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Donnerstag, 30. März 2017 | 10:50

Eli Rygg: Goodbye, Uroma!

02.07.2012

Der selbstgewählte Tod der Uroma

Eine ungewöhnliche Idee allein genügt nicht. Dass da eine verrückte Uroma ist, die beschließt, zu sterben. Man muss auch die Sprache dafür haben, die Geschichte zu erzählen. Eli Rygg hat sie leider nicht, findet GEORG PATZER.

 

Das ist doch mal eine außergewöhnliche Idee: Uroma hat ihre Tage aufgebracht, sie ist »satt«, des Lebens satt. Dabei ist sie mit ihren 92 Jahren immer noch lebenslustig, hat verrückte Ideen, die sie auch umsetzt. Aber nun ist es einfach genug, findet sie. Also beschließt sie zu sterben und schreibt an ihren Enkel und seinen Sohn Mikael: »Ich wollte euch nur mitteilen, dass ich mich entschieden habe, dieses Jahr am 14. September zu sterben. Und zwar so gegen fünf Uhr nachmittags, wenn alles nach Plan läuft.« Sie lädt ihre Freunde und Verwandten ein, ihren letzten Tag mit ihr zu verbringen: »Mein Haus steht Euch ab acht Uhr offen, damit wir vorher noch ein bisschen gemütlich beisammensitzen können. Für Essen ist gesorgt.«

 

Und dann geht es Schlag auf Schlag. Sie möchte nämlich, dass Mikael ihr hilft. Da er noch zur Schule geht, muss sie ihm erst einmal schulfrei beschaffen, was sie mit der ihr eigenen Verrücktheit und Überdrehtheit (und dem Wissen der Schulordnung) auch schafft. Dann muss sie noch ein paar Sachen erledigen: Sich ein Totenhemd besorgen und einen passenden Sarg, in ihm probeliegen, die Beerdigung mit dem Pfarrer besprechen, mit einem Unterseeboot tauchen (wegen einer alten Liebe), mit ihrer ehemals besten Freundin den letzten Streit ausfechten und Mikael erzählen, was sie in ihrem Leben wirklich bedauert.

 

Falscher Ton

Leider ist an diesem Buch sehr vieles falsch. Zum Beispiel fragt fast niemand, dem sie erzählt, dass sie beschlossen hat zu sterben, auch nur einmal nach, wie und warum und wie das überhaupt gehen soll. Sie alle nehmen es als etwas Selbstverständliches hin, die Verkäuferinnen und die Frau des Pastors, die Leute vom Beerdigungsinstitut und der Schuldirektor.

 

Vor allem aber ist der Ton falsch: ein wenig von oben herab und betulich, umständlich und erklärend, ohne Atmosphäre und ohne Rhythmus, und manchmal winkt sogar ein dicker pädagogischer Zeigefinger. So hat man schon am Anfang eigentlich keine Lust weiterzulesen, wenn Uromas Mail kommt, dann aber erst einmal ein langer Einschub mit der Erklärung, dass Mikaels Vater »tatsächlich einen nervösen Magen (hat), der immer Ärger macht, wenn ihn etwas stresst. Und eine Laune, die so unbeständig ist wie das Wetter im Herbst: erst in Toben in voller Sturmstärke – schon bald gefolgt von einer nur noch flauen Brise, die einer Entschuldigung gleicht.« Und dann wird auch noch erst einmal der Charakter der Mutter umständlich erklärt. Und dann geht es erst wieder weiter, mit dem umständlichen (oder schlecht übersetzten) Satz: »Mikael kommt wieder Uromas Nachricht in den Sinn und ihm ist froh und traurig zugleich zumute.«

 

Das ist kein Einzelfall, einmal heißt es in peinvoller Unnötigkeit: »Sie fahren diesmal nicht Richtung Einkaufszentrum, sondern biegen in die entgegengesetzte Richtung ab.« Man muss sich schon richtig durch den Roman durchquälen, wenn man wissen will, wie es ausgeht. Dabei helfen die stets etwas hölzernen und klischeehaft beschriebenen Figuren keineswegs, auch nicht die ziemlich vorhersehbare Handlung, wenn man einmal verstanden hat, dass die Uroma ein bisschen verrückt ist, was auf der dritten Seite geschieht, weil man es dort ausführlich erklärt bekommt.

 

Am Ende ist sie tot

Das Buch endet übrigens damit, dass Uroma sich in den Sarg legt: »Mikael sieht, dass die Uhr Viertel vor fünf anzeigt. Er lächelt Uroma zu und nickt, denn jetzt soll sie sterben, was das Zeug hält. Er ist gespannt. Ob sie es schafft?« Natürlich nicht, denn sie hat noch etwas vergessen, dafür muss sie aber auf die Bank, an ihr Schließfach, und jetzt ist die Bank zu. Es folgt der ganz und gar ungelenke Satz: »Im Zimmer macht sich eine seltsame Stimmung breit.«

 

Einen Tag später sitzen sie also wieder zusammen, Uroma legt sich in die Hängematte, Mikael schaukelt sie ein wenig, geht zu Signe, die er ein paar Tage vorher kennengelernt hat, und als er wieder zur Uroma kommt, ist sie tot, sanft eingeschlafen. Und dann kommt wieder ein Satz, den wir am Anfang fast genauo schon einmal gelesen haben: »Mikael ist froh und tieftraurig zugleich.«

 

Nein, dieses Buch muss man nicht lesen, es ist unbeholfen und unglaubwürdig geschrieben, und die paar netten Einfälle um die verrückte Uroma (nach dem schönen Motto: Alte können sich alles leisten) machen es auch nicht lesbarer. Schade um die vertane Zeit.

 

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... bis sie dann gestorben sind.

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