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    Montag, 22. Mai 2017 | 23:19

    Ein Frosch mit roten Socken

    23.04.2012

    Ein Frosch mit roten Socken

    Eindrücke von der 49. Kinderbuchmesse in Bologna von SUSANNE MARSCHALL und GEORG PATZER.

     

    Was für eine unglaubliche Ausdauer: Mit ihren dicken Mappen unter dem Arm oder sie auf einem Wägelchen hinter sich herziehend, eilen sie meist in Grüppchen durch die riesigen Hallen der Kinderbuchmesse in Bologna. Klappern unermüdlich die Verlage ab und stehen oft schon lange vor der Audienzzeit am Stand: Denn die Konkurrenz unter den Illustratoren ist groß, und die Schlangen wachsen schnell. Da stehen sie dann manchmal sogar Stunden, hoffen, mit ihren Illustrationen, Geschichten, Projekten zum Verlagsprogramm zu passen, oder genau das zu haben, was die Lektoren noch suchen. Warten eisern mit stoischem Gesichtsausdruck, der sich erst ändert, wenn sie an der Reihe sind. Lebendiger wird, während sie ihre Zeichnungen zeigen, ihre Texte erklären, und manche sprühen richtig vor gestikulierender Lebhaftigkeit. Oder sie versüßen sich die Warterei mit einem kleinen Picknick auf dem Boden.

     

    Anke Bär gönnt sich gerade eine kleine Verschnaufpause in der bologneser Frühlingssonne, bevor es weitergeht. Nächstes Jahr will sie nicht mehr mit den anderen Illustratoren stundenlang Schlange stehen, dann womöglich auch noch das Pech haben, nicht mehr dranzukommen, weil die Zeit gerade um ist. Um sich dieses ganze nervenaufreibende Prozedere zu ersparen, möchte sie schon vor der Kinderbuchmesse Termine mit den Verlagen vereinbaren. Dabei hatte Bär, die Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis in Hildesheim studierte, vor drei Jahren großes Glück und einen Riesenerfolg: Bei Gerstenberg stand sie an, „mit sehr wenig in der Hand: Ich hatte keine Mappe dabei, nur ein Kartenspiel, das ich für Museen gemacht habe. Aber der Funke ist sofort übergesprungen.“ Dieses Jahr ist „Wilhelms Reise“, ihr historisches Sachbilderbuch über die Zeit der Auswanderung nach Amerika erschienen, und Bär hofft, auch weitere Projekte mit Gerstenberg machen zu können.

     

    Auch Jisun Lee ist wieder da

    Ob Jisun Lee wohl da ist? Wir waren jetzt zum dritten Mal auf der Kinderbuchmesse, und immer starten wir beim koreanischen Gemeinschaftsstand mit den zahlreichen kleinen Verlagen. Im ersten Jahr war es Zufall, inzwischen ist es ein ungeschriebenes Gesetz, über das wir kein Wort mehr verlieren müssen. Und jeden Tag schauen wir mindestens einmal vorbei. Denn sie haben einfach viele wunderschöne Kinderbücher, und wenn wir um die Ecke biegen und ich den großen, übersichtlichen Stand sehe, schlägt mein Kinderherz schon Purzelbäume. Ich bin sofort verzaubert von den lyrischen, märchenhaften Traumbildern, den fantastischen Collagen oder schlichten Zeichnungen, die voller skurriler und bizarrer Geschichten stecken. Von Sunkyung Chos Künstlerbüchern, wundervollen, detailreichen Preziosen, die er in seinem eigenen Verlag Some Press herausgibt und die mich immer wieder aufs Neue faszinieren. Kein Wunder, dass die Koreaner in Bologna immer wieder Preise gewinnen oder zumindest lobend erwähnt werden, wie dieses Jahr in der Rubrik „Opera Prima“. Kaum habe ich „Grimmie’s White Canavas“ von Hyeon-ju Lee aufgeschlagen (Sang Publishing), bin ich auch schon mittendrin: In der Welt des kleinen Mädchens, die sie sich selber malt. Spaziere mit ihr durch ihre Schneelandschaft, wo sie einen Bären trifft, der nicht mehr durch die kleine Öffnung seiner Höhle passt, und dem sie eine große Tür zeichnet. Einem Frosch rote Handschuhe und rote Socken malt und dem Schneehasen braune Punkte, damit das Hasenkind künftig ganz leicht seine Mutter in der weißen Pracht wiederfindet: Eine einfache wie betörende Geschichte auf bezaubernde Weise mit Buntstiften erzählt.

