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Gianluca Folì: Der Bär mit dem Schwert (ab 4)

19.03.2009

Gewalt macht nicht stark, sondern blind

Wer eine Waffe hat, ist stark. Wer stark ist, darf alles tun. Bis sich herausstellt, dass Gewalt auch für die Starken üble Folgen hat. Von MAGALI HEIßLER

 

Der große dicke Bär besitzt ein mächtiges Schwert. Er ist so stolz darauf. Mit einem Schwert in der Pranke muss er nichts und niemanden fürchten. Zum Beweis schlägt der Bär gleich alles in Stücke, was ihm unter die Augen kommt, so auch den Wald. Soll der Feind nur kommen, dem Bär mit dem Schwert kann nichts passieren.
Doch als der erste ‚Feind’ tatsächlich kommt, muss der Bär feststellen, dass er nichts gegen ihn ausrichten kann. Die Wasserflut, die die Bärenburg umspült, ist mit dem Schwert nicht aufzuhalten. Aber ein starker Bär weiß sofort Bescheid. Jemand muss das Wasser zur Burg geleitet haben. Diesen Jemand wird er in Stücke hauen! Die Biber, die er gleich darauf bedroht, sind aber unschuldig. Sie wurden von einem schreienden Babirusa so erschreckt, dass sie nicht auf den Damm aufgepasst haben. Die Sache ist klar: das Babirusa ist schuld!
Aber, so hört der starke Bär, auch das Babirusa kann nichts für die Überschwemmung. Es wurde nämlich vom Fuchs mit Pfeilen beschossen. Der Fuchs, so stellt sich heraus, ist auch unschuldig. Am Ende muss der Bär eine sehr unangenehme Entdeckung machen. Gut, dass sie ihn zum Nachdenken bringt. Und gut, dass man mit einem Schwert auch noch etwas Nützliches tun kann.

Ein Weltbild voller blinder Flecken

Die Geschichte beginnt bereits auf der Rückseite des fliegenden Vorsatzes. In der Ferne auf dem Hügel sieht man die Umrisse der Bärenburg, knapp skizziert, schwarzer Strich auf weißem Hintergrund. Eine Bärensilhouette am Fenster, auf dem Dach ein stolz-roter Wimpel. Trotz des warmen roten Flecks ist der Eindruck eher negativ. Die ferne Burg wirkt bedrohlich. Der Hügel ist ebenso skizziert, weiß, kahl, abweisend, bis auf halber Strecke abwärts die Bäume auftauchen, kräftige grüne Tupfen. Der Gegensatz von Farblosigkeit und Farbe verleiht dieser recht einfach erzählte Geschichte über die sinnlose Freude an der Macht zur Zerstörung und ihre Folgen für alle Nachdruck. So ist auch der Protagonist, der Bär, der zunächst braun bepelzt und gemütlich aussieht, in seinem bedrohlichsten Augenblick als böser Rächer plötzlich weiß. Farblos liegen auch die zerstückelten Sterne am Boden, eine hartweiße Schnittfläche teilt die gelbe Sonne wie den orangefarbenen Kürbis in nutzlose Einzelstücke.

Mit Hintersinn zum Miteinander

Doch auch die kurzen und schlicht formulierten Sätze entwickeln im Lauf der Handlung eine eigene Vielschichtigkeit. Der Bär, der zornig von einem vermeintlich Schuldigen zum nächsten stürmt, wird zum Verbindungsglied einer Kette, die am Ende alle miteinander verbindet. Tatsächlich hat jeder sein Teil zur Katastrophe beigetragen, weil jeder nur von sich aus und an sich selbst gedacht hat. Unmerklich hat Geschichte eine Moral gewonnen, am Ende ist eine richtiggehende Fabel daraus geworden. Dass das Ganze nicht nur mit illustratorischem Vergnügen, sondern auch mit beträchtlicher Erzähllust entstanden sein muss, beweisen kleine unerwartete Details im Handlungsverlauf, etwa, dass der Fuchs Besitzer eines Obstgartens und Marmeladekoch ist, oder eben, dass unter den vertrauten Tieren ausgerechnet ein Babirusa auftaucht. Dass es bei der Katastrophe ein Ohr verliert und sich am Ende mit Baskenmütze geschmückt als Maler entpuppt, ist nicht nur eine geistreiche Hommage, sondern vollendet auch den gedanklichen Bogen aus Wort und Tat, Farblosigkeit und Farbe, Bild und Buchstaben, Lebewesen und Welt, das Ich und die anderen. Es gehört eben alles zusammen, man muss nur die Augen öffnen.

 

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