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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 22. Mai 2017 | 23:18

    Beong-gi Bae / Seung-min Oh: Mias Traumbär

    16.01.2012

    Eine Traumreise durch die Nacht

    Mia ist ein kleines Mädchen in Korea. Ihre Eltern arbeiten den ganzen Tag, Spielsachen besitzt Mia keine. Nur ein einziges Bilderbuch über einen großen, weißen Bären. Mit ihm träumt sie sich durch ihre Einsamkeit. ANDREA WANNER träumt mit.

     

    Wir nähern uns im Dunkeln einem Haus, aus einem Kellerzimmer mit vergittertem Fenster fällt Licht auf die Straße. In diesem Zimmer sitzt Mia und wartet auf ihre Eltern, die beide bei der Arbeit sind, die Mutter in einem Restaurant, in dem sie bedient, und der Vater als Straßenhändler für Trödler. Armselig wirkt der Raum, was leuchtet ist das Bilderbuch und sind Zeichnungen an der Wand, auf denen Mia sich, ihre Mutter und den Bären gezeichnet hat. Und ein weiterer kleiner Trost ist der rote Pullover, der nach Mama riecht und mit sich Mia zudeckt, wenn sie müde wird. Das Warten dauert lang. Sehr lange.

     

    Ein Traum wird wahr?

    Doch dann geschieht das Wunderbare: der Bär steht plötzlich ganz lebendig und riesengroß vor Mia und fragt sie nach ihren Wünschen. Mia ist darauf gefasst. Eigentlich möchte sie einen Tag lang mit dem Bären spielen – so wie das Mädchen in ihrem Bilderbuch. Aber noch dringlicher ist ihr anderer Wunsch: sie möchte zu ihrer Mutter, möchte beide Eltern finden und nach Hause holen.  Kein Problem für den Bären. Der schnuppert an dem roten Pullover wie ein Spürhund und macht sich dann mit Mia auf seinem Rücken auf den langen Weg durch die Nacht.

     

    Zarte Acrylbilder in dunklen Tönen mit kleinen Lichtern – Straßenlampen, Autoscheinwerfern, dem hellen Fell des Eisbären – erzählen eine leise, poetische Geschichte, die eigentlich ungeheuer traurig ist. Denn sie auch wenn Mia und ihr Bär beide Eltern finden und in einer unvergessenen Szene zu viert von hinten zu sehen sind – groß und mächtig auch in der Ferne der Bär, winzig Mia auf seinem Rücken und nur schemenhaft die Eltern an der Seite des Bären – und die Dunkelheit der schmutzigen Großstadt durch unzählige Schneeflocken wie verzaubert wirkt, ist das wirkliche Ende doch ernüchternd. Mia liegt allein mit ihrem Bilderbuch und dem roten Pullover auf dem Fußboden des Kellerzimmers schläft und träumt dabei „den schönsten Traum ihres Lebens.“ Aber es ist eben nur ein Traum und die Realität der Kleinen sieht ganz anders aus.

     

    Ein Buch in einem Buch

    Und um wie vieles anders ist erst das Leben von Tilly, der Kleinen aus Mias Bilderbuch. An keiner Stelle verrät der Autor Beong-gi Bae etwas über dessen Inhalt. Aber die Illustratorin Seung-min Oh hat nicht nur den Eisbären stark an sein Vorbild angelehnt sondern auf ihren Illustrationen im Miniaturformat auch die Bilder aus dem „Original“ so nachempfunden, dass man sie alle problemlos dort finden kann. Es ist der Klassiker „Der Bär“ von Raymond Briggs, 1999 auf Deutsch erschienen und leider längst vergriffen. Darin erzählt der 1934 geborene englische Illustrator und Cartoonist, die Geschichte von einem Eisbären, den nur die kleine Tilly sehen kann. Er taucht eines Tages auf, bringt den Familienalltag durcheinander, in dem er ein Chaos ums andere anrichtet und Tilly wünscht sich, dass er für immer bei ihr bleibt. Ein zuhause arbeitender Vater und eine berufstätige Mutter kommentieren den Bären schmunzelnd: „Ahhh! Die wunderbare Phantasiewelt von Kindern.“

     

    In welchem Kontrast steht die geborgene Kindheit von Tilly zu dem Leben von Mia. Wie anders geht die extrovertierte, selbstbewusste Tilly mit ihrem Bären um als die schüchterne Mia, die sich eng in das Fell des großen Tieres schmiegt, dort Sicherheit und Geborgenheit sucht. Wie witzig und amüsant reihen sich die schwungvollen Buntstiftbildchen bei Briggs aneinander und wie schwer wiegt die sehnsüchtige Stimmung in den malerischen Doppelseiten, die Seung-min Oh gestaltet.

     

    Es ist eine Geschichte, die berührt und nachdenklich macht. Vielleicht auch in Kinderzimmern, in denen materieller Mangel unbekannt ist. Und vielleicht spüren auch jüngere Kinder schon, dass es nicht ein Regal voller Spielsachen ist, das Mia vermisst.

     

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