     

    „Ihr seid ja immer noch da! In zwei Stunden gerade mal 5 Meter weiter gekommen.“ Rachael Kim lacht: Sie kennt uns noch vom letzten Jahr, aber erst dieses Mal unterhalten wir uns auch über Privates. Und genau das ist auch Bologna: wunderbare Begegnungen mit außergewöhnlichen Menschen. Rachael Kim arbeitet nämlich gar nicht in einem Verlag, wie wir immer dachten: In Korea aufgewachsen, im Teeniealter mit ihren Eltern nach Los Angeles gezogen, lebt die quirlige Fotografin seit zehn Jahren in Florenz und bessert sich bei der Kinderbuchmesse ihr Portemonnaie auf. Nächstes Jahr werden wir sie sicherlich wieder treffen, wenn die Umtriebige dann nicht doch mal wieder für ein paar Jahre in Korea ist.

     

    Dann werden meine Augen immer größer: Das ist doch die Handschrift von Jisun Lee! Ihre hohen, schlanken, stricheligen Pflanzen mit den großen Blüten und Blättern, die so üppig von Märchen erzählen und die dicken Buchdeckel mit den kleinen Fenstern umranken, erkenne ich doch aus 1000 Meter Entfernung. Und tatsächlich, bei „seeou:t“ steht ein neues Buch von ihr, „The Big Bird“, und daneben, ich kann es kaum glauben, „Rabbit Snow“. Letztes Jahr hat sie uns mit dem Leporello verzaubert, den sie auf den Gemeinschaftsstand geschmuggelt hat. Kein richtiges Buch mit einem Verlag, sondern ein kleiner Prototyp mit selbstgebasteltem Charme, das wir in dem bunten Chaos zwischen den anderen Titeln entdeckt haben: Die Geschichte eines kleinen Hasen mit rosenroten Bäckchen und langen Ohren, die sich immer mehr verzweigt, sich in immer neue Welten öffnet, mit einer dunkel bedrohlich wirkenden Katze, die aber nicht böse ist, sondern nur einsam. Und alles beginnt und endet mit einem kleinen Jungen, der sich die Geschichte ausgedacht hat. Oder geträumt? Eine poetische und skurrile Geschichte mit geheimnisvollen Bildern und märchenhaften Collagen, fein gestrichelt und mit viel Sinn für Details und einem ständigen traumhaften Weitertreiben. Und ganz ohne Wörter, die man verstehen müsste. Und da sitzt sie auch und strahlt. Präsentiert uns stolz den Vorabdruck im „richtigen“ Kinderbuchformat: In ein bis zwei Monaten wird es erscheinen.

     

