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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 30. April 2017 | 22:30

     

    Jens Thiele: Jo im roten Kleid.

    14.07.2004

     
    Der weite Weg zu sich selbst

    Jede Einstellung ist eine kleine Inszenierung für sich, voll packender Dramatik und voller Emotionen.

     

    Ein Erwachsener zeigt einem Kind ein Bild. Das reagiert wie erwartet und fragt neugierig: „Bist du das auf dem Bild?“ – Natürlich ist das der Erwachsene und das Foto war nur ein Köder, denn eigentlich möchte der Erwachsene dem Kind etwas erzählen. „Wenn du willst, kann ich dir etwas aus meiner Kindheit erzählen! Als ich ein Junge war…“ Aber spätestens jetzt verlässt die Geschichte die ausgetretenen Pfade, denn der Junge reagiert prompt: „Nein danke! Bloß nicht so etwas Langweiliges von früher!“ Und jetzt? Der Erwachsene ist raffiniert. Die neue Variante lautet: „Gut, dann erzähle ich dir, was ich machen würde, wenn ich heute ein Junge wäre…“ So klappt es. Der Junge lässt sich auf das Spiel mit den unzähligen Möglichkeiten ein. Ja, was könnte man so als Junge alles machen? Einen Boxkampf? Einen Drachen steigen lassen? Und dann platzt die Bombe: „Oder ich würde mir ein schönes Kleid anziehen…“

    Die Überraschung ist gelungen. Der Junge ist platt. Und alle, die das Buch anschauen oder vorlesen auch. Da zieht sich tatsächlich ein Junge das rote Kleid seiner Mutter an und bewundert sich im Spiegel. Als Jo wird er zum Filmheld und träumt sich in eine Rolle, die so gar nicht zu dem passt, was wir uns unter einem Jungen vorstellen. Aber wie müssen Jungen sein? Stark, muskulös, draufgängerisch, ein bisschen frech, sportlich, mutig, verwegen? Gibt es nicht vielleicht auch in vielen Jungen eine andere Seite?

    Was passiert, wenn ein Bilderbuchkritiker die Seite wechselt und selber ein Bilderbuch macht, zeigt uns Jens Thiele in seinem Bilderbuch, das in keine der gängigen Schubladen passen will. Die Farben reduziert er auf Grautöne und Schwarz – und natürlich Rot. Die beiden Gesprächspartner, der erwachsene Mann und der Junge sitzen einander als Scherenschnittfiguren auf einem schwarzen Balken gegenüber. Der Text ist ihnen farblich zugeordnet: schwarze Schrift für den Jungen, rote für den Mann. Ganz schlicht und reduziert präsentiert sich dieser Rahmen, umso spektakulärer sind die mit dem Zeichenstift ergänzten Collagen, die die Szenen im roten Kleid ins Bild setzen. Jede Einstellung ist eine kleine Inszenierung für sich, voll packender Dramatik und voller Emotionen. Eine Überraschung jagt die nächste und am Ende liegt allen die Frage auf der Zunge, die der Junge stellt: „Du hast vielleicht Nerven! Mal ehrlich: das alles würdest du machen, wenn du heute ein Kind wärst?“ Wir ahnen die Antwort schon, ehe sie am Ende im Raum steht. Als Feststellung. Als Outing? Als Spiel damit, sich in keine Rolle pressen zu lassen. „Nein, das habe ich damals gemacht, als ich ein Kind war.“ Vielleicht braucht man sogar ein bisschen Mut, um mit Kindern so ein Bilderbuch anzuschauen, und es nicht einfach als „Schwulenbilderbuch“ abzutun. Die Geschichte von Jo ist viel mehr, es ist der weite Weg zu sich selbst.

    Andrea Wanner


    Jens Thiele: Jo im roten Kleid.
    Peter Hammer 2004. 32 Seiten.
    Bilderbuch ab 6 Jahren. 13,90 Euro.
    ISBN: 3-87294-949-7

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