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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 20. August 2017 | 10:04

    Hilde Vandermeeren: Cleos Kästchen

    15.04.2010

    Gute und fiese Geheimnisse

    In den Sozialwohnsiedlungen ist auch nicht alles Gold, was glänzt. Und nicht alles Schmutz, was nicht normal aussieht. Das muss auch Cleo erfahren, die erst seit neuestem dort wohnt und gleich mehrere Geheimnisse mit sich herumtragen muss. Aber sie ist nicht allein. Von GEORG PATZER

     

    Es gibt gute und fiese Geheimnisse. Cleo hat beide. Das gute ist ein Kästchen, das sie unter dem Bett versteckt, damit es ihre große Schwester auf keinen Fall findet. Aber Berverly interessiert sich sowieso nur für ihre Schminke. Denn sie hat die falsche: „Alle anderen haben die von der Liste!“ schreit sie wütend und wirft mit Sachen um sich. Nützt nichts, ihre Mutter hat kein Geld. Also muss sie die billigere Schminke nehmen. Und kommt in ihrer Klasse damit gar nicht gut an.

     

    Eine Bestandsaufnahme

    Die fiesen Geheimnisse sind nicht Cleos Schuld. Denn als sie wieder einmal auf ihre kleine Schwester Ellie aufpassen muss und mit ihr einkaufen geht, nimmt die einfach einen ganz süßen Stoffhund mit – in Hunde ist sie nämlich vernarrt. Und Cleo merkt das erst, als sie wieder draußen sind. Was soll sie nun tun? Zurückbringen geht nicht. Denn sie wohnt in der falschen Siedlung, in den Sozialwohnungsblocks, „dort, wo das Gesindel wohnt“: Da wird ihr doch keiner glauben, dass es ein Versehen war. Und dann hat auch noch Frau Hansen, ihre Lehrerin, gesagt, sie müsste unbedingt mit ihr reden, nach den Ferien. Sie hat den Diebstahl bestimmt gesehen. Und als sie sich Punch anvertrauen will, will der’s gar nicht hören: „Punch stützt den Kopf in die Hände. ‚Die Kammer mit den fiesen Geheimnissen ist proppenvoll’, sagt er leise. ‚Ich hab nur noch Platz für schöne.’“

     

    Hilde Vandermeeren hat ein sensibles Buch geschrieben, über ein Mädchen, das in den sozialen Abstieg gezwungen wird: Der Vater ist tot, gegen einen Baum gefahren, die Mutter ist ein wenig verstört und macht sich ständig Sorgen, was die Leute denken. Und ihre Tante Jessica hat einen Freund, der sie schlägt, deshalb muss sie manchmal zu ihnen kommen, um sich auszuheulen. Und Cleos neue Freunde sind auch ein bisschen seltsam: nur Punch ist nett und erträglich. Immer hat er ein Notizbuch dabei und zeichnet hinein, kleine Skizzen, freche Karikaturen. Aber sein Bruder Kevin ist komisch: Ständig kurvt mit dem Moped immer durch die fußballspielenden Jungs und versucht dann auch noch, Cleo dazu zu bringen, für ihn Botendienste mit seltsamen Päckchen zu machen. Was Punch vehement verhindert. Und wo Kevin das Moped her hat, weiß auch niemand so recht: „vom Laster gefallen“? Und Mirko gibt mit seinem geheimnisvollen und aufregenden Nachtleben an. Das er gar nicht hat.

     

    Diese Kinder werden es noch schwer haben

    „Cleos Kästchen“ ist eine Anklage gegen ein Sozialsystem, das den Unterschichten nicht so sehr hilft, sondern sie eher alleinlässt. Das ihnen eine moderne Holzskulptur als Kunstwerk auf die Wiese stellt, aber ihnen nicht das Fest zur Einweihung gönnt, das ihnen bestimmt mehr Spaß gemacht hätte. Das sich dann wundert, wenn jemand mit viel Wut im Bauch an der Skulptur herumschneidet. Der kleine Roman ist aber auch eine zarte Freundschaftsgeschichte zwischen Cleo und Punch – beide gehören eigentlich nicht so ganz in diese Gegend: Punch zeichnet und Cleo denkt sich mit viel Fantasie Geschichten aus, von denen Frau Hansen so begeistert ist, dass sie dringend den Besuch der weiterführenden Schule empfiehlt. Beide haben auch noch so etwas wie ein Sozialgefühl, sind solidarisch, helfen. Man weiß genau, dass diese beiden Kinder es noch sehr schwer haben werden.

     

    An diesem Punkt ist das Buch, das sonst schön direkt, genau, gefühlvoll und manchmal auch witzig erzählt, ein wenig zu platt, zu eingängig, zu pädagogisch. Dass es gerade die beiden „Künstler“ sein müssen, die zu „dem Gesindel“ nicht dazugehören, ist vielleicht ein wenig zu viel des Guten. Aber andererseits bietet und bot immer schon gerade die Kunst die Möglichkeit auszubrechen.

     

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