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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 18. August 2017 | 20:24

     

    John Green: Die erste Liebe (ab 14)

    20.11.2008

    Heureka!

    Wenn man herausragend intelligent ist, ist die Bewältigung des Lebens nur eine Sache des Lernens. Schließlich steckt hinter allem ein erkennbares System. Die Liebe allerdings erweist sich als ein Phänomen, an dem sogar ein Genie verzweifeln könnte. Wenn sie nicht ein solches Wunder wäre, meint Magali Heißler.

     

    Colin ist ein Wunderkind. Mit drei Jahren konnte er lesen, in der Schule hat er regelmäßig Klassen übersprungen. Jetzt, mit achtzehn, spricht er elf Sprachen fließend, löst die kniffligsten mathematischen Aufgaben und ist überhaupt ein wandelndes Lexikon. Am liebsten macht er Anagramme aus jedem beliebigen Wort, in Blitzesschnelle. Sein Traum aber ist es, berühmt zu werden, und zwar mit einer Erkenntnis, die, wie einst die von Archimedes, die Welt bewegen wird.

    Katherine und ...

    Die einzige Erkenntnis jedoch, die er bislang gewonnen hat, ist, dass es mit der Liebe nie klappt. Er war schon so oft verliebt, neunzehnmal, um genau zu sein - Colin ist immer genau -, aber jedesmal hat sie ihn verlassen. ‚Sie’ ist Katherine. Es ist immer ein anderes Mädchen, aber stets mit dem gleichen Vornamen. Ein anderer funktioniert nicht für Colin.
    ‚Uninteressant’, sagt Hassan. Hassan ist Colins bester (und einziger) Freund. Und das genaue Gegenteil von ihm. Er will nicht berühmt werden, er will eigentlich gar nichts, außer auf der Couch sitzen und es sich gut gehen lassen. Selbst Bewerbungen fürs College schreiben ist ihm viel zu anstrengend.
    Colin im Elend des neunzehnten Katherine-Kummers sitzen lassen, kann er als Freund aber auch nicht. Also packt er ihn kurzerhand in sein Auto, das nicht zu Unrecht den Namen ‚Satans Leichenwagen’ trägt, und bricht mit ihm auf zu einer langen Fahrt, die das leidende Wunderkind auf andere Gedanken bringen soll.

    Lindsey und ...

    Ihre Fahrt endet nach wenigen Tagen schon in Gutshot, Tennessee. Dass sie eben dort landen, hat mit dem Grab des Erzherzogs Franz Ferdinand zu tun, das sich dort befinden soll. Und eigentlich auch mit Lindsey, die in Gutshot Fremdenführerin ist. Da Lindsey aber nicht Katherine heißt, fällt das Colin zunächst überhaupt nicht auf. Überdies ist er damit beschäftigt, endlich seine eigene Entdeckung zu entwickeln. Das geniale Theorem über die Liebesbeziehung von Paaren nämlich. Damit soll mathematisch exakt begründet werden, warum und unter welchen Bedingungen eine Beziehung wie lange anhalten kann. Das ultimative Liebestheorem für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, sozusagen.
    Während Colin immer verbissener an Faktoren und Parametern tüftelt, geht das Leben seinen Gang: Es gibt einen überraschenden Ferienjob, einen überaus gutaussehenden Sportler, der auch Colin heißt, eine Jagd auf wilde Schweine, eine Dorfschönheit und einen Hornissenschwarm. Es gibt jede Menge Geschichten. Und es gibt die Liebe.

    ... die Metamorphose

    Diese Mixtur hat am Ende nicht nur Colin verwandelt, sondern auch Hassan, Lindseys Mutter Hollis und Lindsey selbst. Nicht selten liegen die genialen Erkenntnisse nämlich ganz unmathematisch gerade vor der eigenen Nasenspitze.
    Auf den 270 Seiten seines zweiten Romans über Jugendliche erzählt John Green eine überaus vielschichtige Geschichte. Weder die Personen noch der Aufbau sind leicht zu fassen. Es ist angelegt wie das Aufeinanderfolgen wissenschaftlicher Experimente, die zur Lösung führen sollen. Die Denkschritte These, Analyse, Synthese, neue These werden strikt eingehalten. Alle Faktoren werden genannt, die Parameter diskutiert, daraufhin das Problem analysiert und ein Schluss gezogen. Die Lösung ist der Ausgangspunkt für die nächste ‚Gleichung’. Auf diese Weise erfährt man Colins bisherigen Lebensweg, die Geschehnisse rund um die Katherines, aber auch Colins Wünsche und Träume.

