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Edward van de Vendel (Text), Alain Verster (Illustr.): Die Taube, die sich nicht traute.

07.05.2012

Gesamtnote: zehn. Bestanden!

Heute heißt es runter, heute ist Sturzflugprüfung und Telemark muss springen. Edward van de Vendel und Alain Verster erzählen in Die Taube, die sich nicht traute von jenem großen Tag, an dem der zaghafte Jungtäuberich sich einfach fallen ließ – und den Salatsprung erfand. Von MONIKA THEES

 

Oje, oje, da hockt er nun auf der Dachrinne des Transformatorenturms und schaut ängstlich in die Tiefe. Sicher schlottern ihm die Beinchen, bummert sein Herz ganz laut. Hoch oben auf der Giebeltribüne sitzen alle Vatertauber und Muttertauben, auf dem weit ausladenden Baum bis hinauf ins höchste Astwerk wartet vergnügt eine vielstimmig zwitschernde Vogelschar. Alle Taubenlehrerinnen und -lehrer sind versammelt, darunter der strenge Höllenstein. Heute ist Sturzflugprüfung, und Taube Telemark und sieben andere junge Tauben sollen sich von der Dachrinne stürzen, eine nach der anderen. Neben den Tischen der essenden Menschen sollen sie landen und dann eine Brotrinde mit heraufbringen, einen Krümel, ganz egal.

 

Der Countdown läuft. Noch sieben sind vor ihm und jeweils heißt es: »Auf die Plätze … fertig … los!« Taube Savoyen macht sich bereit, danach startet Taube Bottrop, und Telemark wird es mau, ganz irrsinnig mau. Ja, er weiß es: Später, am Abend, gibt es ein Fest. Aber nicht für ihn. Er schafft die Prüfung nicht. Er kann es einfach nicht, da ist er sich sicher, ganz sicher sogar. Denn da war was mit seinen Augen. Immer wenn er sich hinabstürzte, verlor er auf halbem Weg die Peilung und landete nie auf der Stelle, an der das Essen lag. »Schielemark« nannten ihn die Freunde und lachten laut »ha, ha«, wenn die Spatzen schneller waren und die Krümel flink wegpickten, während er mühsam das Stück Weg vom Lande- zum Essensplatz tippelte.

 

»Auf die Plätze ... fertig ... los«

Manchmal landete Telemark sogar auf einem Menschen, auf dem Kopf oder im Haar. Das gab immer ein großes Geschrei. Die »langen Arm- und Beindinger« der Menschen schlackerten und schlenkerten, wirbelten durcheinander, und einmal bekam Telemark sogar eine gewischt. Tagelang hatte er Kopfschmerzen, eins seiner Flügelchen hing drei Tage schlaff hinunter, er fühlte sich elendig. Ängstlich blickt er zu den Kandidaten an der Absprungstelle, noch fünf sind vor ihm und mutig zum Sturz bereit. Die Uhr tickt und tickt, die Jury wartet gespannt, alle Augen sind auf die Prüflinge gerichtet, und diese sind startklar. »Auf die Plätze … fertig … los!« Robotaube legt los und erringt die Gesamtnote: acht.

 

Der Niederländer Edward van de Vendel, geboren 1964 in Leerdam, zunächst Lehrer und Schulleiter, ab 2001 vielseitiger und mehrfach ausgezeichneter Verfasser von Gedichten für Kinder, Romanen, Theaterstücken und Liedtexten, erzählt eine Geschichte vom Großwerden, eine Geschichte über die Angst, nicht mithalten zu können. Telemark fürchtet die Schwäche, die Schande, den schmachvollen Augenblick, wenn die Jury vor großem Publikum vernichtend ruft: »Null!« »Macht doch nichts«, hörte er von seinen Tanten und Onkeln, die ihn zu trösten suchen. Doch Telemark weiß es genau: Bei der Sturzflugprüfung geht es um viel, sehr viel für die jungen Tauben – und für ihn. »Hier ging es darum, nicht hinter den anderen zurückzubleiben. Hier ging es um Gekicher hinter seinem Rücken für den Rest seines Lebens ... oder nicht. Macht doch nichts? Es machte unheimlich viel aus.«

 

»Fass dir ein Tauberherz!»

