Das ist aber auch gemein. Da haut der alte König einfach ab, weil er keine Lust mehr hat. Kann man ja verstehen, auch ein König will mal in Rente gehen: „Er hängte seine Krone an den Nagel im Thronsaal, nahm den Heiratsantrag seiner Köchin an und verschwand mit ihr auf Nimmerwiedersehen in einer Seniorenresidenz auf Mallorca.“
Seiner Tochter Annabel, der er sagte, sie sei jetzt „groß und verwöhnt genug, die Regierungsgeschäfte allein zu führen“, gibt er seinen Segen und das halbe Königreich. Das halbe, weil die andere Hälfte doch immer der Held bekommt, der sie retten und heiraten wird. Weg war er.
Annabel ist wütend
Und natürlich will sie „keinen blöden Helden“ heiraten. Aber dann hat sie einen fürchterlichen Traum und will am nächsten Tag von ihrer Zofe Moldau wissen, wie sie an einen Helden kommt. Das ist nicht so einfach, aber Moldau hat noch „eine kleine hellgrüne Erinnerung“. „’ERBSEN’, murmelt Moldau und gähnt. ‚Und Matratzen. Echte Prinzessinnen werden gerettet, wenn sie auf weichen Matratzen liegen und trotzdem Popodrücken haben.“
Daraus wird aber nichts, denn Annabel („Du kannst mich Anna nennen.“) schläft trotzdem gut. Dann ist da noch was mit „schwarz wie Ebenholz, rot wie Blut und weiß wie Schnee“. Und schon malt sich Anna ihr Gesicht mit schwarzer Schuhcreme an, zieht ihr rotes Nachthemd an und setzt sich die schneeweiße Kochmütze auf.
Ganz und gar vergeblich probiert die arme Prinzessin alle möglichen Märchen durch, küsst einen Frosch, bastelt Zwerge aus Holzabfällen. Aber dann findet sie doch noch ihren Helden.
Susann Opel-Götz hat ein köstliches Bilderbuch geschrieben und gemalt, über die Kraft der Märchen und die Lust an Spinnereien. So ganz ernsthaft geht es dabei nicht zu, und alles ist ein wenig übertrieben. Dass es noch einen König gibt und eine etwas dumme Prinzessin. Und einen richtigen Helden! Dass ein König nach Mallorca verschwindet! Aber dann ruft Anna ihn in Mallorca an.
Dann stimmt es ja vielleicht doch?
Das Allerschönste aber sind die fantasievollen, ausgefeilten, penibel ausgestalteten, manchmal nur angedeuteten und hintersinnigen Bilder zu dieser abstrusen Geschichte. Vor allem die Kleinigkeiten im Hintergrund, die spielerischen Nebenbeis. Da ist die Königliche Jacht aus Zeitungspapier gefaltet, die beiden Städtchen heißen Pöbeldorf und Untertanau, und im Wald sagen sich tatsächlich Fuchs und Hase „Gute Nacht!“
Da guckt die Froschfrau richtig wütend, als Anna ihren Gatten küsst – und hat einen allerliebsten Ehering am Froschfinger. Da heißt das Badesalz „Pride & Prejudice“ (Stolz und Vorteil) nach Jane Austens Roman: Immer wieder sind witzige Petitessen zu entdecken, die das Bilderlesen zu einem großen Vergnügen machen. Und da alles gut ausgeht in dieser gemalten und verspielten Welt, kann man dann doch wieder auf die Macht der Märchen vertrauen.