    Entwicklungen allerorten

    Sehr sorgfältig aufgebaut ist auch Hassan, wobei es Green gelingt, die dramaturgisch oft undankbare Rolle des ‚besten Freunds’ beträchtlich aufzuwerten. Hassan muss sich mit einer ganz anderen Situation auseinandersetzen als Colin. Er ist Araber, Moslem und zugleich ein selbstbewußter junger US-Amerikaner. Die Schilderung enthält einiges an Gesellschaftskritik, politisch wie ethisch-moralisch.
    Der Roman handelt damit fast ebenso sehr von Hassan wie von Colin und, auch das ist eine Leistung, von der Beziehung der beiden Freunde. Nicht nur sie reifen, sondern auch ihre Freundschaft.
    Lindseys Entwicklung und die Geschichte ihrer Mutter spiegeln diese Probleme auf verhaltene, aber bedeutsame Weise. Zugleich ist ihre Geschichte der dritte Strang dieses Romans. Verbunden sind alle drei durch das Hauptthema. Das ist entgegen dem Titel und der Aufmachung des Buchs nicht Verliebtheit oder Liebe, sondern die Frage nach der Verantwortung für andere.
    Dem Thema ‚Wunderkind’ entsprechend, wird jede Menge Buchwissen mitgeliefert. Es gibt Zitate in verschiedenen Fremdsprachen, vom Altgriechischen bis zum Arabischen, viele Fakten aus der Geschichte und den Naturwissenschaften. In zum Teil aufmunternd-frech formulierten Anmerkungen wird übersetzt oder erklärt. Der Autor zeigt dabei einen wachen Instinkt dafür, wann der Informationsfluss seine obere Grenze erreicht hat. Dabei ist Hassan geschickt als Gradmesser eingesetzt. Sein kategorisches ‚Uninteressant’ stoppt Colin im vollen Lauf, gleich ob beim Anagrammebilden oder Lexikonartikelrezitieren. Dabei wird der Erwerb eines großen Wissens an keiner Stelle negativ gewertet oder lächerlich gemacht. Auch in diesem Punkt hebt sich der Roman positiv ab.

    Theorie mit Herz

    Erzählt wird mit viel Witz, und zwar in seiner ganzen Bandbreite. Es gibt Deftiges, Triviales, Freches, Hintersinniges, Ironisches, Herzerwärmendes und nicht wenige trockene Kommentare, die gleichermaßen hohe Komödienkunst wie überraschende Lebensweisheit sind. Schließlich geht es auch ums Erzählen, ein weiteres Thema dieses Romans. Erzählen ist etwas, das Colin lernen muss. Er kann ja nur Fakten wiedergeben oder Buchstaben anders kombinieren. Erzählen lernt er schließlich, dafür sorgt Lindsey. Wie gut der Autor es kann, beweist das ganze Buch.
    Nicht vorenthalten wird den Leserinnen und Lesern die Mathematik. Man verfolgt die Entstehung von Colins Liebes-Theorem durch alle Stadien der Formel und alle Stufen des Graphen. Tatsächlich wird die Mathematik zu einer aktiven Nebenfigur des Romans. Ein elfseitiger Anhang des Mathematikers Daniel Bliss erläutert die Zusammenhänge und Hintergründe von Colins Berechnungen. Das Buch wird dadurch noch vergnüglicher, so seltsam das in Ohren all jener, die Mathematik nicht als Herzensangelegenheit betreiben, auch klingen mag.
    Man braucht Geduld für diesen Roman, aber Erkenntnisse müssen eben hart erarbeitet werden, darauf besteht der Autor. Das Selbstbewußtsein, mit dem er für seine Überzeugungen einsteht, trägt nicht wenig dazu bei, aus dieser Geschichte einen von Grund auf originellen Roman zu machen, an dem nicht nur Jugendliche ihre Freude haben werden.

    Magali Heißler


    John Green: Die erste Liebe [nach 19 vergeblichen Versuchen]
    Jugendbuch ab 14
    Hanser 2008
    Gebunden. 280 Seiten. 14,90 Euro.
    ISBN 9783446230910


     

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