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    Sonntag, 23. April 2017 | 19:52

    Evan Kuhlman: Der letzte unsichtbare Junge

    27.05.2010

    Sichtbare Zeichen eines Unsichtbaren

    Selten wurde im Kinderbuch eine treffendere Symbolik für den Verlust eines geliebten Menschen gefunden als im ersten ins Deutsche übersetzten Roman des amerikanischen Autors Evan Kuhlman. Das Tagebuch des Finn Garrett gibt Auskunft über ein sehr merkwürdiges Phänomen ... Von BEATE MAINKA

     

    Unglaubliches geschieht mit dem 12-jährigen Finn Garrett. Er muss nicht nur den plötzlichen Tod seines Vaters verkraften, sondern bemerkt ein zunehmendes Verblassen seiner Selbst, wenn er in den Spiegel schaut. Seine Haare wechseln die Farbe von Schwarz zu Weiß und seine Haut wird zusehend durchscheinender. Diese Wandlung hält er akribisch in seinem Tagebuch fest, doch nicht nur das. Zunehmend reflektiert er die schlagartige Veränderung, die sein Leben aus der Bahn geworfen hat. Er kapselt sich von seiner Umwelt ab, geht nicht zur Schule, verbringt ganze Nachmittage auf dem Friedhof und beobachtet und dokumentiert die Veränderungen im Verhalten seiner Mutter und seines kleinen Bruders. Und er beginnt sich zu erinnern an kleine und große Episoden, die das Bild seines Vaters lebendig erhalten ...

     

    Erst zögernd allerdings kommt er auf die Todesumstände zu sprechen, mag sich diesen Erinnerungen zunächst nicht stellen. Doch mit dem Zulassen der Trauer beginnt auch die Zeit, in der er sich wieder den Lebenden zuwendet. Er geht zur Schule, nimmt wieder am Familienleben teil und widmet sich seiner ersten zarten Liebe, Melanie, der Sportskanone aus seiner Klasse. Und siehe da, nun zeigen sich auch wieder die ersten schwarzen Haare und seine Haut tönt sich leicht rosa.

     

    Erstaunliches aus dem Leben eines Jungen

    Finn vertraut seinem Tagebuch sein Leben an: erfrischend aufrichtig, manchmal recht schnoddrig, aber auch mit all der tiefgründigen Weltsicht, zu der wohl nur Pubertierende fähig sind. Und als hätte er nicht schon genug Probleme, kommt dieses unheimliche Verblassen dazu. Der lockere Tonfall bietet da jedoch breiten Identifikationsspielraum, auch wenn sich mitunter seelische Abgründe auftun, etwa dann, wenn die Einsamkeit fast unerträglich wird. Doch Kuhlman baut in seiner Geschichte auf das Prinzip Hoffnung, er lässt seinen Helden kontinuierlich an sich selber wachsen und schließlich lernen, mit dem Verlust zu leben. Dazu stellt er ihm Menschen an die Seite, die zwar selbst zu kämpfen haben, wie etwa seine Mutter, aber dennoch nicht gewillt sind, aufzugeben. Und er zeigt mögliche Wege in die Zukunft auf, die zwar nicht in den schönsten Farben leuchten, aber zunehmend an Farbigkeit gewinnen.

     

    Selten wurde das Thema Tod mit einer solchen Leichtigkeit im Kinderbuch behandelt. Das wunderbare Bilderbuch „Die besten Beerdigungen der Welt“ von Ulf Nilsson mit den herrlich frechen Illustrationen von Eva Eriksson kommt ähnlich frisch und jenseits aller Betroffenheitspädagogik daher. Kuhlmans Erzählung lebt von der Tiefenschärfe, mit der er dem Innenleben Finns nachspürt und dies literarisch umsetzt. Ein wunderbar leichtes Buch zu einem ungemein ernsten Thema - das ist eines der Dinge, die die Kinderbuchwelt braucht! (Pst! - und ein paar Comics hat es auch noch, für die ganz Lesefaulen.)

     

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