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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 19. August 2017 | 16:49

    Oliver Jeffers: Der unglaubliche kleine Bücherfresser

    16.04.2012

    Das große Aufklapp-, Lies- und Hab-Spaß-Theater

    Oliver Jeffers’ wunderbare Geschichte über den unersättlich Bücher verschlingenden Henry wurde aufgepeppt. In einer Pop-up-Version entfaltet sich Der unglaubliche kleine Bücherfresser zur wahrlich köstlichen Lektüre, mit Seiten und Bildern, die sich aufklappen, schieben und lustvoll entdecken lassen. Von MONIKA THEES

     

    Hereinspaziert! Hereinspaziert! Dieses Buch ist großes Theater, allerfeinstes sogar. Der Vorhang geht auf, die Lichter knipsen an. Henry, der kleine Bücherfresser, hat das Unglaubliche fertiggebracht. Er verschlingt Bücher, alles, was irgendwie zwischen zwei Buchdeckeln steht: Romane, Tier- und Abenteuergeschichten, Lexika, Wörterbücher, Witz- und auch Mathebücher, diesen trockenen Kram. Und das nicht langsam, Seite für Seite, Absatz für Absatz, sondern mit enormer Schnelligkeit, einem Tempo, dass einem dabei der Atem stockt. Einfach unglaublich, das Ganze – und wie.

     

    Zunächst fing alles ganz harmlos an. Henry, der Knirps, der gerade mal die Schulbank drückt, mochte Bücher – aber nicht, wie jedermann Bücher liebt. Nein, nein. Anfangs verschluckte er, ganz aus Versehen, ein Wort, dann einen Satz – und, na ja, im Laufe der Woche hatte er bereits ein ganzes Buch verschlungen, richtig aufgegessen mit Einband, Titelseite und Inhaltsverzeichnis. Na, ob das gut gehen kann? Bücherlesen macht klug, denn immerhin steht in ihnen viel Wissenswertes, Bücher berichten von fremden Ländern, erzählen spannende Geschichten – und Schlausein ist ja irgendwie cool. Oder nicht?

     

    Schieberiegel und Faltbriefchen

    Oliver Jeffers, 1977 in Australien geboren, in Nordirland aufgewachsen und derzeit in Belfast wohnend, landete 2007 mit dem Bilderbuchband Der kleine Bücherfresser einen echten Coup. Ausgezeichnet als Irish Picture Book of the Year 2007 und im Dezember des Jahres von der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendbücher zum Buch des Monats gekürt, setzte der Designer, Maler und Illustrator das fort, was mit How to catch a star 2004 begann und sich mittlerweile zu einer beachtlichen und höchst aufregenden Reihe an Bilderbüchern erweitert hat. Pünktlich zum 70. Geburtstag der Fünf-Freunde-Reihe Enid Blytons erschien im Februar 2012 Jeffers’ Version des Bandes Five go to Smuggler’s Top.

     

    Als bildender Künstler sprengte Jeffers früh die Zweidimensionalität der Leinwand, seine Collagen und Installationen stoßen vor in den Raum. Er entwickelte Machines for the Future und Brillen für die vierte Dimension, da erstaunt es nicht wenig, dass auch sein Bücherfresser Henry, die strichdünne Figur mit übergroßem Kopf, vordringt in die Räumlichkeit. Bewegliche oder auch lebende Bücher nannte man früher die Kunst der Büchertüftler und Papieringenieure, die mittels aufwändig als auch kunstvoll ausgeklügelter Falttechnik uns Leser befähigen, interaktiv ins Bildgeschehen einzugreifen: per Schieberiegel, Faltbriefchen und mechanisch hervorspringender Bildkulisse. Diese alte Kunst erlebt, dank eifriger Nachfrage der jungen und allerjüngsten Leserschar und niedriger Herstellungskosten in Ost-/Südostasien eine blühende Wiedererweckung und -entdeckung.

     

    Ein schlimmes »Bisschen« zu viel

    Als Buchtheater mit Falteinlagen, Papprädchen und aufklappbaren Tableaus, collagiert auf liniertem, kariertem Untergrund oder gar auf Zeitungsseiten, entschleunigt das Pop-up-Buch das allzu schnelle Lesen und mindert die unersättliche Gier nach einem »immer mehr« an Text und Seitenzahl. Der Automatismus von Henrys wahllosem Bücher-Verschlingen »Buch hinein – Informationen an Gehirn (Gehirn wird größer) – Bauch wird voller« erfährt allein durch die Physis des Buches das heilsame Stoppen, das der Junge bei allem Wissensdrang und in seinem Streben nach Schlaumeierei samt Karriere im Quizfernsehen übersieht. Zwar weiß Henry bald, welches Futter sein Goldfisch Ginger braucht, er kann auch die Kreuzworträtsel seines Vaters lösen und ist sogar schlauer als die Lehrerin in der Schule. »Aber dann fingen die Dinge an, weniger gut zu laufen.«

     

    Ehrlich gesagt, sie liefen mehr als schief, sehr schief sogar: Nachts entsteigen den Büchern Monster und quälen den armen Henry im Traum, nach dem schnellen Bücheressen tags darauf wird er grün und grüner im Gesicht. Er spürt dumpfe Übelkeit, die vom übervollen Magen langsam in den Kopf steigt. Und hier, im Hirn, droht das größte Unheil, das »schlimmste Bisschen«, wie es René Blum, verantwortlich für die Übertragung des Jeffers’schen Originals ins Deutsche, so treffend übersetzt. Ein »Bisschen« zu viel, und all das angefressene Zahlen-, Wörter- und Formelfutter wird zum großen Kuddelmuddelbrei, durch den kein einziger klarer Gedanke den richtig und logisch schlüssigen Weg findet, geschweige die Aufgabe 2 + 6 zu ihrer simplen Lösung stößt.

     

    Auweia, Henry. Das hilft nur Remedur, laut Anweisung des Arztes die radikale Kur: »Keine Bücher mehr!» Da sitzt er nun, starrt auf das Goldfischglas mit Ginger, dem es im bauchigen Rund des Glases genauso langweilig ist wie dem Jungen auf Bücherentzug. Das kann es nicht sein, und ein bücherloses Leben, nun ja, eigentlich möchte das keiner leben. Das wäre fade, öde und, seien wir ehrlich, auch kein Happyend dieser absolut unglaublichen Geschichte. Jedoch: Eines Tages entdeckt Henry ein halb gegessenes Buch, er isst es nicht, er liest es – langsam, mit Genuss. Es dauert eben »ein Bisschen länger«, Slow Food für Kopf und Seele und, genau wie dieses Buch, ein Vergnügen, unwiderstehlich köstlich, zur lehrreich-unterhaltsamen Lektüre geeignet, nicht zum Schnellimbiss-Verzehr!

     

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