    Small World und ein nachtschwarzes Etwas

    Und auch das ist Bologna: Die große Freude, wenn man Lieblingsautoren jedes Jahr wiedertrifft. Sie bei ihrer Entwicklung ein Stückchen begleiten darf, mitfiebert und mithofft, dass ein Verlag anbeißt, und glücklich ist, wenn es dann geklappt hat. Oder jeden Tag den Stand von „small world“ besucht, einem Zusammenschluss aus vier kleinen Verlagen - One Stroke (Japan), Tara Books (Indien), Petra ediciones (Mexiko), Trois Ourses (Frankreich) - und nur noch Bauklötzchen staunen kann, was die alles auf die Beine stellen und bewegen.  Auch hier werden wir immer mit einem großen „Hallo!“ begrüßt und den obligatorischen französischen Küsschen, auch hier müssen wir immer wieder in den wundervollen Büchern stöbern, vor allem denen von den poetischen Künstlerbüchern von Katsumi Komagata. Und auch sie bekommen immer wieder Preise, wie Tara Books dieses Jahr für die kunterbunten, phantastischen Fische in dem Buch „Waterlife“. Und hier passieren manchmal auch überraschende Dinge. Eigentlich waren wir nämlich vom ersten Tag die Hallen rauf und runter laufen schon etwas müde. Aber dann drückte uns Michelle einen kleinen Prospekt in die Hand und schwärmte von diesem einen Buch, das wir uns unbedingt ansehen müssten. „Ich sage euch aber nicht, was es ist.“ Und man kann es sich nicht hier ansehen, in der Halle, sondern nur beim Künstler und Illustrator selbst, hier in Bologna, in seinem Atelier in der Via dell'Indipendenza. „Wollt ihr?“ Wir wollten, na gut, wenn sie es sagt, und schon hatten wir um 18 Uhr einen Termin. Zum Glück wohnt er mitten in der Stadt, wo wir sowieso hin wollten, zum Essen ins Tarì, wie jedes Jahr.

     

    Ein Altbau, ganz oben. Mit einer Terrasse direkt über den Dächern von Bologna. Mauro Bellei empfängt uns zurückhaltend freundlich. Lässt uns an einem Glastisch mit zwei Schreibtischlampen Platz nehmen. Gibt uns das Buch. „Ich sage jetzt nichts mehr dazu. Ihr könnt machen, was ihr wollt.“ Vorsichtig nehmen wir es in die Hand, das großformatige, nachtschwarze Etwas. Fangen behutsam an zu blättern. Es ist ein Leporello, und auf jeder Seite bilden zahllose Punkte die geometrischen Grundformen. Auf der ersten Seite ist es ein Kreis, dann schieben sich kristalline Körper, Strudel, Rosetten, Vielecke übereinander, verdichten sich zu ätherischen Gebilden, funkelnden Sternennebeln und duftigem Geriesel. Aber erst, als wir alle Seiten ausziehen und uns unter den Tisch legen, sehen wir das ganze Wunder: Wie das Licht mit den Punkten spielt, hindurchflirrt und flimmert und je nach Blickwinkel mal die eine, mal die andere Stelle zum schwebenden Pulsieren bringt. Aus dem Eindimensionalen in Stoffliches, Körperliches verwandelt. Bellei ist selbst so verwundert, dass er sofort Fotos von uns macht, wie wir da auf dem Boden liegen und sein Buch bestaunen. Mit ihm spielen. Was das Buch kostet, will er nicht sagen. „Das passt jetzt gar nicht, ich wollte nur, dass ihr es euch anschaut.“ Auch eines der Wunder dieser Buchmesse, die so viele außergewöhnliche Menschen anzieht. Deswegen fahren wir immer wieder hin.

     

    Einkauf und Verkauf von Lizenzen

    Es gab aber auch genug Mainstream, Langweiliges und erstaunlich viele Bücher mit erzieherischem Zeigefinger, selbst bei den Italienern. Grellbuntes und disneyhaft Oberflächliches war wie immer hauptsächlich bei den Amerikanern zu finden, deren teilweise riesigen Stände wie Trutzburgen anmuten,. wo man nur zufällig vergessen hat, die Zugbrücke hochzuziehen. Abweisend und so mit Tischen und Stühlen zugestellt, dass man kaum an die Bücher herankommt. Bei manchen großen Verlagen sitzen außerdem zwei Angestellte an einer Art Empfangstresen, offensichtlich gelangweilt und immer kurz vor dem Gähnen. Und die mit den Engländern keine Lizenzen einkaufen, dafür aber schon vor der Messe Angebote auf den Markt bringen und so den Hype anstacheln, sagt Helga Preugschat vom Fischer Verlag. Wobei sich die Deutschen mit dem Verkauf etwas schwer tun, das ist zumindest ihre Erfahrung: „Für die südeuropäischen Länder sind unsere Kinderbücher meist zu dick, und unsere Kategorie Vorschule gilt in anderen Ländern auch noch für Grundschulkinder und deshalb passen die Themen oft nicht.“ Und: „Die Deutschen sind bekannt dafür, dass sie einen sehr konservativen Bildgeschmack haben, Franzosen und Niederländer sind da schon wagemutiger.“ Das weist Ulrike Blank vom Sauerländer Verlag zwar weit von sich, aber dass französische Bilderbücher mit ihrer poetischen Süße nicht gehen, weiß auch sie. Und Dorit Engelhardt von Hanser meint ganz diplomatisch: „Manches geht einfach nicht auf dem deutschen Markt, da muss man halt noch warten.“