Van de Vendel erzählt spannend und sehr einfühlsam. Je kleiner die Reihe vor Telemark wird, desto bedrängender sausen die Gedanken durch seinen Kopf. Sein Tauberherz rutscht in die Vogelbeinchen, und diese werden schwer vor lauter Verzagtheit, üppig wuchernder und gänzlich überhandnehmender Angst sowie einfach nicht vorhandenem Mumm. Was haben sie nicht alles versucht, leise und laut: Lehrerin Knuspernuss mit viel Liebe und Geduld, Höllenstein mit Geschrei: »Fass dir ein Tauberherz!« Taube Stormann ist jetzt an der Reihe, dann folgt der Dicke Tex. Telemarks Mama Aviva und Papa Kapp beißen sich nervös auf die Unterschnäbel. Noch zweimal »Auf die Plätze … fertig … los!« – und dann ist Telemark dran.

 

Alain Verster, geboren 1984 in Belgien, studierte in Antwerpen und Gent Grafikdesign und Illustration und gibt mit dem Bilderbuchband Die Taube, die sich nicht traute sein zeichnerisches Debüt. Ganz im Stil alter Fotografien monochrom in Grau- und Brauntönen gehalten, sehr zart in der Grundierung und mit eingearbeiteten Fotomontagen gelingt ihm eine luftleichte, liebevoll nostalgische Illustrierung. Sie setzt den von van de Vendel stringent erzählten Text in eine bildhafte Szenerie, die mit Sinn für kleine, fein gesetzte, auch witzige Details den Handlungsstrang nuanciert und das auf den unabwendbaren Sturzflugversuch Telemarks zusteuernde dramatische Geschehen ins tröstlich Spielerisch-Träumerische enthebt.

 

Telemarks Sprung in die Salatschüssel

Taube Jari L ist an der Reihe, und Telemark trennen nur noch Minuten vom entscheidenden „los!“. Wegrennen oder standhalten? In der letzten Nacht hat er von der einzigen Lösung geträumt, die ihm blieb: wegfliegen und sich von einem alten Taubenmütterchen durchfüttern lassen, diesem aus der Hand picken, wie alle schlaffen Tauben. Doch welche Schande, welche Erniedrigung für einen jungen Täuberich. Und was würde aus Mama, Papa und Schnäbelchen, seiner Freundin, wenn er wegflöge? Taube Deutsch-Preußen ist bereits gesprungen, und Telemark rutscht nun über die Dachrinne zu seinem Platz. Er schaut nach unten, dann hoch in die Luft, kurz zu seiner Familie. Er hält die Luft an. Das Startzeichen fällt, in Telemarks Kopf wird es leer. Er traut sich nicht, sich hinabzustürzen, er traut sich nichts, rein gar nichts. Aber ...

 

Die Taube, die sich nicht traute (De duif die niet kon duiken, 2011) ist die erste gemeinschaftliche Arbeit Edward van de Vendels und Alain Versters. Der Text wurde von Rolf Erdorf übersetzt, der bereits mehrere Werke van de Vendels (so Anna Maria Sofia und der kleine Wim, 2006, Superguppy, 2008, und Twice oder cooler als Eis, 2008) ins Deutsche übertrug. Die Geschichte von Telemarks letztlich überraschend erfolgreicher Sturzflugprüfung mit punktgenauer, wenn auch nicht beabsichtigter Ziellandung in der Salatschüssel wurde in die Deutschlandfunk-Bestsellerliste März 2012 »Die besten 7 Bücher für junge Leser« gewählt. Alain Verster legte mit den wunderbaren Illustrationen zu diesem Buch seine Diplomprüfung ab; ihm, dem Autor sowie auch Jungtäuberich Telemark gebührt nach der Lektüre dieses köstlich, ganz vorzüglich gestalteten Bandes großes Lob.

 

Nun ja, eigentlich hatte Telemark gar nicht vorgehabt, in die Salatschüssel zu springen. Wie war das eigentlich bei Skispringer Sondre Norheim, als er 1868 das Telemarken erfand? Das nur so nebenbei. Jungtäuberich Telemark ließ sich jedenfalls einfach nur fallen. Papa Kapp war sehr stolz, die Zuschauer jubelten und Lehrer Höllenstein brüllte gleich: »Gesamtnote: zehn. Bestanden!« Telemarks Salatsprung wurde Mode, eine neue Sturzflugtechnik, irrsinnig hip und unglaublich in.

 

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