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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 18. August 2017 | 20:23

    Maggie Schneider: Opa Meume und ich (ab 9 Jahren)

    30.10.2008

    Das unsichtbare Innendrin

    Echte Freundschaft bedeutet, dass man füreinander da ist. Das kann sogar klappen, wenn die eine erst neun Jahre alt ist und der andere schon fünfundachtzig. Und weil echte Freundschaft in Wahrheit auch Liebe ist, bleibt dem einen auch etwas, wenn der andere gestorben ist. Von MAGALI HEISSLER

     

    Emmas Familie und Herr und Frau Meume wohnen im selben Haus. Emmas Eltern sind berufstätig, und die neunjährige Emma ist stolz darauf, ein Schlüsselkind zu sein. Manchmal jedoch fühlt sie sich ein bisschen verlassen, wenn sie von der Schule nach Hause kommt. Daher hat sie nichts dagegen, dass Frau Meume hin und wieder ein Auge auf sie hält. Bald besucht Emma das alte Ehepaar regelmäßig. Sie nennt sie Oma und Opa. Oma kocht, und nach dem Essen machen alle drei zusammen Hausaufgaben.

    Eines Tages aber geschieht etwas Schreckliches, Oma Meume stirbt. Emma braucht lange, ehe sie den Schock überwunden hat. Sie kommt erst wieder zu sich, als ihr auffällt, daß Herr Meume immer seltsamer wird, und dünner. Energisch, wie sie ist, beschließt sie, Opa Meume beizustehen. Das ist nicht einfach, denn zum einen wehrt sich Opa Meume gegen ihre Einmischung, zum anderen muß sich Emma mit der Frage auseinandersetzen, ob von Menschen überhaupt etwas übrigbleibt, wenn sie gestorben sind. Trost findet sie erst, als Opa Meume auf den Gedanken vom ‚unsichtbaren Innendrin’ kommt. Das ist das, was bleibt, wenn der sicht - und greifbare Körper verschwunden ist. Die Anwesenheit des unsichtbaren Innendrin kann man fühlen, wenn man nur will. Damit gewinnt auch Opa Meume neuen Lebensmut. Von nun an kümmert sich nicht mehr nur Emma um Opa, sondern auch Opa wieder um Emma. Er erzählt von früher, Emma erfährt viel vom Leben und von Menschen.

    Als die Sommerferien heranrücken, taucht ein neues Problem auf. Emma wird mit ihren Eltern in Urlaub fahren, sie freut sich schon darauf. Doch was wird aus Opa Meume? Kurz entschlossen entwickelt Emma ein ›Opa-Betreuungsprogramm‹, zu dem sie gnadenlos ihre Freundinnen verpflichtet. Nach einigen strengen Übungsstunden erfüllen sie endlich die hohen Anforderungen. Emma kann beruhigt in Urlaub fliegen. Bei der Rückkehr jedoch findet Emma Opa Meume im Krankenhaus. Sie sehen sich nur noch zweimal, dann stirbt auch Opa Meume. Sein ›unsichtbares Innendrin‹ aber wird immer da sein, wenn Emma an ihn denkt.

     

    Ambivalente Schönheit

    Maggie Schneider hat sich in ihrem Erstlingsroman für Kinder eines sehr großen und ganz grundlegenden Themas angenommen, nämlich der Beziehungen zwischen den Generationen. Der heutigen Zeit angemessen geht es nicht mehr nur um die vielfältigen Verbindungen innerhalb der klassischen Kernfamilie. Diese hat sich erweitert, um Wahlverwandtschaften. Damit ist zugleich die Frage der persönlichen Verantwortung über die Familie hinaus angesprochen.

