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Heinz Janisch/Helga Bansch: Und du darfst rein

24.06.2010

Ene mene muh ...

… und raus bist du? Ernst A. Ekker lehnte Abzählreime schon immer ab und begann seine Lesungen stattdessen mit einem „Einzählreim“. Von ANDREA WANNER

 

„Spielanleitung: Man zeichnet einen großen Kreidekreis auf den Boden. Mit jeder Strophe darf jemand in den Kreis.“

 

Herzlich willkommen

Den Auftakt dieses besonderen Bilderbuchs bildet somit die Situation, die bei Abzählreimen am Ende steht: ein dürrer Vogel im Mantel, den Koffer neben sich und die spärlichen Federn auf dem Kopf vom Wind zerzaust, steht am Kai. Vor ihm  das endlose Meer, in dem nur ein kleiner Fisch zu entdecken ist. Rechts sieht man noch einen Teil eines massigen Dampfers, von links scheint sich ein weiterer Vogel zu nähern, der eine Leiter bringt. Eigentlich sieht man nur einen Teil der Leiter. Kann man sie benützen, um an Bord des Schiffes zu gelangen, an dem sich keine Einstiegsmöglichkeit auftut? Gedämpfte Farben vermitteln ein Gefühl von Einsamkeit. Keiner will so allein dastehen. Das Cover nimmt es vorweg! Die Leiter lehnt am Dampfer, vier Passagiere sind schon an Deck und die Einladung „Und du darfst rein“ gilt nicht nur dem Kind am Kai. Alle dürfen rein!

 

Kriterienkatalog

Was muss man tun, um dazuzugehören? Nichts. Jeder darf sein, wie er ist. Der vermeintliche „Zufallsgenerator“ Abzählreim – früh durchschaut von den Älteren, die sich immer schon ausrechnen konnten, wer suchen muss oder das kleinste Stück Kuchen bekommt, weil sie die mathematischen Gesetze durchschaut hatten – hat ausgedient. Es lebe der Unterschied, die Vielfalt: ob groß oder klein, ob traurig oder fröhlich, ob barfuß oder mit Strümpfen, ob Keksesser oder Eisliebhaberin – egal! Heinz Janisch fasst es in Reime und Helga Bansch findet die Bilder dazu, märchenhafte Szenen, die ihre eigenen kleinen Geschichten erzählen. Nebenbei lernt man, bis ZEHN zu zählen. So groß wird die Gruppe, die eingezählt wird, Seite um Seite, Zahl um Zahl. Die Szenen driften ins Magische, die Reime sind ebenso einfach wie genial: „Einer spielt Flöte, einer Klavier, da sind wir 4.“ Dazu klimpert ein Frosch auf den Tasten eines Klaviers und vier weibliche Figuren – eine ältere Frau und drei Mädchen – halten einen riesengroßen, Flöte spielenden Fisch. Nonsens? Ja!

 

Janisch meint dazu: "Ich bin ein Reisender mit Dingen und Büchern. Mir ist wichtig, dass Kinder Bücher als Geschenk erleben, wie eine Art Wundertüte: Man macht sie auf und lässt sich überraschen. Immer, wenn man mich fragt: "Warum schreiben Sie Kinderbücher?", denke ich mir, niemand würde einen John Irving fragen, warum er Erwachsenenbücher schreibt! Man schreibt einfach Bücher, die - wenn es gut geht - einem Achtjährigen und einem Achtzigjährigen gefallen!" 

 

Tabubrüche

Vielleicht ist noch mehr dahinter. Wie Peter Rühmkorf bereits 1967 in seinen Exkursen in den journalistischen Untergrund „Über das Volksvermögen“ nachwies, stecken in den harmlos wirkenden Kinderreimen oft genug Sprengstoff, werden gesellschaftliche und sexuelle Tabus gebrochen. In Zeiten, in denen allerorten mangelnde Solidarität beklagt wird, jeder schaut, wo er bleibt und wie er seine Schäfchen am besten ins Trockenen bringt, sind Einzählreime ein Tabubruch der besonderen Art. Einer, der wachrüttelt. Aber so sanft, dass man sich nichts Böses dabei denkt. Einer, der einen Traum zu träumen wagt. Einer, der Ausgrenzung eine Absage erteilt, der nichts von Gleichmacherei hält aber von Zusammenhalt. Und einer, der das in Worte und Bilder fasst, die tatsächlich alle erreichen können:

 

„Ob krank oder gesund,

  ob eckig oder rund,

  ob von dort oder da,

  ob von fern oder nah,

  ob groß oder klein,

  bei uns bleibt keiner allein –

  jeder darf rein!“

 

Alle sind an Bord des Schiffes, das nun nicht mehr wie ein bedrohliches Geisterschiff wirkt sondern eher wie ein fröhlicher Kreuzfahrtdampfer mit einer munteren Schar an Bord. Wir wissen es doch eigentlich längt: wir sitzen alle im gleichen Boot. Wer könnt anderes glauben, wer noch an Abzählreime?

 

 

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