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Donnerstag, 30. März 2017 | 10:53

Ulrike Rylance, Regina Kehn (Ill.): Frieda aus der Flasche

11.06.2012

Ein Djinn an der Ostsee

Sommerferien in einer heruntergekommenen Hütte an der Ostsee mit zerstrittenen Eltern und einer genervten großen Schwester. Franzi hätte sich nichts Schlimmeres vorstellen können. Außer vielleicht total arrogante und protzige Nachbarn. Und einen durchgedrehten grünhaarigen Flaschengeist. VIOLA STOCKER lässt sich von Ulrike Rylance in Frieda aus der Flasche genau erklären, wie dann doch noch alles ein phänomenal gutes Ende fand.

 

Familienferien sind immer faule Kompromisse. In diesem Fall kann Franzi mit ihrer Familie kostenlos Urlaub an der Ostsee machen, denn Onkel Harald hat ihnen eine Hütte vermacht. Allerdings hätten Franzis Mutter und Schwester lieber nach Spanien gewollt, die Anreise gestaltet sich überaus schwierig und die Hütte entpuppt sich als scheußliche Bruchbude. Zu allem Überfluss reisen auch die Nachbarn – an in ihr riesiges, protziges Ferienhaus. Schlechte Laune und Feindseligkeiten scheinen programmiert.

 

Feuerqualle und Küstennebel

Vielleicht hätte sich Franzi auch von der schlechten Laune der Großen anstecken lassen, würde sie nicht ständig in ihrer Rumpelkammer Stimmen hören. Genauer gesagt hört Franzi eine Stimme, die ziemlich vehement nach Käsebrot verlangt und es dann nicht einmal essen will. Der Geruch allein macht schon satt! Sie beginnt, die Rumpelkammer abzusuchen und findet schließlich unter dem Bett eine verschlossene Flasche, in der ein grünhaariges Wesen eingesperrt ist: Frieda.

 

Franzi ist sich nicht sicher, nach allem, was sie über Wesen in Flaschen und anderem Seemannsgarn gehört hat, ob sie Frieda freilassen soll. Um Franzis Unentschlossenheit endlich ein Ende zu machen, gewährt Frieda ihr drei Wünsche. Dieses Versprechen ändert alles und Franzi lässt Frieda aus der Flasche. Innerhalb von Sekunden wird aus der klitzekleinen Frieda eine rundliche kleine Dame mittleren Alters, die nach Meer riecht und zu viel Schmuck trägt. Sie ist zu allen Schandtaten bereit und lädt Franzi zuallererst in ihren riesigen Palast in der Flasche ein.

 

Wehe, wenn sie losgelassen

Frieda wirbelt Franzis kleine Welt ordentlich durcheinander. Schließlich hatte sie die letzten zweihundert Jahre in einer Flasche zugebracht, sodass Währungsreform, technologische Neuerungen wie Handys und Fernseher und politische Reformen spurlos an ihr vorübergegangen waren. Sie ist zudem überaus gutmütig und friedliebend, leider aber vollkommen takt- und respektlos und bringt Franzi ständig in unangenehme Situationen. Aber natürlich kann sie nicht in Goldmünzen dort zahlen, wo Touristen ihre Euros an den Mann bringen und man kann sich auch nicht an einem Tag einen alten rothaarigen Kapitän für die ewige Liebe an Land ziehen.

 

In der Zwischenzeit beschließen Franzis genervte Eltern, die alte Hütte zu verkaufen. Sie streiten ständig mit den Nachbarn und in ihrer Not fallen Franzi endlich die drei Wünsche ein, die ihr Frieda versprochen hatte: endlich Frieden unter den Erwachsenen, ein Spielkamerad und den geheimnisvollen Schatz finden, der in Onkel Haralds Garten vergraben liegen soll. Ob Frieda das alles schafft?

 

Wie durch Zufall freundet Franzi sich mit Tobi, dem Nachbarsjungen an. Gemeinsam kleiden sie Frieda neu ein, lernen mit ihr Skateboard fahren, verjagen den Makler, der Onkel Haralds Hütte verkaufen soll und verbringen die Tage miteinander am Strand. Letztendlich beginnen sogar Franzis und Tobis Eltern, sich wie vernünftige Erwachsene zu unterhalten und ganz zum Schluss findet Franzi beim Buddeln im Garten ein großes Stück Bernstein.

 

Modernes Märchen

Endlich sind nun alle Wünsche erfüllt und mit ihrer unkonventionellen Art gelingt es Frieda immer wieder, brenzlige Situationen für Franzi  zu glätten. Frieda selbst findet mit dem rothaarigen Touristenkapitän Carlo den ersehnten Mann an ihrer Seite und will mit ihm zusammen entfernte Verwandte besuchen. Der Bernstein ist so viel wert, dass das Haus nicht verkauft werden muss und mit den Nachbarn versteht man sich am Ende bestens. Schön, dass ein nervender Urlaub auch so enden kann.

 

Ulrike Rylance hat mit Frieda aus der Flasche ein modernes Märchen geschrieben, das alle klassischen Merkmale eines Märchens aufzeigt, ohne dass es offensichtlich wird. Konsequent im Alltagsjargon geschrieben, vermittelt es den kleinen Lesern Nähe und Authentizität. Regina Kehn hat die Geschichte sehr sparsam und konventionell illustriert, ohne der Autorin den Rang abzulaufen. Leider bleibt dabei der schale Nachgeschmack des schon Erfahrenen, denn wer weiß nicht, wie Märchen gestrickt sind? Dennoch kann man wunderbar mit Frieda aus der Flasche seine Ferien auch fern der Ostsee zubringen, ohne gelangweilt zum iPod greifen zu müssen.

 

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