    Erzählt wird aus der Position der Neunjährigen, die zwar so einiges noch nicht verstehen kann, aufgrund ihrer kindlichen Unbefangenheit aber eben deswegen fähig ist, Grenzen, die Gewohnheiten und Konventionen gesetzt haben, zu überschreiten, weil sie für sie gar nicht existieren. Die Autorin läßt einen sehr scharfen Blick für die Schwierigkeiten erkennen, die im Zusammenspiel der Generationen herrschen. Emmas Eltern haben weit größere Probleme im Umgang mit Opa Meume als ihre kleine Tochter. Das wird anläßlich des Weihnachtsfestes bis ins Detail durchgespielt und gehört denkerisch wie darstellerisch zu den Höhepunkten des Buchs.

    Emma muß erfahren, daß ihre Eltern sie, bei aller Liebe, die sie erfährt, immer wieder wegschicken, um sie zu behüten, etwas, das sie nicht dulden will. Ihren spontanen Reaktionen wird oft ein ‚Das geht nicht’ entgegengesetzt, das sie nicht einsehen kann. Um zu tun, was sie für richtig hält, muß sie schweigen lernen, ungehorsam sein und am Ende auch schwindeln. Und die Folgen tragen. Das sind erste Lektionen in privater Familienpolitik. Sehr gut gezeichnet ist auch das starke Gefälle zwischen den Erfahrung einer Neunjährigen und zweier über Achtzigjähriger, die sich bemühen, dem Kind Negatives rücksichtsvoll darzubieten, etwa mit Omas Meumes ‚Es hat nicht sollen sein’, als Emma fragt, warum sie denn keine Kinder haben. Zugleich sind die Alten diejenigen, die Emma den größten Schlag versetzen, indem sie sterben.

    Diese Ambivalenz der Gefühle prägt den Ton dieser Erzählung immer wieder. Liebe und Tod, Lachen und Vergänglichkeit, Glück und Trauer stehen ganz nah beieinander. Und weil zum Weinen auch das Lachen gehört, gibt es neben den tragischen Elementen Augenblicke höchster Komödienkunst, etwa die Schulung im Opa-Betreuen, die Emma ihren Freundinnen angedeihen läßt, und die Opa Meume mit höchsternster Miene über sich ergehen lässt.

    Hin und wieder allerdings ist das Buch von der Größe des Themas überlastet, auf den letzten Seiten wird gar ein neuer Handlungsfaden eingeführt, der vom Aufbau her unnötig ist und die Haupthandlung aufweicht. Gelegentlich vermißt man Konzentration auf das Kernthema und Stringenz im Erzählen. Die Originalität des Grundgedankens und die frische Herangehensweise, die unweigerlich an die zupackende, unbefangene Art der kleinen Hauptfigur erinnert, retten das Buch letztlich doch.

    Dass Jacky Gleich für die Illustrationen gewonnen werden konnte, ist mehr als ein Glücksgriff. Die vielfältigen Brauntöne, in denen sie ihre Bilder gehalten hat, erinnern gleichermaßen an das wehmütige Sepia alter Fotos wie an den Herbst des Lebens. Das zugrundeliegende sanfte Gelb gibt zugleich die Wärme und das immer wieder aufstrahlende Gold von Glücksgefühlen wieder. In den ein wenig übergroßen Gesichtern spiegelt sich dabei die ganze Handlung. Das Mienenspiel zeigt jede Regung und vor allem die Gleichzeitigkeit von Gefühlen. Das ist Glück vermischt mit Ernst, Verlegenheit bei gleichzeitiger Verschmitztheit, Schrecken, Angst und erstes Verstehen, das in den Augen aufdämmert. Text und Bilder verschmelzen zu einer Einheit, wie sie selten gelingt. Es sind denn auch die Illustrationen, die das etwas wackelige Gerüst zusammenhalten, seinen Sinn verstärken und den inneren Gehalt betonen.

    Das ›unsichtbare Innendrin‹ der Menschen, also die Erinnerungen an Liebe und aktive Fürsorge, die den Kern der geschriebenen Worte bilden, wird so auf wunderbare Weise zweifach sichtbar.
    Emmas Erinnerungen an Oma und Opa Meume sind eine Geschichte, die man bestimmt nicht leicht vergisst.


     

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    ... bis sie dann gestorben sind.

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