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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 28. April 2017 | 00:36

    Meg Rosoff: Damals, das Meer (Jugendbuch ab 15)

    05.03.2009

    Eine Sage vom Meer, von der Liebe und von der Zeit

    Noch fremder als die Welt ist man mit sechzehn sich selbst. Ob Liebe die Lösung aller Rätsel ist, weiß nur die Zeit. Deren Wirkungsweisen aber sind so fremdartig, dass nicht einmal ein langes Menschenleben ausreicht, sie zu erfassen. Von MAGALI HEIßLER

     

    Ein bis auf die letzten dreißig Seiten des Buchs namenloser Junge wird von seinem Vater in einem Internat irgendwo am Rand der Salzmarschen von East Anglia abgesetzt. Der Junge ist sechzehn, das Internat ist sein drittes, schon zweimal ist er relegiert worden. Der Vater ist verständnislos und gereizt, das Wetter grau wie das Schulgebäude. Der Junge ist von seinen bisherigen Erfahrungen so abgeklärt, dass er fast passiv ist. Er weiß nicht, warum er hier ist, er weiß nicht einmal, warum er auf der Welt ist. Das Leben an sich blieb ihm bislang verschlossen, die Regeln, die er kennengelernt hat, interessieren ihn nicht. Er weiß allerdings, wo er ist, in einem Internat für Jungen. Die dort herrschenden Regeln kennt er genau und er weiß sie brutal und skrupellos auszunützen, um das zu bekommen, woran ihm am meisten liegt: seine Ruhe.
    Diese Ruhe ist nichts anderem gewidmet als dem bloßen Existieren. Der Junge ist eine Muschel in einer festverschlossenen Schale. Dass er sie je verlässt, hält er für unwahrscheinlich.

    Treibholz


    Während eines Geländelaufs beim verhassten Sportunterricht trifft der Junge einen etwa gleichaltrigen Unbekannten. Dieser, so stellt sich heraus, lebt allein in einer Hütte auf einer Landzunge, die nur bei Ebbe zu erreichen ist. Der andere Junge, Finn, beginnt den Ich-Erzähler mehr und mehr zu faszinieren. Das vom Schulleben so ganz verschiedene Dasein, Finns Selbständigkeit, seine Selbstgenügsamkeit, sein Wissen über das Meer und die Geschichte der Küstengegend dringen immer stärker in Vorstellungswelt des Jungen ein. Mit einem Schlag hat sich die schützende Muschelschale weit geöffnet. Zu leben wie Finn, zuletzt zu sein wie Finn, wird das Ziel. Dass es das erste eigene Ziel seines Lebens ist, erweist sich am Ende als fatal. Die Ausschließlichkeit, mit dem er seinen Traum verfolgt, lässt ihn alles andere übersehen, selbst das Geheimnis Finns. Als die Erkenntnis kommt, ist es zu spät. Der Junge muß neu anfangen, im Bewusstsein von Schuld. Und im Bewusstsein, dass weder eine Schale noch Regeln vor der Unerbittlichkeit des Lebens schützen.

    Seelensturm


    Erzählt wird diese recht grausame Geschichte vom Eintritt eines Sechzehnjährigen ins Leben aus der Rückschau. Der Ich-Erzähler ist fast einhundert Jahre alt, die Ereignisse, die ihn prägten, sind ins Jahr 1962 gesetzt. Der Sprung in eine fiktive Zukunft mit Bindung an eine bereits reale Vergangenheit irritiert zunächst, erweist sich im Verlauf der Geschichte aber als eine der tragenden Säulen der gesamten Konstruktion. Rosoff schafft ein Panorama der langsam verrinnenden Zeit. Die Spuren der Vergangenheit der Küstengegend, das Leben der alten Briten, der Römer, der Menschen des Mittelalters zeigen sich immer deutlicher, je weiter die Bewusstwerdung des Protagonisten voranschreitet.

    Finn, die zweite Hauptfigur, ist äußerst geschichtsbewusst und hat auch eigenen Sinn für den Wert der Vergangenheit. Zugleich ist er über weite Strecken des Buchs in seiner Rätselhaftigkeit atavistisch, fast un-menschlich, ein fremdartiges Wesen, Geschöpf eines fremden Elements, dessen Gefahren er scheinbar mühelos meistert.

    Das Bild für das Verrinnen der Zeit und zugleich die dritte Hauptfigur in dieser Geschichte, ist das Meer. Sein Regelwerk bestimmt über alles und jeden, denn es frisst, einmal gemächlich, ein anderes Mal in stürmischem Zorn, das Land und damit all das, was Menschen je geschaffen haben. Auch das Internat St. Oswald wird im Meer verschwinden, ein Ereignis, das lange nach dem Ende dieser Geschichte stattfinden wird, das uns der Ich-Erzähler aber nicht vorenthält.

    Als ebenso unerbittlich und gewaltsam wie eine Naturkraft erweist sich die Treibfeder, die dem Handeln des Ich-Erzählers zugrunde liegt. Es ist Egoismus, eine nahezu vollständige Blindheit gegenüber allen anderen Bedürfnissen außer den höchsteigenen. Das zieht einen Mitschüler ins Verderben und auch die Beziehung zwischen dem Jungen und Finn. Angesichts der nahezu tragödienhaften Konstellation wirkt die Lösung des Rätsels fast banal, eine Antiklimax, die aber sein muss, um den Jungen endlich aus seinem Traum hinauszuschleudern und zu sich selbst kommen zu lassen.

    Es ist eine stringent erzählte Geschichte vom Aufwachen und doch blind sein, von der verzweifelten Suche nach dem eigenen Ich im Andern, von einer Liebe, die in ihrer Unschuld so überhöht wird, dass sie gar nicht wahrgenommen wird. Der Roman ist überaus kunstvoll gebaut, die scheinbare Zeitlosigkeit, die sparsamen sprachlichen Mittel, die auf höchste Wirkung zielen, so mancher nicht stromlinienförmige philosophische Gedanke und nicht zuletzt der Zynismus, hinter dem sich der Ich-Erzähler höchst geschickt zu verstecken weiß, machen die Lektüre für jugendliche Leserinnen und Leser zu einer echten Herausforderung.

    Immer präsent ist die Küstenlandschaft, der Wind und die Schärfe der salzhaltigen Luft, das wechselnde Licht am Himmel über den Marschen wie im Wasser, die stete Abfolge der Gezeiten. Es ist ein düsteres Buch mit nur wenigen lebendig-goldenen Einsprengseln, wie die Sonnenflecken, die sich ganz plötzlich auf den Wellen zeigen, und das Licht in Finns Augen bei seinem seltenen Lächeln.

     

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