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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 25. Juni 2017 | 10:37

    Michael Roher: Herr Lavendel

    09.07.2012

    Alles ist möglich

    Herr Lavendel tanzt durch die Welt, fliegt durch die Luft, spricht mit dem Tod und strickt seiner geliebten Hannelore einen Schal aus lauter netten Worten. Herr Lavendel ist anders als die anderen: Er denkt anders, verhält sich anders und ist viel fröhlicher und lustiger und neugieriger und offener. Und zeigt uns die Wunder der Welt und die Poesie des Lebens, findet SUSANNE MARSCHALL.

     

    »›Denkst du, ich kann es?‹, fragt Herr Lavendel. ›Nichts ist unmöglich‹, sagt die Hummel. Und schon brummen sie von Blüte zu Blüte.« Schwirren durch die Lüfte. Und Herr Lavendel mit der großen Nase, dem schütteren Haar und den freundlichen Knopfaugen pflückt dabei noch Blumen. Dunkelviolette mit drei zarten, länglichen Blütenblättern. Herr Lavendel ist eben anders als andere Menschen, deshalb erlebt er auch andere Geschichten. Damit er die vielen schönen Erlebnisse nicht vergisst, egal ob sie groß oder klein sind, hängt er Erinnerungsstücke an eine Wäscheleine: »Und jeden Tag kommt wieder etwas Neues dazu…«

     

    Er mag das Meer nicht nur, sondern es war »Liebe auf den ersten Blick.« Nackt, nur mit einer schwarz-weißen Badekappe auf dem Kopf und einem seligen Grinsen im Gesicht springt er in die Fluten. Und auf den Wind wartet Herr Lavendel. Will sich von ihm tragen lassen, auf ihm in den Himmel sausen: Mit Fliegermütze und Fliegerbrille steht er auf der blauen Höhe, den großen Sonnenschirm startbereit aufgespannt. Wenn es regnet, erzählt er gruselige Hexengeschichten, und alle lauschen gespannt, selbst der große Elefant. Angst hat Herr Lavendel auch keine: Das Gespenst, das ihn um Mitternacht besucht, lässt er unter seine warme Decke schlüpfen, es ist ja so klein und hat so ein dünnes Stimmchen. Und auch nicht vor dem Tod, der dürren Kapuzengestalt. Am Strand treffen sie sich, und Herr Lavendel möchte wissen: »›Wie ist das mit dir?‹ Der Tod zeigt aufs Wasser hinaus. ›Stell dir vor, dein Leben ist das Meer. Siehst du den Horizont? Die Grenze, wo das Meer endet und der Himmel beginnt, das bin ich.‹«

     

    Mit jedem redet er, hört jedem geduldig zu. Auch der hochnäsigen Gans mit dem Kopftuch, obwohl sie ihm nur einen halben Witz erzählt, weil sie es ach so eilig und wichtig hat. Mit seinem Nachbarn isst er Cannelloni, weil er ihn gerne kennenlernen möchte, schickt »einen Kuss ans andere Ende der Welt« und zieht, wenn ihm gerade danach ist, statt Hosen Röcke an. Mit Blumenbordüren und großen roten Rosen. Er plaudert mit dem Glück und pflanzt eine Idee: »Und bald wächst und gedeiht sie im Sonnenlicht zu einem Gutenachtgedicht für Hannelore.« Seiner Liebe. Und er strickt ihr »einen Schal aus lauter lieben Worten«, weil »der von innen wärmt.«

     

    Herr Lavendel ist wirklich ein ganz besonderer, ein ganz außergewöhnlicher Mensch. Jemand, dem man gerne begegnen und sich von ihm anstecken lassen möchte: Von seiner Leichtfüßigkeit, mit der er durch das Leben tänzelt, seiner Neugier, die ihn in die kleinsten und auch dunklen Ecken spähen lässt. Von seiner unvoreingenommenen, freundlichen Art, seinem klaren Blick, seinem ungekünstelten, ehrlichen Ich-sein. Seiner Zufriedenheit und dem lachenden Mund, der wie ein Halbmond in seinem Gesicht liegt. Und den netten collageartigen Illustrationen.

     

    Michael Roher wäre mit »Herr Lavendel« fast ein bezauberndes, kleines Buch gelungen: zum Schauen und Staunen, Schwelgen und Sinnieren, zum Entdecken, Ausprobieren und Philosophieren. Gäbe es da nicht diesen überaus bitteren Wermutstropfen: Bei jeder Geschichte, die nur mit ganz wenigen, prägnanten Worten wunderbar auskommt, steht eine Frage an die Leser. Etwa: »Warst du schon einmal am Meer?«, oder »Was würdest du gern können?«, oder »Welche ist deine Lieblings-Eissorte?« Als bräuchten Kinder solche dummen, betulichen Anleitungen zum Fantasieren und Fabulieren. Solche pädagogischen eiffelturmgroßen Zeigefinger, um über die Welt und sich selbst nachzudenken. Vielleicht ist es ja gar kein Kinderbuch, sondern eines für Erwachsene: Die brauchen nämlich ganz sicher viel häufiger solche Fingerzeige.

     

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