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Donnerstag, 30. März 2017 | 10:52

Herbert Günther: Mein Leben als Fee

27.02.2012

Erde an Anna-Lena

Welches Mädchen träumt nicht von einem alternativen Dasein als Fee im Paralleluniversum! Umgeben von rosa Tüll, mit hellblonden Locken, vielleicht einem tanzenden Ferkel im Tutu als Hofnarren, in der Hand den blitzenden Zauberstab, der jeden Wunsch erfüllt, unangreifbar macht und Riesenkräfte verleiht? Anna-Lena wird nachgesagt, sie sei eine Fee, nun muss sie sich auch entsprechend verhalten. Die Frage ist bloß: Ist sie eine gute oder eine böse Fee? Auf die Suche nach der Antwort bei Herbert Günthers Mein Leben als Fee begibt sich VIOLA STOCKER

 

Am Anfang ist alles so unglaublich zauberhaft, dass es selbst Anna-Lena nicht wahrhaben mag. Moritz hat ihr einen Brief geschrieben, der Junge, der mit seinen Eltern wegziehen musste und nun am anderen Ende der Welt lebt, in Brasilien. Er schreibt, Anna-Lena sei eine Fee. Er schreibt, sie seien Zwillinge, Castor und Pollux seien die Sterne, die sie verbinden. Anna-Lena Möller ist verzaubert, plötzlich ist alles an ihr anders. Schade, dass das niemand zu sehen scheint, ihre Mutter nicht und die Kassiererin im Supermarkt auch nicht.

 

Realität als Rosskur

Leider hat Anna-Lena auch weiterhin wenig Glück. Ihre Eltern eröffnen ihr, dass sie sich trennen werden, für Anna-Lena bricht eine Welt zusammen. Als Scheidungskind hatte sie sich bisher noch nicht gesehen, sie ist doch eine Fee! Anna-Lena ist traurig und wütend, Moritz' Brief das Einzige, das sie trösten kann. Gut, dass sie ihre beste Freundin Carlotta hat, auch sie ein Scheidungskind, denn plötzlich ist sie auf sich selbst gestellt. Ihr Vater zieht aus, die Mutter geht wieder arbeiten, sie selbst schießt beim Computerspiel ihre Sorgen tot.

Ohne ihre Zwillingssterne Castor und Pollux könnte Anna-Lena schier verzweifeln. Mit ihnen hält sie mehrfach Zwiesprache, sie bestätigen sie in ihrer Eigenschaft als Fee. Das ist wichtig, vor allem, als Anna-Lena beginnt, sich gar nicht feenhaft zu benehmen. Sie ruiniert mit einem hässlichen Streit Carlottas Geburtstag und ist plötzlich einsamer als je zuvor. Aber sie ist eine Fee. Eine böse Fee. Eine, die ihrem Vater sein Glück nicht gönnt, und ständig gekränkt ist. Eine, die ihrer aufblühenden Mutter nachspioniert. Eine, die sich nicht bei ihrer Freundin Carlotta entschuldigen kann.

 

Der kategorische Imperativ

Anna-Lenas Chaos wendet sich erst dann zum Guten, als sie die böse Fee in sich überwinden kann. Sich versöhnen, sich zurücknehmen ohne zu eifern, den Liebsten jedes Glück gönnen und ihnen die Möglichkeit zugestehen, ihr eigenes Handeln kritisch durchdenken zu können. Es ist Kants kategorischer Imperativ, den Günther hier kindgerecht formuliert. Ohne Hilfe gelingt das jedoch nicht, und so trifft Anna-Lena in Helene, einer Entwicklungshelferin, eine echte gute Fee. Die sie nimmt, wie sie ist, nicht fragt und doch verzeiht. Also all das kann, was Anna-Lena nicht konnte.

Durch diesen Transfer von Good Vibes erfährt Anna-Lena dann doch, wie schön das Leben sein kann. Sie lernt, die beste Freundin zu teilen und wie zum Dank versöhnen sich die Eltern.
Und Helene macht ihr ein feenhaftes Abschiedsgeschenk, bevor sie genauso in die Ferne entschwindet wie der Briefe schreibende Moritz.

 

Ethik und Erde

Herbert Günther erzählt Anna-Lenas Geschichte vorsichtig, möglichst nah an der Realität und anfangs auch ohne erhobenen Zeigefinger. Der kann aber doch nicht ausbleiben, bei einer derart komplexen Thematik wie der Liebe; und als Günther ihn doch erhebt, ist man anfangs erstaunt, wie viel er seinen kleinen Lesern zumutet an emotionaler Zerrüttung und Angst. Das Happy End ist so ein Muss, um etwaigen kindlichen Infarkten vorzubeugen, doch es ist weder logisch noch zwingend. So fesselnd Günther die Geschichte eines Scheidungskindes auch entwickelt, er vergibt sich die Chance, sie zum – vielleicht auch bitteren – Ende zu führen. Die Versöhnung folgt so schnell auf den letzten paar Seiten, dass man meinen könnte, Günther hätte die Lust am Schreiben verloren. Er schafft damit auch eine zauberhafte Illusion, an seine kleinen Leser gerichtet: alles nicht so schlimm, das Happy End kommt immer. Obwohl Günther damit die Gelegenheit verschenkt zu beweisen, dass Glück nicht immer einem bestimmten Muster folgen muss, ist die vorhergehende Geschichte so packend erzählt, dass man ihm das gut gemeinte Ende gerne nachsieht.

 

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