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Heinz Janisch, Silke Leffler: Warum der Schnee weiß ist

31.10.2011

Die stolzen Blumen und der Schnee

Einst war der Schnee farblos und durchsichtig wie der Wind. Wie und warum er zu seinem weißen Kleid kam, erzählt das Märchen von Heinz Janisch. Silke Leffler illustrierte es in leuchtenden Farben, wunderschön und voller Poesie. Von MONIKA THEES

 

Schnee finden alle Kinder toll. Er ist so schön weich, strahlend weiß und glitzert in der Sonne. Wenn er sein weißes Kleid ausbreitet, erglänzt die Welt, leuchten Kinderaugen. Im Winter, wenn es am Abend früh dunkel wird, wirbeln draußen vor dem Fenster dicke Flocken und bedecken Garten, Wald, Wege und Dächer. Drinnen im Zimmer ist es gemütlich warm, die kleine Mira steckt schon im Pyjama, denn es ist Zeit, schlafen zu gehen. Doch zuvor bittet sie den Vater, ein Märchen zu erzählen. Beide schauen aus dem Fenster, sehen den tanzenden Schneeflocken zu, und er beginnt: »Weißt du, warum der Schnee weiß ist?« Sie schüttelt den Kopf, schiebt ihre Zehen unter die wärmende Decke und hört gespannt zu.

 

Nein, der Vater erzählt nicht von den Schneekristallen, die über- und untereinanderliegen und winzige Spiegel bilden. Nicht von der Lichtbrechung zwischen Eis und Luft, nicht vom Sonnenlicht und davon, dass ein Gegenstand weiß erscheint, wenn er das ganze einfallende Lichtspektrum reflektiert. Warum der Schnee weiß ist berichtet von einem einst farblosen Gesellen mit langem Mantel, Bart und Mütze, genannt Schnee, und den schönen, stolzen Blumen voller Farbe und Leuchten. Die Geschichte des Vaters folgt einem alten Märchen, vermutlich aus der Oberpfalz und häufig variiert, deutet es neu und erklärt Mira das Weiß des Schnees wie auch den Namen einer kleinen weißen Blume mit winzigen Glöckchen, uns bekannt als Schneeglöckchen.

 

Das Violett des Veilchens, das Rot der Rose

Heinz Janisch, 1960 geboren in Güssing und in Wien sowie im Burgenland lebend, ist seit 1982 Hörfunk-Mitarbeiter des ORF und heute verantwortlicher Redakteur der Ö1-Sendereihe Menschenbilder. Er schrieb zahlreiche Erzählungen und Gedichte für Anthologien, veröffentlichte eigenständige Publikationen, darunter Kinder- und Jugendbücher, viele wurden preisgekrönt. Außer dem Österreichischen Staatspreis für Kinderlyrik und dem Bologna Ragazzi Award erhielt Janisch für Wie war das am Anfang den Katholischen Kinder- und Jugendbuch Preis 2010. In seiner neuesten Bilderbuchgeschichte Warum der Schnee weiß ist lässt er den Schnee auf die Suche gehen: nach einer Farbe, die ihn schmückt, die ihn sichtbar macht. Er triff die bunten Blumen der Wiese, des Gartens ...

»Mir ist wichtig, dass Kinder Bücher als Geschenk erleben, wie eine Art Wundertüte: Man macht sie auf und lässt sich überraschen«, sagt Janisch. Das Märchen vom Schnee, der so durchsichtig ist wie der Wind, entfaltet sich zum Reigen der Jahreszeiten, der Schnee schreitet durch Frühling, Sommer und Herbst: Er, das unscheinbare Strich-Männlein, trifft auf die Farbenfülle der Blumen: das Violett des Veilchens, das Gelb der Sonnenblume, das Rot der Rose ... Er bittet um ein wenig Farbe, probiert ein leuchtendes Rot, ein Sonnenblumengelb, das Grün des Grashalms und das Blau der Kornblume. Probieren? Ja, das gestatten sie dem Schnee, doch keine Blume will ihre Farbe mit ihm teilen.

 

Narzisse, Nelke und Schlüsselblume

Silke Leffler, freischaffende Textildesignerin, seit 1998 Illustratorin für Kinderbücher und 2006 ausgezeichnet mit dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis, findet zu Janischs Märchen anmutige Bilder voller Blumen- und Blütenpracht. Auf zart bleu, hellgrün und beige grundiertem Hintergrund erfalten Primel, Narzisse, Dahlie, Nelke und Schlüsselblume ihre üppige Fülle an Gelb, Rot und tiefem Blau. Je eine Blumenprinzessin mit voluminöser Turmfrisur und in kunstfertig geschneidertem Blütenblättergewand tritt dem nur als Kontur mit Bleistift gezeichneten Schnee entgegen. Er hüllt sich kurz in leuchtendes Rot, er glitzert blau in der Sonne, schimmert wunderbar violett. Doch »Aber ich ... ich brauche meine Farbe noch«, rufen die Blumen rasch und ziehen ihr schmückendes Grün, Gelb oder Blau zurück.

 

Konträr zu den schlanken, hochgewachsenen Blumen, ihrer Eleganz und Formenvielfalt steht die massige, blass durchsichtige Strich-Figur des Schnees. Nackte Kristallgerippe stecken in seiner Manteltasche, ein kahles Kristallgeäst ziert seine Mütze, ein breiter, wattierter Mantel umhüllt die dürre Figur. Kein Blumenarm greift nach seiner kalten Hand, der kecke Grashalm weist ihn ab, die Rose lächelt huldvoll und wendet sich ab. Der Schnee wagt kaum weiter zu fragen. Doch eine kleine weiße Blume mit winzigen Glöckchen erhört seine Bitte nach Farbe und teilt mit ihm sein Weiß. Seitdem trägt der Schnee sein Kleid mit Stolz, zeigt er sein strahlend schönes, glitzerndes Weiß überall auf Wiesen, Feldern und Straßen.

 

Das kleine weiße Schneeglöckchen

Flächige Farbigkeit und grafische Form verbinden sich in Silke Lefflers Illustrationen zu ganzseitigen Tableaus voller Poesie und Zauber. Detailgetreu wiedergegebene Blumen und ein filigranes Dekor aus Mustern und kleinteiligen Strukturen weisen dem Märchen eine Sphäre zu, in der sich genaue Beobachtung mit fantasievoller Erzählung und Deutung mengt. Das von den stolzen, überbordend herausgeputzten Blumen abgewiesene und nur vom Schneeglöckchen erhörte Schnee-Männchen erweist sich dankbar gegenüber dem weißen, großherzigen Blumenkind und lässt es im Winter geschützt, unberührt und in aller Ruhe blühen.

 

Auf alle anderen Blumen ist der Schnee bekanntlich nicht gut zu sprechen. Wann immer und wo er kann, bedeckt er sie mit seinem Weiß. So im Winter, wenn die dicken Flocken vor dem Fenster erst sanft und dann immer dichter wirbeln, wenn Mira schließlich einschläft unter der watteweißen, warmen Bettdecke und von den bunten Blumen träumt – den Stiefmütterchen, den Gänseblümchen, den rosaroten, den gesprenkelten Blüten – und von den Schneekristallen, die leuchten und glitzern wie Sterne.

 

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