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Suzanne Crowley: Meine geordnete Welt (ab 12)

10.07.2008

Ein Schluckauf der Gene

Im Leben von Merilee ist alles streng geregelt. Ein minutiöser Zeitplan ist das Gerüst, an dem sie sich festhält. Merliee leidet am Asperger Syndrom, einer leichten Form des Autismus und alles scheint gut zu gehen, bis Biswick auftaucht.
Von Andrea Wanner

 

Merilee – mit Nachnamen heißt sie tatsächlich Monroe – führt ein sehr Geregeltes Leben, das sie selbst SGD abkürzt. Für unvorhergesehene Katastrophen hat sie die FF-Atemzüge, die sie Fiona Friday abgeschaut hat, einer Dame, die samstagmorgens um sechs die Meditationsübungen im Fernsehen durchführt. Merliee, unpassenderweise – weil sie, wie viele Autisten etwas gegen zu viel körperliche Nähe hat - „Hug“ genannt, hat ihr Leben im Griff. Trotz der ewigen Meckerei ihrer Großmutter und der Hänseleien ihrer jüngeren Schwester.

Merilee hält Abstand zu Menschen und Gefühlen. Vielleicht fällt es den anderen deshalb so leicht, ihr alles zu erzählen. Sie kennt alle Geheimnisse der Einwohner von Jumbo, ihr werden Dinge anvertraut, die sonst niemand erfährt. Sie bleibt unberührt.

Doch dann erscheint der jüngere Biswick auf der Bildfläche. Ein bisschen zurückgeblieben – was dem Alkoholkonsum seiner Mutter während der Schwangerschaft zuzuschreiben ist, wie man später erfährt – aber offen, spontan und direkt. In allen Dingen eigentlich das totale Gegenteil von Merilee. Schon nach kürzester Zeit hängt Biswick wie eine Klette an Merilee. Sie, die immer und überall die Distanz sucht, hat nun den Jungen im Schlepptau. Und es wird noch schlimmer, denn ganz allmählich beginnt das Mädchen so etwas wie Verantwortung zu fühlen.

Suzanne Crowley hat in ihrem Erstlingswerk ein texanisches Städtchen mit einer Vielzahl eigenwilliger, unverwechselbarer Menschen und Schicksale gefüllt. Mittendrin eine Ich-Erzählerin, die von der ersten Seite an berührt. Ihre Sicht der Welt ist eine ungewohnte, wenig vertraute, die neue Perspektiven eröffnet. Selbst ihre Sprache ist eine eigene und eigenwillige, „verwunderlich“ und „außerordentlich“ ihre Lieblingswörter.

Biswick ist Merilees Schlüssel zur Welt. Mit jedem Tag, den sie mit ihm verbringt, öffnet sie sich dem Leben ein Stückchen weiter. Schnörkellos und ohne Kitsch wird diese bewegende Geschichte erzählt, die – schon wegen des Themas Autismus – manchmal an Mark Haddons „Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone“ erinnert.

Zu den unvergesslichen Menschen in Merilees Leben gehört sicher ihre bösartige Großmutter Birdy, die wundervolle Säuglingsschwester Veraleen Holliday und nicht zuletzt Merilees Mutter: starke Frauenfiguren, die den Werdegang des Sorgenkindes prägen. Und die für Katastrophen in ihrem Leben so passende Bilder finden wie Merliees Mutter: „Mama sagt, Veränderungen seien Gottes Art, uns ein sanftes Wunder zu zeigen – wie die Schokoladenfüllung in einem Tootsi Pop, meinem Lieblingslolli.“

Veränderungen gibt es viele. Nichts wird Merliee so schmecken wie die Schokofüllung. Für uns Leser ist das ganze Buch ein einziger Genuss!

Andrea Wanner


Suzanne Crowley: Meine geordnete Welt. Oder: Der Tag, an dem alles auf den Kopf gestellt wurde.
Aus dem Amerikanischen von Knut Krüger.
cbj 2008
Gebunden. 270 Seiten. 14,95 Euro.
Ab 12 Jahren.
ISBN 978-3-570-13259-3

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