... andererseits
Alles hat seine zwei Seiten. Ein Leporello sowieso. Und wer das Pappgebilde umdreht wird mit einer ganz anderen Geschichte überrascht. Ein Kind kann so nützlich sein lautet sie und berichtet auf wasserblauem Grund davon, was eine Ente mit einem Kind erlebt. Die Szenen sind identisch, lediglich die Hintergrundfarbe hat sich geändert. Und die subjektive Wahrnehmung. Die Ente als Schaukel? Von wegen! In Wirklichkeit massiert das Kind der Ente die Schultern. Die Ente als Hut? Quatsch! Sie bedient sich des Kindes als Aussichtsturm. Und die Ente als Trillerpfeife? Garantiert nicht! Das Kind gibt ihr Küsschen!
Die argentinische Illustratorin und Kinderbuchautorin Marisol Misenta, Jahrgang 1972, bekannt als ISOL liebt das Spiel mit Sein und Schein. Wie siehst du denn aus? lässt sie in ihrem 2010 ersten auf Deutsch erschienenen Bilderbuch eine kleine Ich-Erzählerin fragen, die eines Morgens ihre unfrisierte Mama nach dem ungewöhnlich frühen Aufstehen mit einem Stachelschwein verwechselt. Jetzt sind es keine Fragen mehr, sondern Gewissheit. Kind und Ente leben in verschiedenen Welten und Realitäten. Die zufällige Begegnung bringt sie einander physisch näher, ohne dass sie sich je nahe kommen, geschweige denn verstehen. Eine zarte Melancholie liegt über der Geschichte, die eigentlich von einem großen Missverständnis erzählt ohne es je aufzulösen. Wunderbar verpackt in einem kleinen Buch, das sogar in einem Schuber steckt – ganz ohne zu verraten, dass sich mehr darin verbirgt, als man gemeinhin in Bilderbüchern vermutet.