     

    Nach Korea verkaufen sie, nach Russland, Polen und richtig gut auch nach Dänemark. Rund 50 Termine im 30-Minutentakt in dreieinhalb Tagen haben sie zu absolvieren: ein schweißtreibender Marathon, der gut vorbereitet und dann auch wieder gut nachbereitet sein will. „Man kauft auch nicht immer gleich: Das Wichtigste ist, die Kontakte zu pflegen, sich zu treffen, zu plaudern“, da sind sich die drei Damen einig. Und was einen Trend angeht, da zucken sie mehr oder weniger mit den Schultern: „Wenn wir einen wüssten, würden wir die Bücher ja machen“, sagt Blank. Ein wahres Wort.

     

    Seltsam auskunftsunwillig ist dagegen eine Verlegerin am deutschen Gemeinschaftsstand, die aus der Provinz kommt und, als wir sie fragen, ob wir sie befragen dürfen, ziemlich von oben herab als erstes sagt, dass sie schlechte Erfahrungen mit der dortigen Provinzzeitung gemacht hat und vor Abdruck auf jeden Fall den Artikel sehen und genehmigen möchte. Worauf wir unsere Notizbücher gleich wieder eingesteckt haben. Nun, so wird sie jedenfalls keine Artikel über sich bekommen.

     

    Sie erzählte uns, off the records, wie schwierig sie es hat, als kleiner Verlag, ohne Millionen im Hintergrund, und zeigte auch ihre Bücher, von denen eines mit recht pfiffig gemachten Piktogrammen vom Tod der Großmutter erzählt, eine einfache Geschichte, einfach und einprägsam illustriert. Außerdem hat sie illustrierte Kochbücher im Programm und weitere Kinderbücher, die etwas arg mainstreamig sind. Ein paar Tage später hörten wir von ihr, dass sie in Bologna beschlossen hätte, mit der Verlagsarbeit wieder aufzuhören .

     

    Prämiert wurde auch dieses Jahr kein deutsches Buch: In der Kategorie „Fiction“ gewann das belgische Buch „Le secret d’orbae“ mit seinen zwei fantastischen Reisegeschichten und den erzählerischen Illustrationen dieser Traumwelten, „Wszystko Gra“, das „Non-Fiction“-Preisträgerbuch kommt aus Polen. „Migrar“ aus Mexiko ist der Gewinner in der Kategorie „New Horizons“, das auf einem großen Blatt nur mit freskenhaften Illustrationen die Suche eines Jungen nach seinem Vater bebildert, und für „Opera Prima“ hat „Tabati“ aus dem Libanon gewonnen: Das Buch von Lara Assouad Khoury (Text von Nadine R. L. Touma, Verlag Dar Onboz) erzählt von einem kleinen, roten Punkt, der sich aus Langeweile auf eine Reise bis ans Meer macht, wo er im Bauch eines kugelrunden, gelben Fisches landet. Der sich dann in einer Badewanne wiederfindet und ihn ausspuckt. So einfach wie fantasievoll sind die Holzdrucke, die Tiere, Autos, Berge, Wälder und sogar die ornamentale arabische Schrift aus den geometrischen Grundformen bilden: Sodass auch sie aussieht wie eine fröhliche Bildergeschichte.

     

     

    Fotos: Susanne Marschall

     

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