dass sich Achtjährige sofort in der Geschichte wiederfinden. Hier gibt es alles, was das Herz begehrt: Abenteuer, ein Leben, in dem die Regeln der Erwachsenen außer Kraft gesetzt sind und in dem eine ungeahnte Freiheit auf Kinder wartet. Gorilla fragt Jonna beispielsweise, ob sie Autofahren lernen möchte. „Also … ich bin erst neun“, wird der Rollentausch zwischen Kind und Erwachsener weitergesponnen. Gorilla reagiert verständnisvoll: „Ach so, ja. Du kommst noch nicht an die Pedale. Na dann, auch egal.“

 

Zwischen Slapstickeinlagen – wenn die beiden miteinander im Restaurant essen gehen – und sentimentalen Momenten – ein Blick beim Zelten auf den Affenstern am Himmel – findet die Geschichte immer wieder ihre Balance, offen für Überraschungen, bereit für Entwicklungen.

 

Bücher spielen eine große Rolle im Leben von Gorilla. Regelmäßig besucht sie ein Antiquariat. Und als Jonna den gesamten Buchbestand von Gorilla zählt, kommt sie auf eine stolze Zahl. Eines der Lieblingsbücher darunter ist „Oliver Twist“. Und nachdem Dickens seinem Helden einen glücklichen Ausgang der Geschichte verschafft hat, darf man einfach mal optimistisch sein, was Jonna und Gorilla angeht.

 

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