»Du willst mit Florentine Fahrstuhl fahren?« Sein neuer Freund hat schon seltsame Ideen, findet Clemens-Hubertus: Aber wenn sie Florentine auf dem Balkon verstecken wollen, müssen sie auch irgendwie dahinkommen. Erdal wohnt nämlich mit seiner Familie im 7. Stock, und Treppensteigen fällt definitiv aus: Das schafft Florentine nicht. Nur: »Wie kriegt man ein Schwein in den Fahrstuhl?« Normalerweise trottet sie ihm hinterher, egal, ob es passt oder nicht. Aber dieses Mal ist sie stur wie ein Esel. Clemens-Hubertus kann noch so viel rufen und locken, Florentine rührt sich nicht von der Stelle. Mit Schieben kommen die beiden Jungs auch nicht weiter. Erst als Erdal eine Kürbiskernspur in den Fahrstuhl legt, wird Florentine neugierig: »Millimeter für Millimeter schmatzte und grunzte das Schwein sich vorwärts.«
Gestern Abend fing die Geschichte an: Clemens-Hubertus, der seinen Namen hasst, saß mit seinen Eltern beim Essen, als er das Schwein sah: »Es war groß und rosa und hatte ein paar schwarze Flecken«, mampfte seelenruhig die Dahlien seiner Mutter und glotzte ihn durch die Terrassentür an. Er war ziemlich verdutzt, denn er hatte noch nie gehört, dass Schweine über Zäune springen können. »Da steht ein Schwein im Garten.« Doch seine Eltern waren mal wieder viel zu sehr mit sich selber beschäftigt, so oft er auch versuchte, sie auf Florentine aufmerksam zu machen: Sie waren einfach taub, redeten stur weiter über die Probleme, die sein Vater in der Firma hat. Am nächsten Morgen war das Schwein dann verschwunden und Clemens-Hubertus erleichtert: »Weil ich jetzt keine Angst mehr um Mamas Blumen haben musste. Außerdem war ein Schwein in meinem Tagesablauf echt nicht vorgesehen. Ich habe schließlich auch ohne Schwein genug zu tun.« Zum Beispiel jeden Tag Klavier üben und einmal in der Woche zu seinem Klavierlehrer, dem »alten Birnsack«, gehen, den er nicht besonders mochte. Trotzdem war er auch ein bisschen traurig: »Jetzt würde ich nämlich nie herausfinden, woher das Schwein eigentlich gekommen war und was es bei uns wollte.«
Auf einmal ist es wieder da, steht auf der Terrasse und drückt seine Nase an der Fensterscheibe platt. Keinen Bissen kriegt er mehr runter, schleicht vor dem Unterricht noch zum Schwein, das ihm verschwörerisch zuzwinkert und plötzlich auf dem Parkplatz kurz vor der Schule auftaucht. »Jetzt, so ganz ohne Zaun zwischen mir und dem Schwein, sah es noch größer aus«, und Clemens-Hubertus fühlt sich gar nicht mehr so wohl in seiner Haut. Vor allem: »Woher wusste es, dass ich hier war?« Und was wollte es von ihm? Heldenhaft versucht er, sich an seiner neuen vierbeinigen Freundin vorbeizumogeln, aber sie hat ihn längst adoptiert, weicht nicht mehr von seiner Seite: »Ich hatte verstanden. Die Chance, ohne Schwein zur Schule zu kommen, war gleich null.« Und auf dem Schulhof erzählt ihm Anna-Lena dann, dass das Schwein beim Zirkus war, Florentine heißt, vor dem Schlachter ausgebüxt ist und gesucht wird. Ein Zirkusschwein schlachten? Kommt gar nicht infrage: Er muss Florentine retten. Nur wie? Und da hat Erdal die rettende Idee.
Jetzt wird die eh schon abstruse Schweinegeschichte zu einem rasanten Florentine-Abenteuer, bei dem es dann noch richtig gefährlich wird und eine brenzlige Situation die nächste jagt. Es geht aber auch um Vorurteile, die sich anbahnende Freundschaft zwischen den beiden Jungs und Vertrauen, um die ersten Krisen zu überwinden: Denn Erdal ist zwar in Clemens-Hubertus Klasse, aber bisher haben sie kaum miteinander geredet. Und jetzt lernt das Einzelkind, das in einem Haus mit Garten aufwächst und Klavierspielen muss, weil es der Kindheitstraum seiner Mutter war, durch Erdal eine neue Lebensart und Kultur kennen: eine lärmende Großfamilie mit ganz anderen Selbstverständlichkeiten, einem deftig herzlichen Ton, viel Freiheit und Vertrauen, Verlässlichkeit und gegenseitigem Respekt. Und das alles in einer grauen, trostlosen Hochhäuser-Gegend: »Alles hier war irgendwie viereckig. Sogar der Himmel hatte hier vier Ecken.«
Es ist eine spannende, witzige und mitreißende Geschichte mit einem ein wenig zu schnellen und allzu glatten Happy-End. Geschrieben in einem schönen Ton und einer, von kleinen Holprigkeiten abgesehen, melodiösen und einfühlsamen Sprache: Bei der man immer wieder den grüblerischen Gedanken des Ich-Erzählers Clemens-Hubertus lauschen und an seiner Gefühlswelt teilhaben kann. Denn eigentlich erzählt Jutta Wilke in ihrem Buch Florentine oder wie man ein Schwein in den Fahrstuhl kriegt von Clemens-Hubertus: Wie er sich von einem kindlich naiven Zehnjährigen, der seinem nach Amerika gezogenen Freund Niklas nachtrauert, zu einem Teeny entwickelt. Der andere Welten, andere Kulturen entdeckt und über sich hinauswächst. Mutig wird, selbstbewusst und vor allem immer besser weiß, was er will, z.B. Eltern, die ihm zuhören, und was nicht: Klavierspielen.