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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 22. Mai 2017 | 23:13

    Adolfo Serra: Rotkäppchen

    25.06.2012

    Rotkäppchen und der Wolf

    Der spanische Illustrator Adolfo Serra interpretiert das altbekannte Märchen Rotkäppchen ausdrucksstark und überraschend neu. Ohne Worte, nur in traum- und rätselhafte Bildsprache gesetzt, erzielt seine Erzählung eine ungewohnte Intensität. Von MONIKA THEES

     

    Damals, in früher Ferne, als die Wälder noch finster waren und voller Gefahr, Angst und Bangen groß und die Abende dunkel und lang, entstanden die Geschichten: Sie erzählen von Schwarz und Weiß, Gut und Böse, von der Furcht und dem Mut, den es braucht, sich ihr zu stellen. Wundersam waren sie, die fairy tales oder contes des fées, und erfüllt von Zauber, Poesie und Traum. Sie handeln von verwunschenen Prinzen und mittellosen Gesellen, von guten Feen und runzligen Hexen. Eine Mär erzählt von einem rotbehüteten kleinen Mädchen, das Wein und Kuchen zur kranken Großmutter bringt. Im Wald begegnet es dem Wolf ... Zunächst nur mündlich erzählt wurden die Märchen, die, zuweilen oft Furcht erregend und auch grausam im Geschehen, doch immer glücklich enden. »Und wenn sie nicht gestorben sind«, heißt es stets zum Schluss, wenn das Dunkel bezwungen ist, das Böse besiegt und Rotkäppchen gerettet aus dem Bauch des Wolfes.

     

    Eine wundersame Langlebigkeit zeichnet die Gattung aus, und eine über die Jahrhunderte währende Tradition des Weitertragens und Weitererzählens – in Variationen und Umformungen, nach- und neu empfundenen Interpretationen. Rotkäppchen ging mit der Zeit und durchlief in ihr Moden und mögliche Modifikationen. Bei Charles Perrault (Le Petit Chaperon rouge, 1697) überwiegt die sittliche Ermahnung, die Brüder Grimm (Kinder- und Hausmärchen, Bd. 1, 1812) und Ludwig Bechstein (Deutsches Märchenbuch, 1853) passten Sprache und Handlung den Ansprüchen ihres bürgerlichen Publikums an. Später verniedlichte sich das rotbekappte Kind zum hübschen Mägdelein mit blonden Zöpfen, Schürze und Rock, um schließlich im Zuge der aufbrechenden Emanzipation gegen die tradierte Norm und Erzählfassung zu rebellieren.

     

    Unsichtbare, allgegenwärtige Gefahr

    Der Spanier Adolfo Serra, 1980 in Ternel (Spanien) geboren und Absolvent der Escuela de Arte 10 in Madrid, präsentiert eine überraschend neue und ungewohnte Sicht. Fern aller Pädagogik und lehrreichen Unterweisung durchbricht Serra die Dichte des narrativen Berichts, befreit die bildliche Darstellung vom Dekor der romantisch verklärenden Märchenidylle, die bei Ludwig Richter einsetzte und später als Postkarten-Kitschbildchenmotiv in süßlicher Klebrigkeit verwässerte. Reduziert auf die Grundfarben Schwarz, Weiß, Rot und ein wenig leuchtendes Gelb sowie ganz auf die Sprache des Bildes setzend, re-arrangiert der spanische Illustrator, der über die grafische Arbeit für Public Relations und Corporate Design zum Bilder- und Kinderbuch fand, die bekannten Bildzeichen des Märchenplots: Rotkäppchen, Wald und Wolf werden neu und fantasievoll in Beziehung gesetzt.

     

    Serras Bilderzählung visualisiert, durchgängig groß- und querformatig auf Doppelseiten, die zeitlos gültigen Grundelemente des Rotkäppchen-Motivs: Angst und Bedrohung, Gefahr und Geborgenheit, Arglosigkeit und Hinterlist. Struppig kahl ragen kohleschwarze Baumstümpfe empor, ein kleines Mädchen mit rotem Kapuzenmäntelchen versteckt sich hinter einem Baumstamm. Eilig und schnellen Fußes durchläuft es den Wald, ein roter Schmetterling folgt ihm im leichten Flug. Das Mädchen blickt um sich, die Gefahr ist unsichtbar, doch allgegenwärtig – als lauernder schwarzer Wolf, dessen gelb glühendes Auge Mädchen und Schmetterling längst entdeckt und wortwörtlich im Blick hat.

     

    Inspiration zum Weiter- und Neu-Erzählen

    Groß und klein, weit und nah – das Märchen hebt Gesetzmäßigkeiten auf, seine Dramaturgie folgt der Logik der Magie, dem Regelwerk einer zauberhaften Ordnung. Ganz traumgemäß setzt Adolfo Serra die Richtschnur gewohnter Perspektive außer Kraft, er lässt die ruppigen Baumstümpfe des Waldes zum rauen schwarz-struppigen Wolfspelz werden, der Weg zum rot bedachten Haus der Großmutter führt über den Rücken des Tieres, auf dem sich Rotkäppchen, winzig klein und verloren im Fell, auf das schützende Haus zu bewegt. Ein rotes Zipfelmäntelchen mit Kapuze umhüllt das Mädchen, zart, rein und doch verletzlich ist sein Antlitz, sein Blick ist abgewandt, als weiche er dem des Wolfes aus. Rotkäppchens schwarze Haare flattern im Wind, eine Strähne formt sich, wolkengleich und Gefährdung kündend, zur Gestalt des Wolfes. Er setzt zum Sprung an, schnappt mit der Schnauze nach dem roten Schmetterling.

     

    Künstlerisch eigenwillig, in ausdrucksstarker und atmosphärisch dichter Szenenfolge erweckt Adolfo Serra, ganz termingerecht zum 200. Jubiläumsjahr der Grimm’schen Märchenfassung, die Bildgestalten der Rotkäppchen-Vorlage zu neuem Eigenleben. Märchen sind nie »fertig«, nie eindeutig in Gehalt und Wirkungsmacht. Ihre Faszination erwächst aus den Leerstellen des Rätsels, dem Zauberhaften und Unbestimmten des »Es war einmal ...« Adolfo Serras Bilder-Buch gibt dem Entdecken Raum, seine Bilder fordern auf zum Nach-, Neu- und Selbst-Erzählen einer Geschichte, die, obwohl der Wald kaum mehr finster und die Abende hell und heiter, nicht Staub angesetzt hat im Lauf der Zeit. Wohl wird zum guten Schluss das Kind aus dem Bauch des Wolfes befreit, Jäger und Großmutter führen es heim in Sicherheit. Rotkäppchen jedoch blickt uns an. Es lebt durch Weitererzählen.

     

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    ... bis sie dann gestorben sind.

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