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Donnerstag, 30. März 2017 | 10:50

Frank Cottrell Boyce: Der unvergessene Mantel

18.06.2012

Magische Erinnerungen vor dunklem Hintergrund

Wenn Erwachsene auf ihre Schulzeit zurückblicken, ist das gerade für junge Zuhörerinnen und Zuhörer nicht unbedingt ein ungetrübtes Vergnügen. Die Ich-Erzählerin im jüngsten Kinderroman von Frank Cotrell Boyce Der unvergessene Mantel aber hat eine ganz besondere Geschichte in petto. Exotisch, abenteuerlich, magisch. Und das mitten im richtigen Leben. Von MAGALI HEISSLER

 

Sie sind keine Seltenheit mehr, Kinder aus allen Ecken der Welt, die unvermutet auf Pausenhöfen oder in Klassenzimmern in West-, Mittel- oder Nordeuropa stehen, um in einem ihnen fremden Land, in das das Leben sie verschlagen hat, Wissen zu erwerben. Einer von ihnen ist Dschingis mit seinem kleinen Bruder. Sie tauchen eines Tages in Julies Schule auf, in Bootle, in der Nähe von Liverpool, mitten im Sommer. Die beiden fallen auf, weil sie lange pelzgefütterte Mäntel tragen und der Kleine noch dazu eine Pelzmütze, die sein halbes Gesicht verbirgt. Es stellt sich heraus, dass sie aus der Mongolei stammen. Julie ist fasziniert und gerührt. Die beiden Neuen zeigen aber umgehend, dass sie sich durchsetzen können. Gescheit sind sie auch, sie kennen ihre Grenzen. Deswegen ernennt Dschingis Julie zum Guten Ratgeber für Alltagsfragen, Julie nimmt den Job an.

 

Sie hilft den beiden nicht nur durch den Schulalltag, sondern sorgt auch dafür, dass sie so wichtige Dinge wie Fußball spielen oder Kartoffelchips essen lernen. Doch auch Julies Neugier ist immens. Sie will alles über die Mongolei wissen. was sie nicht bei Wikipedia findet, steuert Dschingis bei. Er besitzt sogar Fotos von seiner Heimat. Julie kann gar nicht genug bekommen davon. Die Mongolei erscheint ihr wie eine zauberhafte Märchenwelt. Nur über die Familie von Dschingis und seinem kleinen Bruder kann sie nichts herausfinden, nicht einmal, wo die Jungen in Bootle wohnen. Da gibt es irgendein Geheimnis.

 

Realitäten

Eine junge Frau diese Geschichte erzählen zu lassen, die vornehmlich unter Kindern spielt, ist ein heikler Ausgangspunkt, aber er gelingt Boyce rundum. Nach wenigen Sätzen schon spricht keine junge Mutter mehr, sondern die ehemals ca. 11jährige Julie. Ihre Erinnerungen sind genau, wach werden sie aber erst, als sie bei einem Besuch ihrer alten Schule Dschingis’ Mantel entdeckt und dann in den Taschen die Fotos aus jener Zeit. Wüsten und Berge, Pferdeschädel, Bäume, die aussehen, wie riesige Blumen. Es ist das Fremde, das Märchenhafte, das Julie anzieht. Die Geschichten über Dschingis Khan oder Xanadu, die sie findet ebenso, wie die Geschichten von gezähmten Adlern als Jagdvögel, den Pferdeherden oder dem Dämon, der Dschingis kleinen Bruder verfolgt. Die Fotos vor allem lassen das Fremde zur Realität werden. Über den Märchenbildern hat Julie kaum Augen für die Realität.

 

Den Leserinnen und Lesern geht es genauso. Die Dramatik des Geschehens verbirgt Boyce ebenso geschickt, wie Dschingis mit seinen Geschichten sowohl seine Sehnsucht nach seiner Heimat als auch seinen harschen wahren Alltag in England verbirgt. Verstecken, verbergen, Dämonen fürchten enthält für die beiden kleinen Jungen über das Spielerische hinaus einen echten bedrohlichen Kern. Die Bedrohung wird im Lauf der Geschichte immer stärker fühlbar, dennoch ist das Ende ein Schock, nicht nur für Julie.

 

Ein politisches Kinderbuch

Diese wunderbare Geschichte einer kurzen Sommerfreundschaft gehört de facto in die Sparte ‚politisches Kinderbuch’. Den Ausgangspunkt bildet die plötzliche Abschiebung einer mongolischen Familie, die eine englische Grundschulklasse miterlebte. Fast ein Tabuthema, also. Boyce konzentriert sich fast ausschließlich auf die Kinder und ihre Interaktion. Die Begegnung öffnet beiden Seiten Welten. Julie entdeckt nicht nur die Mongolei, sondern sie lernt auch ihre unmittelbare Umgebung mit anderen Augen zu sehen. Dschingis ist ein Magier besonderer Güte. Die Frage nach dem Blick auf die Dinge und wie sie sich vor den eigenen Augen urplötzlich verändern können, ist ebenso schön gestellt wie beantwortet und natürlich ihrerseits wieder hochpolitisch.

 

Es ist eine Geschichte, die man immer wieder lesen kann und immer wieder Neues entdecken. Sie ist einfach und schlüssig erzählt und dennoch verschachtelt, facettenreich, verschlungen.

Aufgemacht ist das Ganze wie ein Schulheft, Julie hat es angelegt. Sie hat die Geschichte aufgeschrieben und sie hat Dschingis’ Fotos eingeklebt. Polaroidfotos, ein hinreißender Anblick, der zugleich ein wenig Wehmut weckt, eben die Gefühlslage, in der sich auch Julie mit ihren Erinnerungen befindet. Für die Gestaltung und die Fotos zeichnen Clare Heney und Carl Hunter verantwortlich, Fotografin, Regisseurin, Filmemacher. Übersetzt ist es klar und poetisch von Salah Naoura.

Der Schluss kommt ein wenig rosig-schön, aber auch so kann das Leben sein.

 

Überraschend, originell, eindringlich und beeindruckend. Viel mehr kann man von einem zeitgenössischen Kinderbuch nicht verlangen.

 

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... bis sie dann gestorben sind.

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