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Christiane Pieper: Die Nichte in der Fichte (ab 3)

22.10.2009

Was ist schon normal?

Normal ist die Welt von links nach rechts. Aber manchmal passiert dann doch etwas Ungewöhnliches. Und warum? Weil das Ungewöhnliche auch normal ist. Wenn man nur will. Von GEORG PATZER

 

Da steht das Pferd und guckt etwas dumm aus der Wäsche. Mit beiden Hufen fest auf dem Boden, äh, auf dem Baumstamm. Denn wo ist das Pferd: in einer Fichte. Einfach hochgelaufen. Gar nicht mal mit Anlauf. Auch nicht geklettert, denn wie will es sich auch an den Ästen festhalten, es hat doch gar keine Hände. Nein, nein, immer schön realistisch bleiben: Es ist einfach hochgelaufen: „Wer hätte gedacht, dass das Pferd so was macht? ‚Ich erkenne mich selbst nicht mehr’, sagt es und lacht.“

Die Nichte ist schuld. Ist einfach hochgeritten. Hat einfach die Richtung geändert. Und was wollen die beiden da oben? „Baumzapfen ernten; die sollen so schön geheimnisvoll knistern, wenn die Schuppen aufgehn. Zum Trocknen und Reifen, so hörte das Pferd, da legt man die Zapfen zu Haus auf den Herd.“ Aber das Mädchen hat Pech: „So sehr meine Nichte auch rüttelt und zupft, sie kriegt keinen Zapfen heruntergerupft. So sehr sie auch zappelt im Fichtengeäst: Es fallen nur Nadeln, die Zapfen sind fest.“ Es gelingt einfach nicht.

Mit einfacher Strichzeichnung und gereimter Geschichte schreibt Christiane Pieper von der kleinen Reiternichte und ihrem Pferd, die etwas Unmögliches machen und denen es doch nicht ganz gelingt. Aber das macht ja auch nichts. Denn: „’Die Hauptsache ist doch: Wir haben’s probiert!’ Worauf man noch mal um den Baum galoppiert.“

Die Nichte in der Fichte ist ein sehr fantasievolles Bilderbuch, das mit großer Selbstverständlichkeit von kleinen, normalen Wundern erzählt. Von einer Welt, die nicht so normal von links nach rechts funktioniert, wie die meisten Erwachsenen annehmen, die vielleicht noch ein kletterndes Pferd akzeptieren würden. Aber auf keinen Fall eines, das gemächlichen Schritts auf den Baum geht.

Aber so ist die Welt nicht. Und zum Glück gibt es immer noch Bücher, die das als ganz selbstverständlich voraussetzen. Und mit witzigen Bildern von den Zapfen erzählen und vom o­nkel, der unter den Baum gerannt kommt, das Pferd beim Abstieg kräftig am Po abstützt und auch das abschließende Wunder noch miterlebt. Und dann mit der Nichte und dem Pferd durch den Schnee in den Stall geht und neben Katzen, Schafen, Kühen und Hühner sitzt und in aller Ruhe den Geräuschen zuhört: „Es muht und es gackert, es gluckert und summt, es schnauft, schnurrt und schnattert, es mummelt und brummt. Da knistert es leise und feierlich…“

 

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